Pekings Kunstviertel – eine Bestandsaufnahme

Landnahme für einen Wachstumsmarkt

Birgit Hopfener
7. Oktober 2008
Dashanzi 798 Art District, No. 4 Jiuxianqiao Road / Chaoyang District, Beijing, China

Noch vor kurzem wussten nur die Eingeweihten des Kunstbetriebs vom Pekinger Kunstviertel 798 und die Anfahrt glich einem Abenteuer. Heute gibt es kaum noch einen Taxifahrer, dem man den Weg dorthin erklären muss. 798 ist mittlerweile nicht nur ein Symbol für den erfolgreichen Aufstieg der Gegenwartskunst in China. Die zur Hochkunstproduktionsstätte umgebaute Fabrikanlage im Bauhausstil zählt inzwischen auch zu den bekanntesten Touristenattraktionen der Stadt.

Vor nur vier Jahren war dies vollkommen undenkbar. Weil der Masterplan der Stadtplanungsbehörde eine andere, kommerziellere Nutzung des Gebiets vorsah, drohte dem Viertel die Abrissbirne. Die zeitgenössische Kunst stand in offiziellen Kreisen damals noch unter Generalverdacht und keiner der dort Verantwortlichen ahnte zu jener Zeit, dass auch staatliche Kreise in ihr so bald eine ökonomische Hoffnungsträgerin sehen würden. Inzwischen aber wurde der Kunstmarkt ganz offiziell als Image- und Marktfaktor entdeckt. Nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Interessen fördert die chinesische Regierung heute die, wie sie es selbst nennt, „Kulturindustrie“.

Daraus wird im privaten Sektor sehr schnell Markenpolitik. Zwar hatte zunächst auch die „Seven Star“ Gruppe als Vermieterin von 798 der Kunstszene wenig Verständnis entgegen gebracht. Im Verlauf der letzten zwei Jahre hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass mit Kunst viel Geld zu verdienen ist. 798 wurde kontinuierlich zur Marke weiterentwickelt und hat seither auch international beträchtlichen Erfolg. Der Charme des alten 798, das Anfang der 2000er Jahre auf Initiative von einigen Künstlern entstand, als sie dort günstige Studios anmieteten, die später um Galerien und Cafes ergänzt wurden, ist Vergangenheit. Der Aufwertungs- und Verdrängungsprozess gegenüber den alten eher selbstverwalteten Strukturen scheint im Kontext der Vorbereitungen für die Olympiade einen Höhepunkt erreicht zu haben. Immer mehr läuft 798 Gefahr, der totalen Kommerzialisierung anheim zu fallen. Zwischen unzähligen wie Pilze aus dem Boden schießenden Cafés, Galerien und Merchandise-Shops, in denen dem potentiellen Kunden Tassen, T-Shirts und kopierte „Fakes“ mit bekannten Motiven der chinesischen Gegenwartskunst entgegen grinsen, sucht sich eine elektrische Touristenbahn ihren Weg, während ein paar Schritte weiter die Ikonographie der Mao-Zeit auf Kitschartikeln verhökert wird. Kunst wird zum Vergnügungspark.

Die Zahl der Besucher hat so allerdings deutlich zugenommen. Neben ausländischen Gästen strömen zunehmend Pekinger Familien und chinesische Touristengruppen nach 798, das sich zu einem fußgängerfreundlichen Stadtviertel entwickelt hat, in dem es sich am Wochenende nett bummeln lässt. Nur die ausgestellte Kunst ist von eher gemischter Qualität. Tatsächlich erreichen nur wenige Ausstellungen höchstes Niveau. Das im vergangenen Jahr neu eröffnete Ullens Center for Contemporary Art (UCCA) etwa bietet kontinuierlich Ausstellungen von internationalem Zuschnitt. Die erste Schau „Our Future: The Guy & Myriam Ullens Foundation Collection“ des neuen Direktors der Institution Jerome Sans, war solide kuratiert und zeigte Positionen chinesischer Künstler unterschiedlicher Generationen. Wenngleich kaum neue und überraschende Arbeiten versammelt waren, so war das Wiedersehen mit „alten Bekannten“ wie zum Beispiel die frühen Videoarbeiten „The Old Bench“ (1997) von Wang Gongxin, und „Kindergarten“ (1993) von Zhang Peili eine Freude.

