Ordos Art Museum

Phönix im Wüstensand

25. Januar 2008
Die Geschwindigkeit, mit der in China historisch höchst wertvolle Architekturzeugnisse verschwinden, ist spätestens seit den wenig sensiblen Vorbereitungen auf die bevorstehenden Olympischen Spiele weltweit zum Gesprächsthema geworden. Mit einem ähnlichen Von-jetzt-auf-gleich-Tempo wie das Alte verschwindet, wachsen gleichzeitig ganze Städte aus dem Nichts. In den nächsten Monaten kann beobachtet werden, was im innermongolischen Wüstenort Ordos passieren wird, wo etwa 100 internationale Architekten unter der Schirmherrschaft des Künstlers Ai Weiwei eingeladen sind, ihre Vorschläge für das Städtebauprojekt „Ordos 100“ zu unterbreiten. Eine erste Hürde ist bereits genommen: Am 26. August 2007 eröffnete das Ordos Art Museum, das sich gleich zu Beginn mit einer Galeriekooperation profiliert. Die Eröffnungsausstellung „Arrogance and Romance“ wurde von dem Berliner Galeristen Alexander Ochs und seiner Partnerin Tian Yuan kuratiert und läuft noch bis zum 26. Februar.

Wo Sand war, thront nun also ein Museum. Wir befinden uns in einer der größten Städte der Inneren Mongolei, einem Autonomen Gebiet der Volksrepublik China, zwei Flugstunden von Peking entfernt. Ordos ist tiefe Provinz, aber ein neuer Stern am Himmel der chinesischen Ökonomie. Die mehr als 1,3 Millionen Einwohner große bezirksfreie Stadt profitiert von ihrem großen Rohstoffreichtum und erlangt nun auch dort Prominenz, wo bisher von ihr kaum die Rede war. Bei der Ankunft lässt trotz strahlender Sonne bei glasklar blauem Himmel ein eisiger Wind den Atem stocken. Hinter der gläsernen Eingangstür des Museums wird die Weite der „Grasslands“ zu einer eindrucksvollen Außenkulisse. Innen trifft der angereiste Metropolenbewohner und Kunsttourist sogleich alte Bekannte wieder, zum Beispiel die Favoriten der chinesischen Kunstszene Xu Bing, Fang Lijun, Wang Guangyi, Miao Xiaochun und Cai Guoqiang.

Die wunderbar leichte Reispapierwelle von Zhu Jinshi stimmt beschwingt, der meterlange Blumenfries von Wang Yin entschädigt für die unwirtliche winterliche Wüstenlandschaft, die den Weg zum Museum säumt. Ein schmaler Gang führt ins ebenfalls von Tageslicht durchflutete Untergeschoss, wo die wirklichen Überraschungen aufwarten. Nach einem Schwenk nach links befindet man sich in einem recht niedrigen, relativ kleinen Seitenflügel. Schon im Obergeschoss haben sich einige Werke westlicher Künstler wie Andy Warhol, Jörg Immendorf oder Stephan Balkenhol zu den chinesischen Zeitgenossen gesellt. Nun aber steht man vor Werken, die jede nationale Zuordnung unmöglich machen: Die Holzskulpturen am Fenster erinnern an afrikanische Kunst, der meterlange Fries lässt an Matisse denken oder auch Die Badenden von Picasso – nein, alles falsch. Und dann der dämonisch blickende Jesus vor einer überdimensionierten Dornenkrone. Wer ist dieser Künstler, der sogartig den Blick fesselt? Der Katalog muss her, und – man glaubt es nicht – es ist ein chinesischer Künstler: Feng Guodong, 1948 in der Provinz Guangdong geboren und 2005 verstorben.

