Philip Tinari /Mario Ciampi: „Artists in China“

Wohnen auf dem Markt

Andreas Schmid
26. Februar 2008
Philip Tinari /Mario Ciampi : „Artists in China – Inside the Contemporary Studio“. Thames & Hudson, London, 2007. 448 Seiten. 48 £ / ca. 72 €

China boomt, aber nur wenige in Europa kennen die Protagonisten der Hausse. Zwar finden sich einige Namen inzwischen regelmäßig in den Marktranglisten wieder. Kaum jemand aber hat hierzulande Einblick in die Produktions- und Arbeitsbedingungen, geschweige denn die persänlichen Lebensverhältnisse, unter denen Chinas zeitgenössische Kunst entsteht. Der renommierte Kunstverlag Thames & Hudson hat dies zum Anlass genommen, einen ebenso großformatigen wie schwergewichtigen Fotobildband vorzulegen, der einen Einblick in die Welt chinesischer Ateliers verheißt. Der Fotograf Mario Ciampi und der Autor Philip Tinari haben sich auf den Weg durch zahlreiche Wohn- und Arbeitsräume gemacht und einen Prachtband mit mehr als 500 Aufnahmen produziert, der auf 448 Seiten mit großer handwerklicher Sorgfalt Intérieurs ausstellt und mit kurzen Essays mischt.

Beim ersten Blättern bieten die technisch wie ästhetisch hervorragenden Aufnahmen in vielerlei Hinsicht Einblicke in die Wohn - und Arbeitsverhältnisse einiger ausgewählter chinesischer Künstler, von denen die meisten bis auf wenige Ausnahmen zu den kommerziell erfolgreichen und damit Privilegierten der chinesischen Kunstszene gehören. Sie haben sich in den letzten Jahren große Ateliers und Wohnräume aufgebaut, die in diesem Band nun im Wechsel mit Aufnahmen ihrer Kunst präsentiert werden. Die Wechsel zwischen  Fern -und Nahaufnahmen folgen den Standards internationaler Innenarchitekturmagazine. Manchmal wirken die Ateliers so aufgeräumt wie diplomatische Residenzen und ähneln beinahe schon Galerien. Erstaunlich ist das oft westliche Ambiente der Wohnungen und Arbeitsräume, die in Beijing meist maisonettartig ineinander übergehen. Dort sitzen wohl auch die meisten der hier vorgestellten  KünstlerInnen, wenn man die Künstlersiedlungen außerhalb Beijings hinzurechnet. Nur die Arbeitsräume der Künstlerinnen und Künstler aus beispielsweise Guangzhou oder Hong Kong zeigen die Normalität des künstlerischen Existenzkampfes, der gewöhnlich an improvisierten Arbeitsverhältnissen ablesbar ist. Allerdings ist dieser Effekt wohl auch der subjektiven Auswahl der KünstlerInnen geschuldet. Sie orientiert sich mit Ausnahme des Spezialfalls Chen Tong an der „Hitliste“ der in den letzten Jahren internationalen erfolgreichen Künstler. Aus der Liste fällt auch in diesem Zusammenhang die Präsentation des in Paris lebenden Künstlers Huang Yong Ping heraus, da ansonsten keine im Ausland lebenden Künstler in ihren Ateliers vorgestellt werden.

Auch wenn die Texte trotz ihrer Kürze konzentriert und informativ geraten sind und man merkt, dass hier ein Autor am Werk ist, der sich schon länger mit der aktuellen chinesischen Kunstszene auseinandergesetzt hat, fällt die wenig systematische Konzeption des Bandes auf. Überraschend etwa und nicht plausibel ist die Tatsache, dass neben Künstlerateliers und Wohnungen auch einzelne Kuratoren, Sammler, Galerien und Ausstellungsräume präsentiert werden. Warum gehört dieses Betriebspersonal in einen solchen Band, zumal wichtige Räume wie auch Kuratoren fehlen, von denen man gerne gewusst hätte, wie sie leben und arbeiten z.B. Pi Li, Pi Daojian, China Archive & Warehouses  oder andere? Auch die genannten Galerien sind nach Geschmack und Vorliebe ausgesucht und in ihrem Erscheinen kaum zu rechtfertigen. Die Autoren hätten gut daran getan, statt dessen lieber noch ein paar Künstler z.B. aus Hong Kong hereinzunehmen, da dieser Teil unterrepräsentiert ist.

Was die Gesamtstruktur des Bandes angeht, so wird klar, dass es sich hier eben gerade nicht um einen repräsentativen Querschnitt chinesischer Künstlerateliers aus China handelt, sondern um eine Auswahl besonders erfolgreicher  Künstler aus den großen Zentren Beijing (mit Umgebung), Shanghai, Guangzhou (mit Umgebung) und Hong Kong. Der Rest und damit der größte Teil Chinas bleibt unbearbeitet. Damit ist jedoch der Titel des Bandes als Versprechen uneingelöst. Warum sieht man keine Künstlerateliers aus Xian,  Chengdu, Chongqing, Kunming, Hangzhou, Urumuqi und anderen Städten? Gerade die Unterschiede der Räume und Lebensweisen wären interessant gewesen.  Erst hier wäre der opulente Band zur Abenteuerreise in die Welt der Kunstproduktion geworden, die allzu oft in diesem Buch durch Herrscherrepräsentation stillgestellt wird. Ganz einfach gesagt: Es bräuchte einen zweiten Band dieser Wohnzimmertischpublikation. In ihm müssten die Autoren tiefer in die wirklichen Arbeitsbedingungen eintauchen. Dies sollte in unbedingt nachgeholt werden.

Sollte es hingegen bei dem einen Band bleiben, liegt der Verdacht nicht fern, dass es sich um nicht mehr als ein schönes Geschenk des Verlages an die üblichen Verdächtigen handelt: Sammler, Galeristen und Aktionäre, die nun ein beeindruckendes Souvenir ihr eigen nennen können. Leider zeigt es eben nur jenen Teil der chinesischen Kunstwirklichkeit, den sie sich vom großen Markt erwarten können. Einen kleinen.


Mehr im Dossier  Kunst in China

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