Pawel Althamer in der Secession, Agnieszka Kalinowska im MUMOK, Wien

Wegen Ausstellung geschlossen

Astrid Mania
21. Mai 2009
Pawel Althamer und Andere – Secession, Wien. Vom 25. April bis 21. Juni 2009
Agnieszka Kalinowska: „Draughty House“ – MUMOK Factory, Wien. Vom 17. April bis 14. Juni 2009

Der Kaffee ist, wie versprochen, wirklich gut. Dazu werden Würstchen mit Salat gereicht, und für all das bittet der Imbiss lediglich um eine Spende. Der Verzehr findet in einem kleinen Gartengrundstück statt, das zwar am Nachmittag ein wenig verkehrsumtost ist, dennoch einen grünen Hort inmitten der Stadt bildet. Die Atmosphäre ist lässig. Man hockt auf einem provisorischen Bänkchen oder einem Rohr, das zum Sitzmöbel umfunktioniert ist. Abends wird dann ein Lagerfeuer entzündet, das Brennholz wartet schon. Zu benutzen ist diese kleine Oase rund um die Uhr. Klingt das wie ein Ausstellungsbesuch?

Tatsächlich aber ergeht es einem so, wenn man dieser Tage zur Wiener Secession kommt. Denn hier wird Pawel Althamer präsentiert. Von einem Künstler, der im Rahmen der Skulptur Projekte Münster die Besucher auf einen Pfad schickte, der im Nichts endete, oder derzeit das Kasseler Fridericianum mit Hunderten von Kindern wortwörtlich bespielt, wird man keine konventionelle Schau erwarten. Das gilt eben auch für sein Projekt in der Secession. Doch anders als in Kassel ist er nicht etwa mit einem kollektiv organisierten Vorhaben in die Institution eingezogen, sondern hat die Wechselausstellungsräume gleich ganz geschlossen. Der Zugang ist versperrt. Ein hölzerner, baustellenartiger Tunnel schleust die Besucher durch das Gebäude hindurch in den Garten, wo sich ihnen besagtes Ambiente offenbart.

Mit Althamer und Agnieszka Kalinowska erproben derzeit gleich zwei Künstler in Wien, inwieweit sich die Kunstinstitution in einen Ort sozialer Auseinandersetzung umfunktionieren lässt. Allerdings auf gänzlich verschiedene Weise. Denn während Althamer die Secession in eine Begegnungsstätte transformiert, befolgt Kalinowska im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien mit ihren Videos die Konventionen der Museumsausstellung. Dafür bietet sie in Draughty House (2009) Asylbewerbern mit ihren Geschichten und Schicksalen eine Plattform. Althamer stellt das Prinzip der passiven Kontemplation gleich als solches infrage, Kalinowska hingegen bedient sich des tradierten Präsentationsmodells, um die Aufmerksamkeit der Betrachter auf das oftmals Übersehene zu lenken.

In beiden Fällen aber geht es um die Überwindung institutioneller Ausgrenzung. Kalinowska lässt die Protagonisten ihres ohnehin schon düster-dramatisch ausgeleuchteten Videos theatralisch hinter einem pflanzlich-organischen, dennoch dicht vergitterten Zaun auftreten. Dieser empfängt den Ausstellungsbesucher als skulpturales Objekt auch gleich zu Beginn der Schau. Im Video sind dadurch die einzelnen Personen, ihre Gesichtszüge kaum zu erkennen. So muss man sich ganz auf die Stimmen der Flüchtlinge konzentrieren, die in unterschiedlichen Sprachen – manchmal mit Übersetzer, manchmal durch Untertitel vermittelt – berichten, wieso sie ihr Heimatland verlassen mussten und welche, bisweilen niederschmetternden, Erfahrungen sie bei ihrem Kampf um Asyl machen mussten. Das Dilemma mit solcher Kunst: Sie entzieht sich aufgrund ihres sozialen Anliegens beinahe vollständig der Kritisierbarkeit. Dabei ist in Draughty House die Form wirklich nicht glücklich gewählt. Denn das Inszenierte läuft dem dokumentarischen Anspruch vollkommen entgegen. Ganz anders in der älteren Arbeit Doormen (2006/2007), für die Kalinowska Türsteher New Yorker Nobelhotels von ihrem Leben und ihrer Arbeit berichten lässt. Hier bewirkt das fokussierte Auftreten der einzelnen Personen in einem tiefschwarzen und vollkommen leeren Bühnenraum eine Künstlichkeit, die wiederum zu einem gesteigerten Interesse am Erzählten führt. Würde man so aufmerksam lauschen, hätte man nicht den Eindruck, einem Theaterstück beizuwohnen? Draughty House dagegen wirkt überinszeniert, die Symbolik des Zauns überstrapaziert. So wird man von dem eigentlichen Anliegen der Arbeit abgelenkt.

Auch Althamer bemüht sich um die Einbeziehung Ausgegrenzter, wenn er Bewohner eines Flüchtlingshauses an seiner „Ausstellung“ beteiligt oder mit bewirkt, dass im Juni eine Sonderausgabe der Wiener Straßenzeitung „Augustin“ erscheint, die sich dem Projekt in der Secession widmen wird. Hier findet nicht nur, wie bei Kalinowska, eine Repräsentation politisch und sozial Ausgegrenzter statt, und zwar im fest definierten Rahmen einer Kunstinstitution, sondern hier wird deren Vertretern tatsächlich Raum gegeben, erobern sich diese Sicht- und Hörbarkeit im sozialen Raum selbst. Zwar fungieren beide Künstler in dem Sinne als Türhüter, als sie den Zugang bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zur Öffentlichkeit regeln, doch gibt Althamer weit mehr Autorität und Kontrolle ab, als es Kalinowska in der Rolle der Regisseurin vermag. Dass Althamer nebenbei auch noch grundsätzliche Fragen zu künstlerischer Autorschaft und Originalität, zum Wesen der Ausstellungsinstitution abhandelt, darf bei ihm schon beinahe als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Ein Sozialarbeiter im besten Sinne.


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