Wer steht hinter einer solchen globalen Bilderwelt? Die knappe Vita des Katalogs zerschlägt die Vermutung, wir hätten es mit einem vielgereisten Menschen zu tun, was allerdings bis zur Öffnung Chinas Ende der 1970er Jahre auch höchst exotisch gewesen wäre. Das Entstehungsdatum der Werke 1979 macht den Gedanken auch gänzlich überflüssig. Es ist nicht viel zu erfahren über Feng Guodong, über den bisher kein einziger Katalog veröffentlicht worden ist. Es stellt sich aber heraus, dass das Museum Kontakt zum Sohn des Künstlers unterhält und dieser den Nachlass verwaltet.

In einem etwa vier Quadratmeter großen weißen Kubus wartet aber noch eine weitere Überraschung. Nun ist die Mongolei nicht mehr jenseits der riesigen Fenster, nun wird sie zum Thema der Bilder des Künstlers Tuomusi (geb. 1932 in Tumotezuo, Innere Mongolei). In Öl auf Leinwand ist hier der Alltag ins Bild geholt. Die einen Meter breite, zartfarbige Tafel Light up Cigarette (1981) hält die zufällige Begegnung zweier Wüstenbewohner als Momentaufnahme fest, die sich die Muße einer gemeinsamen Zigarette gönnen, während ihre Pferde bereits in entgegen gesetzter Richtung wieder auseinander streben. Scenery, eine nicht minder erzählerische Landschaftsszene von 1957, führt gar in das vorrevolutionäre China zurück. Wie ist diese Werkauswahl zustande gekommen?

Hinter „Arrogance and Romance“ steht ein äußerst zurückhaltend auftretender, Publizität geradezu vermeidender mongolischer Kunstsammler, der seine Werke für die Ausstellung zur Verfügung stellte. Nach den ersten Medienveröffentlichungen ist der Industrielle Cai Jiang nun doch namentlich bekannt geworden und inzwischen ist sein Konterfei trotz seiner Bemühung um Anonymität sogar auf Magazintiteln zu entdecken. Seine Motivation zum Sammeln scheint aber aus anderen Quellen gespeist. In seinem Haus etwa zeugen die Bilder eines zweiten mongolischen Malers von seiner Verbundenheit mit dem in der Mongolei kaum noch anzutreffenden Nomadenleben. Ja, er habe selbst noch in einer Jurte gelebt. Mehr Innenansichten gibt er nicht preis.

Richtig, stimmt Cai Jiang zu, die Leuchtkraft jedes einzelnen Details in den Bildern von Bo Asibagen (geb. 1961 in Xilinguole), ob nun Natur, Tier oder Mensch abgebildet werde, sei einzigartig. Durchgängig aus der Froschperspektive gemalt, erscheinen die kräftigen Pferde und die oftmals reitenden Menschen in archaischer Würde. Der Sammler aber möchte nicht viel Worte über Kunst verlieren, sondern belässt es dabei, die Kunst zugänglich zu machen, der er sich nicht nur in den Werken verbunden fühlt. Wir erfahren, dass der Künstler ein Freund des Sammlers sei. Wie die Ausstellungsvorschau des Ordos Art Museums zeigt, ist für Januar 2009 eine Ausstellung mongolischer Kunst geplant. Bo Asibagen wird zu den präsentierten Künstlern gehören.

„Bisher war die Szene der chinesischen Gegenwartskunst ein Spiel, das von der Han-Nationalität dominiert wurde. Nun nehmen erstmals auch chinesische Minoritäten daran teil. Neue geografische Areale werden dadurch für die ‚Map of art’ erschlossen“, schreibt der renommierte Philosoph und Kunstkritiker Wang Minan in einem chinesischen Kunstmagazin zur Bedeutung des privaten, von der Stadtverwaltung aber offiziell unterstützten Ordos Art Museums. Schon jetzt lässt sich sagen, dass der inhaltliche und stilistische Reichtum der chinesischen Gegenwartskunst noch einigen Raum für Entdeckungen bereit hält.


Mehr im Dossier  Kunst in China


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken