29. August 2007
Peter Sloterdijk: „Der ästhetische Imperativ“. Schriften zur Kunst, hg. von Peter Weibel, Philo & Philo Fine Arts / EVA Europäische Verlagsanstalt Hamburg 2007. 519 Seiten. 25,- EuroPeter Sloterdijk gilt gemeinhin nicht als dezidierter Kunsttheoretiker, aber er ist ein Philosoph mit starkem Hang zur Anschaulichkeit. Denken sei ein „Sehen im Bereich der unsichtbaren Dinge, der Ideen“ (Der ästhet. Imp.,S. 89) und so lässt sich Deutschlands derzeit wohl prominentester Denker immer wieder durch visuelle Metaphern inspirieren, vor allem durch räumliche. Das Spektrum der Sphären durchmaß er in drei dickleibigen Bänden (Sphären I: Blasen, 1998; Sphären II: Globen, 1999; Sphären III: Schäume, 2004) und holte die im Laufe der Menschheitsgeschichte entfalteten Raumimaginationen gleichsam in seine eigenen Denkräume hinein.
Der Band Der ästhetische Imperativ versammelt Essays und Vorträge von 1985 bis heute: gedankliche Exkurse zu Musik, Design, Architektur und Kunst. Sloterdijk ist ein prismatischer Aufsplitterer, der seine Gegenstände gedanklich umkreist, kein Systemdenker und Dogmatiker. Mit anderen „postmodernen“ Denkrichtungen, etwa dem französischen Dekonstruktivismus, teilt er das Interesse, die Selbstverständlichkeiten zu zerlegen, die sich im Mainstream-Denken der Moderne eingenistet haben. Die Allianz des Guten, Wahren und Schönen, der alle die Weltverbesserer noch nachhingen, die ihre Kunst- und Architekturentwürfe als unmittelbare Lebensmaximen durchsetzen wollten, ist für Sloterdijk ein Fall für den Mülleimer der Geschichte.
Gerade ein ästhetischer Imperativ, den der Buchtitel in ironischer Anknüpfung an Kant einzufordern scheint, ist das, was es für Sloterdijk nicht geben kann oder sollte. Sloterdijk hebe „die Moderne aus den Angeln“, so der Herausgeber Peter Weibel in seinem Nachwort, indem er das Band zwischen Ästhetik und Ethik durchschneide. Der Künstler ist für Sloterdijk der Einzelne, der sich gegen die herrschenden gesellschaftlichen Normen stellt, gegen die Imperative der „Polis“, der Stadt, die in diesem Buch immer wieder Thema ist, auch in ihrer frühen Blütezeit in der Antike, die bisweilen nahe an die Gegenwart heranrückt. Unser postmodernes Zeitalter, immer noch mit der „Nachuntersuchung von Aufklärungsfolgen“ (Der ästhet. Imp., S. 99) beschäftigt, ist neben der Spätantike die zweite große, von „gnostischen Exilslehren“ beherrschte Epoche. Es sind „Zeiten, in denen die Menschen zu Aussagen über ihre Deplacierung in der Welt gelangten.“ (Der ästhet. Imp., S. 115)
Andererseits wird die nur wenige Jahrzehnte entfernte Moderne – wie auch eine der Leitfragen der documenta 12 nahe legte – nun ihrerseits zum Altertum, zur Antike, die in eine ferne Vergangenheit zurückfällt: „Es kommt mir so vor, als sei Herbert Marcuse nun mit Plato, Paulus und Spartacus gleichzeitig geworden, Adorno versinkt für immer im Gespräch mit Jeremias, dem Propheten...“ (Der ästhet. Imp.,S. 321). Dass unsere Zeit von Beliebigkeit und schneller Vergesslichkeit geprägt ist, führt Sloterdijk auch auf den alle Lebensbereiche umfassenden Umgang mit technischen Geräten zurück. Sloterdijks Kritik an der Moderne ist vor allem eine Kritik an ihrer technischen Rationalität, ihrem instrumentellen Weltverhältnis, für das es heißt, die Welt zu verstehen, wenn man sie in ihren funktionellen Mechanismen nachbauen kann.
Den Geräten gegenüber, mit denen wir tagtäglich umgehen, sind wir jedoch „Idioten“. Wir verstehen nicht, was im Inneren des Kastens, in der Black Box, passiert. Der „Undurchsichtigkeit“ des schwarzen Kastens widmete Sloterdijk 1996 einen Vortrag, der bei den beiden grundlegenden Anfängen des Denkens ansetzt: dem weißen und dem schwarzen. Der schwarze Anfang „deutet die Welt nicht als etwas von sich her immer schon Offenes, sondern als etwas, was vorhergesagt und gebaut werden muss.“ (Der ästhet. Imp.,S. 108)
Die Welt als Black Box steht für den Säkularisierungsprozess der neuzeitlichen technologischen Rationalität, der uns statt der Transparenz des göttlichen Lichts heute unzählige „hochtechnologische schwarze Schachteln“ liefert, die sich an Benutzer richten, die damit zufrieden sind, nur Benutzer zu sein. Sie agieren nur an den Oberflächen der Geräte, die von Designern „charmant“ gemacht werden. Doch „verstehensfreie Interaktionen mit Geräten färben auf die Menschen selbst ab und führen zu eleganten untiefen Beziehungen.“ (S. 133). Design als Modellierung der Beziehungen zu Dingen und zwischen Menschen: Ist das die Ästhetik unserer Zeit, die der bisher unveröffentlichte Text „Minima Cosmetica“ im Spannungsfeld zwischen kosmetischer Verschönerung und ökologischen Prognosen ansiedelt? Da bleibt nur noch die „Erinnerung an eine schöne Politik“, die er in BeethovensNeunter Symphonie verkörpert sieht, die 2000 am Tag der Deutschen Einheit in Hamburg nach einer Einleitungsansprache Sloterdijks erklang.
Wo die herrschende Massenkultur unter anderem „einen Expressionismus der Gewalt und der Geschmacklosigkeit durchgesetzt“ habe, „dessen einziges Gegenstück in den Unterhaltungsbestialitäten der römischen Arena zu finden wäre“, sollte in der demokratischen Massenkultur der Versuch gemacht werden, „ein neues, diskret ausgependeltes Verhältnis zwischen dem Schönen und dem Erhabenen zu erproben.“ (Der ästhet. Imp., S. 48) Eingelöst sieht Sloterdijk das in der Architektur Daniel Libeskinds für das Jüdische Museum in Berlin, denn hier gebe es „weder nur Verführung durch das Angenehme noch bloße Überwältigung durch das Hohe und Unangenehme.“ (Der ästhet. Imp., S. 293)
Die Architektur scheint Sloterdijks räumlich inspiriertem Denken näher zu stehen als die bildende Kunst, über die man insgesamt wenig Konkretes erfährt. Sloterdijk ist Philosoph und kein Kunsttheoretiker, und am besten ist er, wenn seine essayistische und manchmal literarische Sprache den Leser oder Hörer den Verlauf seiner Gedanken anschaulich miterleben lässt. Aber die Gedankenblitze sind oft so zahlreich, dass es bisweilen schwer fällt, den roten Faden zu finden. Hier und da verliert sich der gefragte Vielschreiber in blumig verpackten Allgemeinplätzen, zwischen denen manch genialer Einfall eher mühselig herausgefiltert werden muss. So entgeht auch der Philosoph nicht der Gefahr, die er der Kunst lebendig ausmalt. Aber auf manches Oberflächendesign mentaler Black Boxes folgt wieder mindestens ein gedankliches Bild, das mehr sagt als tausend Worte.