Philipp Schönborn im Museum für Fotografie, Berlin

Babylonische Bildverirrung

Anne Haun-Efremides
18. März 2005
Als Maria Magdalena unterm Kreuz präsentieren sich die Big Nudes Helmut Newtons im Museum für Fotografie seit einer Woche durch ihre unmittelbare Nachbarschaft zu der Sonderausstellung mit dem programmatischen Titel Heiliges Land. Der in München lebende Künstler Philipp Schönborn transportiert seit fast 15 Jahren spirituelle Fragestellungen ins fotografische Bild. Reisen in Europa und nach Israel führten Schönborn zur Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Judentum, Christentum und Islam. Seine Arbeiten – großformatige, farbgrelle Tableaus aus Leuchtkästen - setzen auf das große Ganze und suchen Gemeinsames zwischen den Religionen. Der Kaisersaal des Museums bietet als Ruine mit seinen rohen Backsteinwänden und dem freiliegenden hölzernen Dachstuhl den adäquaten dramatischen Rahmen für soviel angestrebte Transzendenz.

Im Zentrum der Ausstellung, wie sollte es anders sein, das Aller Heiligste, ein aus dem Motiv des Jerusalemer Felsendomes – Symbol für den Trialog der Religionen schlechthin – aufgeschichteter Turm zu Babel. Der Versuch dokumentarische wie experimentelle Einzelfotografien zu Bildtableaus zu verbinden und dem fragilen Kartenhaus skulpturale Qualitäten einer freistehenden Plastik einzuhauchen, misslingt schon im Ansatz in Ermangelung eines formalen Konzepts. Schönborn – früher fotografierte er Kunst für Kataloge – kam zur künstlerischen Fotografie im Moment religiöser Bekehrung. Dies mag erklären, warum sein theozentrisches Werk eher als Kompensation eines individuellen Lebensgefühls unter Vormundschaft des Glaubens, als Mittel zum Zweck erscheint. Aber der Zweck heiligt bekanntermaßen nicht immer die Mittel und nicht jede Überschneidung einer Vertikalen mit einer Horizontalen muss notwendig als Kreuz im christlichen Sinn interpretiert werden.

Doch schnöde Immanenz ist Schönborn fern, wie er uns mit der Beschreibung des Entstehungsprozesses zu seiner an der Stirnwand des Saales platzierten Arbeit Abraham deutlich macht: „In bewusster Einfalt sage ich mir: Gott ist Himmel und viel Himmel ist Gott. Also gehe ich an den tiefsten Punkt der Erde, das Tote Meer, um viel Himmel über mir zu haben. Dort [...] fotografiere [ich] den Himmel nach Osten, Westen, Norden und Süden [...]. Die Himmelsstelle senkrecht über mir bleibt aus Ehrfurcht unfotografiert. [...]“. Schönborn liebt das spirituelle Wort, integriert es nicht nur oft direkt ins Bild, sondern stellt jedem Werk einen selbst geschriebenen Text an die Seite, der auf Faltblättern in der Ausstellung nachgelesen werden kann. Ein latenter Missionsanspruch ist nicht zu leugnen und bei aller bildnerischen Präsenz der Meditationsobjekte wird Kunst hier als Ersatzreligion zum beliebigen Gemeinplatz.

Der metaphysische Sinnverlust der westlichen Welt scheint einer allgemeinen Re-Mystifizierung Vorschub zu leisten; wir fühlen uns wieder in einer „re-ligio“ im ursprünglichen Wortsinn. Am Anfang war das Bild – oder?! Zahlreiche Publikationen und Ausstellungen der jüngsten Zeit stellen erneut die ewige Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Religion bzw. Kunst und Kirche. So trumpfte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auch hier groß auf: Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber sprach die Einführung und gab der Ausstellung sozusagen seinen Segen. Der Kurator Dr. Ludger Derenthal tat sich dann allerdings sichtlich schwer, den kunsthistorischen Bogen zu kriegen; so ist ein Vergleich mit den minimalistischen Kastenskulpturen eines Donald Judd eher zweifelhaft, der Verweis auf die vom Künstler selbst intendierte formale Parallele zu den Kirchenfenstern der Kathedralgotik sinnfällig, der Hinweis auf die farbintensiven Mittel der Reklamewelt wenig hilfreich. Es wäre bedauerlich, wenn unter dem Vorwand der Postmoderne durch Ausstellungen wie diese religiös motivierter Kitsch als Kunst wieder salonfähig würde.

Noch bis zum 19. Juni 2005 im Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Berlin-Charlottenburg. Zur Ausstellung ist im Swiridoff Verlag ein Katalog mit Beiträgen von Karl-Josef Kuschel, Eugen Biser, Annette Philp, Ludger Derenthal sowie einem Interview mit dem Künstler von Georg Maria Roers erschienen (192 Seiten, 224 Farbabbildungen, 30,- Euro).



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