24. März 2005
1. Als sähe man ihn stehen an diesem Ort, an diesem gottverlassenen, unmöglichen, vor allem für ihn unmöglichen Ort. Als hätte er sich in der Tür geirrt. Ganz verkehrt, wie ein in einem Text auf dem Kopf stehender Buchstabe. Als hätte ihn ein wunderlicher Zufall hierher verschlagen zu jenem Schauplatz einer Entgleisung, einer bösen Tat, eines Delikts immerhin, dem er, als erster und vielleicht einziger, die einzig angemessenen Worte fände. Letztgültige Worte. Doch kämen sie ihm keineswegs flüssig über die Lippen. Stammelnd, fast zaghaft, schüchtern fast, weniger erschrocken als verblüfft, weniger vom Grauen erfüllt, das nahe liegender Weise jeden erfasst hätte – jeden, aber ihn nicht! -, als von einem grenzenlosen Erstaunen, einem maßlosem Erstaunen. Er, der erste Mensch. Wenn man so will. So sehen wir ihn vor uns, wenn man so will, auf der Schädelstätte, auf verfluchtem Gebiet, der Zone, am Fuß des Kreuzes, vor dem ans Kreuz genagelten Kadaver, dem ausgebluteten Fleisch. Er, der erste Mensch, der vielleicht nicht recht begriffen hätte, was da geschah, ihm und „dem da“, nicht im eigentlichen Sinne (denn wer könnte das schon?), der aber als erster jene Worte gefunden hätte, die hier einzig noch gesprochen werden konnten und mussten. Gesprochen, gestammelt, gestottert: jenes letztmöglich Sprechbare ganz am Rande einer unverzeihlichen Stummheit.
Stellen wir also die Chronologie auf den Kopf, die gewöhnliche Ordnung der Dinge oder der Zeit. Die Vulgarität einer Sukzession jedenfalls, die, was auch immer geschehen sein mag, glaubt rubrizieren, ein- und zuordnen zu können, was geschehen sein mochte, früher und später, das eine die Bedingung des anderen, das eine Ursache und Fall des anderen. Bringen wir die Zeit zum Tanzen, zum Taumeln, zum Beben. Bringen wir sie zum Zerspringen. „Éclatement du temps“, so sagte das Lévinas einmal, und meinte damit nichts Geringeres als jenen Traumatismus, der nicht oder nicht nur ein Ereignis in der Zeit anzeigt, sondern das Ereignis der Zeit selbst. Wunde und Verwundung in der Zeit und, genauer, der Zeit selbst. Der Eklat setzte eine Rückläufigkeit frei, wo das Ereignis in der Prägnanz seiner zeiträumlichen Gegebenheit seine mysteriöse Wirkung allererst zu entfalten beginnt, ist es als Ereignis längst vergangen. Eine gespensterhafte Wirkung und Fernwirkung der Zeit in der Zeit, als ob ein wie auch immer geartetes Ereignis nicht in die Vergangenheit absänke, sondern in die Zukunft ausstrahlte. Mit steigender Intensität: wie ein Echo, das von Mal zu Mal lauter würde.
