„Palindrom“ bei Hermes und der Pfau/W.O. Scheibe Museum, Stuttgart

Tranchen von Hase und Ente

Hans-Jürgen Hafner
19. November 2009
„Palindrom. Oben und unten mit Rex Whistler & Friends“, mit Beiträgen von André Butzer, Anne-Lise Coste, Michael Dreyer, Julian Göthe, Judith Hopf, Jutta Koether, Ronald Kolb, Karl Orton, Marion von Osten, Josephine Pryde, Felix Reidenbach, Alexander Rischer, Volker Schartner, W.O. Scheibe, Klaus Weber, Heidemarie von Wedel und Rex Whistler– Hermes und der Pfau/W.O. Scheibe Museum, Stuttgart. Vom 29. Oktober bis 21. November 2009

Spätestens nach Kurt Schwitters’ irrlichternder Eloge „An Anna Blume“ müssten wir eigentlich Bescheid wissen. Die Blume Anna, dies „ungezählte Frauenzimmer“ – wir können sie von hinten wie von vorne lesen! Anna ist, unhintergehbar, ein Palindrom. Dessen irritierender Zauber macht aus, dass eine Zeichenanordnung, von den Füßen sozusagen auf den Kopf gestellt, dennoch in sich gleich bleibt. Dass sie, im Idealfall, von vorne wie hinten gelesen Sinn ergibt. Das Palindrom ist ein kurioser Sonderfall unter den rhetorischen Figuren. Es provoziert uns in unserem vor allem auf Erfahrung gründenden Umgang mit sprachlichen (oder auch visuellen) Strukturen. Das Palindrom hebelt die uns vertraute Darstellung und Organisation von Zeichen deshalb in so frappierender Weise aus, da es – ähnlich wie seine nächsten Verwandten, die Ambigramme und die ausschließlich visuell verfahrenden Kippbilder – eigentlich geradezu formelhaft operiert.

Von daher wundert es auch kaum, dass das Palindrom sowie das Kippbild in Literatur und Kunst nur die kleineren Bühnen bespielen. Derart dezidiert formale Sprach- und Zeichenspiele, sie sind den notorischen Bastlern und Technikern in Sachen struktureller Sprach- und Bildanalyse vorbehalten. Ihre Hervorbringungen im Feld der Literatur oder Kunst gelten gern als fleißig-skurrile Kleinmeisterei, zumal vor dem Hintergrund der populären Form- und Inhaltsdichotomie, die den Wert eines Werks an Gehalt und Anliegen misst. Und in der Tat: Das Wort „skurril“ geht leicht von der Zunge beim Ausstellungsbesuch der von Tom Holert und Michael Dreyer gemeinschaftlich kuratierten Gruppen- oder, besser, Themenschau rund ums Palindrom. Kryptisch untertitelt mit „Oben und unten mit Rex Whistler & Friends“. Skurril, dass sich die kleine, feine Schau gleich auf zwei Ausstellungsorte in Stuttgart ausdehnt. Ja, skurril die beiden auf Non-Profit-Basis operierenden Orte selber.

Im extrem trendbewusst und international anschlussfähigen Projektraum Hermes und der Pfau in der Stuttgarter Innenstadt konzentriert sich das Gros der zumeist für die Ausstellung angefertigten, also sozusagen kuratorisch kommissionierten Arbeiten zu „Palindrom“. Was die formal-strukturell-thematische Zusammenschau auf kleinstem Raum leistet, ist dabei erstaunlich genug. Die Figur des Palindroms wird zu einer Art Code, das etwa ein fotografisches Experiment von Josephine Pryde – ein in einem Spiegelkasten aufgestelltes brennendes Feuerzeug, in dessen Korpus das Wort „Example“ eingeprägt ist – mit unfreiwilliger Mail-Art von André Butzer zusammenschließt. Dessen eingesandte Zeichnung hatte beim Posttransport Schaden gelitten und wird deshalb kurzerhand zweiteilig als Gegenüberstellung von beschädigtem Blatt und (dem zum Beweis gesicherten) Couvert präsentiert (Ohne Titel, 2009). Jutta Koether zeigt ein unbetiteltes Stück Malerei, das mittels allerhand Material, darunter konservierte Lupo-Folie, Nieten und Transparentlack, zurechtgepeppt ist. Die dreieckige Shaped Canvas mit einer chic als fragil-rahmender Bildbestandteil inszenierten Aureole aus Verpackungsmaterial stellt dabei ebenso die Frage nach Rändern und Zentrum wie jene nach Figur und Grund. Mehr noch: Solch ein Bildobjekt kann eh kein oben und unten mehr kennen und würde an jeder Stelle aufgehängt gut aussehen.

Auf völlig unterschiedliche Weise triggern hier sämtliche der entsprechend heterogenen Exponate – von Anne-Lise Costes aquarellierten Selbstporträts (2009) über ein achsengespiegelt gehängtes Foto-Diptychon einer romanischen Kirchenruine von Alexander Rischer (Olle Kirche der Wüstung Nordhusen, 2007) bis hin zu den naturwissenschaftlich-kryptisch anmutenden Monodonta Lineata (2008) von Heidemarie von Wedel – auf die Figur des Palindroms als Produktionswerkzeug und Deutungsschlüssel. Besonders raffiniert thematisiert diesen Zusammenhang Felix ReidenbachsDialektik der Aufklärung (2009). In dieser digital animierten Laborsituation sind Reidenbachs früher aus der Musikzeitschrift „SPEX“ bekannten Comic-Charaktere „Die Niedlichen“ dabei, das berühmte Kippbild der Ente und des Kaninchens auf seinen genetischen Code hin zu dechiffrieren, um diese Augentäuschung – ein für allemal separiert – in seine zwei Bestandteile, den Hasen und die Ente eben, zurückzuführen.

So kurios dieses Ausstellungs-Set-up auf den ersten Blick auch angelegt sein mag – den Kuratoren gelingt mit „Palindrom“ ein Experiment, das die Operation des Zeigens als Genre begreifbar macht. Mit ihrer Fokussierung auf Form und Formelhaftes thematisiert die Ausstellung deren kontextuelle Offenheit und Anschlussfähigkeit für verschiedenste Produktions- und Deutungshorizonte. Von daher ist es auch nur folgerichtig, wenn Ko-Kurator Michael Dreyer seinen eigenen Projektraum, das W.O. Scheibe Museum, dem Künstler öffnet, dem sich diese ebenso schräge wie wirksame Ausstellungsidee verdankt: Rex Whistler (1905 – 1944), Künstler, Grafiker und Illustrator. Zu Recht als Kleinmeister gehandelt, ein Virtuose des visuellen Palindroms. Im W.O. Scheibe Museum erlauben diverse Publikationen und Archivalien einen Einblick in Whistlers kurze, im Rahmen einer „offiziellen“ Kunstgeschichte völlig bedeutungslosen Karriere, deren Randständigkeit und vielleicht Unzeitgemäßheit jedoch nicht automatisch bedeutet, dass sie für uns bedeutungslos wäre. Im Gegenteil. Dass sich aus seinem Lieblingssujet ergiebige Fortführungen und kluge Reflexionen über das Kunstmachen und Kunstzeigen beziehen lassen, stellt diese Ausstellung nonchalant unter Beweis.


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