In der Galerienlandschaft von 798 sind dagegen nur wenige interessante Neuzugänge zu verzeichnen. Die meisten neuen Akteure sind in erster Linie am schnellen Geld interessiert und verstehen ansonsten wenig vom nachhaltigen Geschäft mit dem künstlerischen Inhalt. Besuchenswert ist nach wie vor die Galerie Beijing Commune, die immer wieder durch interessante Ausstellungskonzepte besticht. Nach der Ausstellung „Liu Lan Collection„ mit Werken einer chinesischen Sammlerin, die dem geradezu pädagogischen Anspruch folgte, vor allem künftigen chinesischen Sammlern zu zeigen, wie und mit welchen Bezügen Kunst gesammelt werden kann, findet in den Räumen derzeit das Projekt „Polit-Sheer-Form Office“ seine Fortsetzung, das bereits im Jahr 2005 von Leng Lin und den Künstlern Song Dong, Liu Jianhua, Xiao Yu und Hong Hao initiiert wurde. Als Künstlerkollektiv suchen sie nach Formen der Visualisierung ihrer Diskussionen über Themen aus den Bereichen Kunst, Politik und Gesellschaft.

Der Kurator Leng Lin ist übrigens nicht nur für seine eigene Galerie Beijing Commune tätig, er arbeitet auch als Direktor für die vor kurzem in 798 eröffnete New Yorker Galerie Pace Wildenstein. In ihrer Inaugurationschau „Encounter“ wurden chinesische Positionen wie zum Beispiel von Qi Zhilong, westlichen wie zum Beispiel von Alex Katz gegenübergestellt.  Zu den interessanteren Neuzugängen zählt darüber hinaus das Joy Art Center, das sich der Organisation von Soloausstellungen, die jeweils von einer Publikation begleitet werden, verschrieben hat. Neben den chinesischen Künstlern Wang Luyan, Sui Jianguo und Ni Haifeng, wurden dort auch internationale Künstler wie zum Beispiel Susan Hiller vorgestellt. Daneben verspricht auch das SZ Art Center, das von dem Hunan Fine Art Publishing House ins Leben gerufen wurde, eine Bereicherung für 798 zu werden. Schon der Titel der Eröffnungsausstellung im Juni dieses Jahres „Case Studies of Artists in Art History and Art Criticism” zeigt, dass dort nicht nur die schnelle Mark, sondern auch die tiefere Auseinandersetzung mit Kunst im Vordergrund stehen soll.

Daneben beweisen auch altbekannte Galerien Kontinuität. Dazu zählen die italienische Galerie Continua und die Galerie Long March Space. Aber auch die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Galerie Tang zeigt bisweilen interessante Positionen. Zu den Pionieren ausländischer Galerien in 798 gehören auch Beijing Tokyo Art Projects (BTAP), die seit 2004 ansässige Galerie White Space Beijing sowie die inzwischen um einen Neubau erweiterte Galerie Chen Xingdong oder die Galerie Art Seasons aus Singapur. Auch diese etablierten Adressen profitieren vom Renommee der Marke 798, die allerdings längst auch in der unmittelbaren Umgebung Ableger hat. So hat sich unweit von 798 das ehemals dörfliche „Caochangdi Village“ zum neuen wichtigen Standort der zeitgenössischen Kunst in Peking entwickelt. Wurden Ai Weiwei und sein damaliger Kollege, der bereits verstorbene Hans van Dijk, im Jahr 2000 von vielen als verrückt erklärt, als sie ihre Galerie ins entlegene „Caochangdi Village“ verlegten, so ist die dortige Infrastruktur inzwischen weit entwickelt. Nicht nur sind die Straßen inzwischen geteert, mittlerweile weisen auch Schilder den Weg zu den zahlreichen Kunststandorten, die nicht selten in Backsteinhäusern im funktionalen Stil Ai Weiweis untergebracht sind. In der so genannten „East End Art Zone A“ befinden sich dort unter anderem die Galerie Platform China, die Dependance der Berliner Galerie Michael Schultz, die F2 Gallery und die Courtyard Gallery. Besonders bei Platform China finden immer wieder interessante Ausstellungen von jungen chinesischen Künstlern, so zum Beispiel mit Arbeiten von Qiu Xiaofei, Jia Aili oder Sun Xun statt.

Die Zone A beherbergt aber auch das von den Fotokünstlern RongRong & inriins Leben gerufene Three Shadows Photography Art Centre. Das von Ai Weiwei gebaute Haus verfügt neben Ausstellungsräumen, auch über ein Kino und eine kleine, aber feine Bibliothek. Im „East End Art Zone D“ befinden sich die im vergangenen Jahr erstmals an der Art Basel teilgenommene Beijing Art Now Gallery, die Schweizer Galerie Urs Meile und die koreanische PKM Gallery, in der Zone B hat Ai Weiwei ein ganzes Galeriehaus gebaut, den so genannten „Red Brick Complex“, welches in Zukunft insgesamt über zwanzig lokale und internationale Galerien beherbergen soll und in dem sich heute schon die Dependance der New Yorker Galerie Chambers Fine Artund die niederländische Galerie C Space befinden. In der südlichen Zone C ist seit drei Jahren die Boers-LiGallery (ehemals Universal Studios) ansässig, die immer wieder mit frischen und konzeptionell interessanten Positionen besticht.

Inzwischen belebt sich auf diese Weise auch die Peripherie. Im Nordosten der Stadt lohnt sich ein Ausflug zum „Huantie International Art District“ (zu finden innerhalb der runden Eisenbahnversuchstrecke, die in jedem Pekinger Stadtplan eingezeichnet ist), wo sich u.a. das KU art center befindet. Des Weiteren zählt die koreanische Arario Gallery im „Jiuchang Art Complex“, einer alten Weinkellnerei im Pekinger Stadtviertel Wang Jing zu den interessanteren Galerien der Stadt. Im Osten der Stadt, jenseits der fünften Ringstrasse, befindet sich „Songzhuang“, das sich auf seiner Webseite als „die größte Künstlerkolonie der Welt“ bewirbt. Neben Ateliers der zum Teil finanziell erfolgreichsten chinesischen Künstler, finden sich dort Galerien und das ambitionierte Privatmuseum des renommierten Kunstkritikers und Kurators Li Xianting.

Der Boom um die Gegenwartskunst hat jedenfalls in Peking seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Neue Projekte, wie zum Beispiel das „Zentrum Yihaodi International Artbase“ im Nordosten der Stadt in der Nähe des Villenvororts Shunyi, wo u.a. das private Museum des chinesischen Sammlers Guan Yi entsteht und der Hongkonger Johnson Chang einen Ausstellungsraum eröffnen soll, oder das von Huang Rui alternativ zu seiner früheren Wirkungsstätte 798 konzipierte Viertel Gaobeidian, das am Rande des Central Business District (CBD) an der Strasse Richtung Tongxian liegt, könnten in der Zukunft interessante neue Zentren der Kunst in Peking werden. Während anderswo Krisen beschworen werden, gilt in Peking die Euphorie der Konjunktur. Der Goldrausch geht weiter, er bringt aber auch Bewegung in die chinesische Kunstszene und ihre internationale Vernetzung. Nicht nur der Boom, auch die Veränderung der Maßstäbe ist noch längst nicht zum Abschluss gekommen.


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