Wie ein Fluch, der all die kommenden Geschlechter schon heimsuchte, noch bevor sie geboren wären. Fluch auf das Christentum: wenn also Nietzsche, um den geht es hier, den Tod Gottes stenographiert, antwortete er damit nicht auf die Geschichte und Genealogie des Christentums, der abrahamitischen Verwirrung eines „Monotonotheismus“ (Friedrich Nietzsche), der das Diesseits um willen eines hochwertigen Jenseits abwertete, schmähte und bis auf den heutigen Tag schändete. Man kennt all das, man kennt die Klage. Metaphysik wäre eines ihrer Pronomen; Christentum ein anderes. Doch korrespondierte seinem Manifest der antichristlichen Internationale die Latenz einer Ungläubigkeit, die ihn befiel wie ein Aussatz. Ungläubiges Erstaunen. Der unwillkürlich verdeckte Glutkern der Nietzscheschen Inspiration wäre jener Ausruf auf dem Scheitel Golgathas, am Fuß des Kreuzes, im Angesicht Gottes, der kein Gesicht hat; der ein einziges Mal ein Gesicht haben sollte, eine spiegelreflexive Fotografie seiner selbst, nur um zu zeigen, dass er tot sei. Ist es möglich, dass vor ihm (und nach ihm?) noch niemand je wirklich sah, was geschehen war? Dass noch kein Rechtschaffener je aufgenommen hätte, was passierte, was wirklich passierte? Ist es möglich, dass Nietzsche der erste Mensch wäre, bei dem die „Erfahrung“ anzukommen begonnen hat, dass Gott tot sei? Ist es möglich, dass die Geschichte des Christentums, diese ganze Geschichte des Christentums in ihrer maßgeblichen Exemplarität und überbordenden Exzentrik ein einziger groß angelegter, großartiger und verzweifelter Versuch war, im Angesicht dieser Unfassbarkeit die Fasson zu bewahren? Und sei’s um den Preis ihrer Wahrheit, ihrer ungeheuerlichen, unerbittlichen und, vielleicht auch das, tödlichen Wahrheit? Ja, ja, es ist möglich…
2. Gott ist tot. Am Kreuz. Das stumme Zeichen, das diese beiden Wendungen interpunktiert, markiert und manipuliert jenen Punkt, an dem eine Orthodoxie von beeindruckender Reichweite und Statur zu Schanden zu gehen droht, seit es sie gibt. Seit es sie gibt, informierte sie das Kreuz zur Chiffre und zum Medium einer Erlösung, einer Überwindung und Bezwingung des allerübelsten Übels, jenes giftigen Stachels, der uns in die Knie zwingt und die Knie brechen lässt. Doch die Erlösung käme zu früh, die Enderlösung, wie der stets zur Unzeit eintretende Tod, der Freund Hein, der immer überstürzt anreist, um dann zu bleiben wie ein ungebetener Gast. Die Paradoxie der Orthodoxie bestünde in ihrem Raffinement, diesen Tod-am-Kreuz zu verleugnen, indem sie ihn bezeugt, benennt und thematisiert. Indem sie sich bekreuzigt. Indem sie ihn zum Thema macht ihrer Liturgien und Exegesen, ihrer Regularien der Riten und des Kults, der ganzen vermaledeiten Kultur der Einhegung eines Todes, der dieses eine Mal ein erstes Mal ein Gesicht bekommen sollte. Ecce homo: Das im Tod erstarrte Gesicht Gottes. Und das Christentum wäre die Maske auf diesem Gesicht. Also gäbe es Christlichkeit nur jenseits des Christentums im Christentum?
Wer weiß? Das Schriftgelehrtentum jedenfalls, das sich derzeit in den Grillen eines Szientismus austobt, der die Schwindsucht des längst welk gewordenen Fleisches zu heilen verheißt, bildete die kosmische Konstante einer Sitte, die den Tod auf ihre Fahnen schrieb, weil sie den am Kreuz um nichts in der Welt ertrug. Sie klirren im Wind. Als wollte man die Kränkung, dass der Heiland verschied, restituieren; genauer: sie ein für alle Male und für alle Zeiten auslöschen. Diese Politik der Auslöschung, ihr Furor, ihr Ingrimm, ihr Wahnsinn wäre, könnte es scheinen, unser Schicksal.
3. Im Kadavergehorsam gegenüber einem gesamtgesellschaftlichen Dispositiv der Selbstermächtigung, der Machenschaft und der Macht hätte Kunst ihre Klippe. Zwischen zwei Fatalitäten. In den ihr zugeschriebenen Exerzitien der Freistellung und Entlastung, der Auskleidung, Ausschmückung und Ornamentierung einer wahlweise als ordinär, trist oder derb, als unübersichtlich, zu komplex und prekär apostrophierten Realität verfehlte die Kunst ihren Namen und ihren Begriff nicht minder, wie in ihrer Indienstnahme um willen einer prästabilisierten Moral. Sie wäre so wenig „Erlebnis“ wie „Konzept“. Ihre Mimesis ans Materielle reduplizierte es ebenso wenig wie die Mimesis an Ideelle es repräsentierte. Ihre Mimesis, gesetzt, dieser Ausdruck hätte noch Sinn, wäre vor alle eins: Produktivität, Provokation, Hervorbringung dessen, was zu sein den Anspruch erhebt. Was zu sein trachtet.
Mit anderen Worten: Kunst ist, wenn sie ist, vor allem: Denken. Eine ganz eigene und auf andere Praktiken irreduzible Akrobatik des Denkens. Und dieses Denken wäre Denken-des-Fleisches? Denn immerhin, so heißt es, wurde das Wort Fleisch. Weshalb es hohe Zeit wäre, damit ernst zu machen. Denn immerhin wurde dieses Fleisch, dieser Logos als Fleisch und als Sohn, gemartert und geschlachtet. Weshalb es hohe Zeit wäre, damit ernst zu machen. Mit dem Eklat dieses Todes, seines Todes, des Todes Gottes am Kreuz.
Das wäre der Eklat der Zeit, der Neuen Zeit, vergessen wir das nicht. Sie aber verhieße vor allem eines: den Neuen Adam, die rettende Wiederholung der ersten Geburt. Leibhaftige Geburt des Menschen als Erdling. Das Begehren der Kunst im Kernschatten des Kreuzes, das einmal nicht als T-Träger heilsökonomischer Dividendenausschüttung funktioniert, wäre ein Begehren nach Erde, nach Asche und Staub, nach Gras. Als senkte sie den Kopf, wie ein Jagdhund, der zu schnüffeln beginnt, die Nase über dem nassen Asphalt. Treue wäre ihr Movens, wie auch immer sie ihr Ausdruck gäbe; Treue gegenüber dem Fleisch der Dinge, ihrer Stofflichkeit, der Matrix und Materialität, ihrer Erdigkeit. Treue und eine Trauer, die nicht mehr enden wird. Von einer Auferstehung nämlich weiß sie nichts. Das wäre ihre Art zu beten. Gibt es noch andere?
4. Karfreitag wäre das Nadelöhr, durch das hindurch müsste, wer ankommen wollte in der Welt. Zur Welt kommen oder geboren werden. Denn wir sind ja noch längst nicht da. Wir sind im „Orbit des Imaginären“, völlig losgelöst, über den Wassern, und wir begreifen es nicht. Die Welt sei alles, was der Sündenfall ist, flüsterte einst ein Rabbi im Inkognito des Universitätsprofessors. Sie aber beging vor allem und zuforderst diese eine Sünde, die Sünde der Sünde: die protokollierte Amnesie seines Hinscheidens. Daran zweifelte Nietzsche. Daran verzweifelte er. Als risse er das Wundpflaster von einer seit langem schwärenden Wunde, als risse er sie auf. Sie blutet, sie ist roh, sie schmerzt. Der Intensität dieses Schmerzes entspräche die Intensität des Glücks (ja, des Glücks!), das eine Kunst stiftete, das ihn nicht anästhetisierte.
Also hätte sie die Wahl. Als Narkotikum gehörte sie zu den starken Attributen einer zivilisatorischen Methodenlehre, die die Nähe Gottes imaginiert, hofiert und erzwingt, in welcher Gestalt auch immer er daherkäme. Als Passibilität würde sie empfindlich für seine Ferne, empfänglich für die Welt. Die Welt gebären, in die ich geboren werde: ist das der Sinn der Erde? Der abrahamitische Schlaf der Monotheismen zeitigte den Weltbürgerkrieg um das Erbe Jerusalems. Er hat längst begonnen. Sein Einsatz ist Schwindel erregend. Wir fordern eine Kunst als Einübung in die Askese eines Erwachens, das nichts anderes wäre als ein Wachwerden vor dem Faktischen. Koinzidenz und Ununterscheidbarkeit von Frömmigkeit und Politik. So also hingen Gottes-Tod-am-Kreuz und die Sturzgeburt des Menschen, dieses Frühchens, dieses Erdlings zusammen? Der gekreuzigte Gott, der kreuzweise ausgestrichene Gott, dieser Chiasmus aber forderte vielleicht nur eins: angesichts all dessen so ratlos zu sein wie Nietzsche. So ratlos wie ein Gott, der damit, mit diesem Massaker, nun wirklich nicht rechnen konnte.
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