„On Difference #2“ im Württembergischen Kunstverein

Politkunst an der Copacabana

Daniel Kletke
18. April 2006
Wer keine gute Lesebrille mitbringt, kann gleich zu Hause bleiben, denn um On Difference #2: Grenzwertig in Stuttgarts Württembergischem Kunstverein recht erleben zu können, muss Mensch zumindest leselustig sein. Dieses zweiteilige, international und interdisziplinär ausgerichtete Evenement entpuppt sich - wir sind jetzt beim Kleingedruckten - als Projekt, das durch die Kulturstiftung des Bundes (mit)-finanziert wird. Vermutlich erklärt diese Mitträgerschaft überhaupt das Zustandekommen der Veranstaltung, an deren Ende dann, so die Statuten der Stiftung, eine Publikation stehen soll.

Bei dem Projekt - und die Symposia, die Führungen, die Diskussionen sind mindestens so sehr das Event wie die Ausstellung selber - geht es keineswegs um Kunst im herkömmlichen, traditionellen Sinn. Das von Iris Dressler und Hans D. Christ konzipierte On Difference #2: Grenzwertig ist in hohem Maße politisch und stellt konsequent ungemütliche Fragen. Der Kunstverein dient als Podium für Akteure internationaler, bevorzugt nicht-westlicher Herkunft, die sich dem Phänomen unabhängiger Kommunikations- und Präsentationsformate in der zeitgenössischen Kunst widmen, in so unterschiedlichen Medien wie Internet, Printmedien, Archivmaterialien oder auch TV, Video, DVD. Gegenstand der kritischen Untersuchungen sind diverse Entwicklungen, meist in urbanen Räumen, aus den Bereichen Sozialwesen, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Womit wir eigentlich mitten in der Soziologie wären und bei der Frage, ob und wie sich so etwas museal überhaupt aufbereiten, präsentieren, oder eben ausstellen lässt.

Die jetzt im Württembergischen Kunstverein versammelten Kooperanten sind: Ricardo Basbaum (Rio de Janeiro), Judit Angel (Budapest), Galia Dimitrova (Sofia), Alenka Gregoric (Ljubljana), Nathalie Boseul SHIN (Seoul), Raqs Media Collective (Neu Dehli). Aus dem (Über)-Angebot verschiedenartigster Projekte, über das man sich auch trefflich im Internet informieren kann, sei hier das Konzept von Ricardo Basbaum aus Rio de Janeiro herausgegriffen, der ab Mai 2003 kaum etwa unterließ, um eine weitere Dependance des Guggenheim Museums in seiner Heimatstadt nicht Realität werden zu lassen. In der Übersetzung hieß der Slogan: „Guggenheim-Rio. Museum Willkür - Versäumnisse - Kurzsichtigkeit. Unterstütze diese Schande nicht!“

Wer in diesem Zusammenhang auf den Kunst-Diskurs insistiert und gern frei assoziiert, der wird bald auf Hans Haacke und seine politische Kunst kommen, die hier ein „ikonographisches“ Vorbild abgibt. So unsinnlich wie dieses Vorbild, dafür aber mindestens so spannend ist „artevisuais_políticas“, der Name einer im Mai 2003 gegründeten Künstlerinitiative, die es sich zum Ziel setze, die ambitionierten Kooperationspläne zwischen Guggenheim und Rio zu torpedieren. Bei tieferer Reflexion ist es sowieso nicht verständlich, warum fast jeder mit den Augen zu rollen beginnt und ‚Bilbao’ lallt, sobald der Name Guggenheim fällt. Basbaum jedenfalls schaute dem projektierten Unternehmen genauer auf Maul und entdeckte neben nicht akzeptablen finanziellen Daumenschrauben des global players Guggenheim für die brasilianischen Partner die Gefahr, dass mit Hilfe brasilianischer Steuergelder ein Multi-Kulti Unterstützung bekommen würde, die so angelegt gewesen wäre, dass Guggenheim zwar entlohnt, aber andere Projekte von nationaler Bedeutung eingestampft worden wären.

Mit kluger Recherche und stupender Rhetorik gelang es Basbaum, örtliche Politiker und Künstler zu überzeugen, das Guggenheimprojekt zu hinterfragen, zu stoppen und am Ende zu kippen. Die Künstlerinitiative besteht bis zum heutigen Tag und hat mittlerweile erheblichen Einfluss auf die Kulturpolitik von Rio de Janeiro gewonnen. Die von Basbaum initiierte Aussprache zum Thema Kunst und Kommerz erkor sich ausgerechnet den Karneval in Rio de Janeiro zur populären Plattform ihrer künstlerischen und politischen Streitkultur. In Stuttgart sind audiovisuelle Dokumente der diversen Aktionen ausgestellt, die auf Monitoren flimmern, die von der Decke hängen. Und genau an diesem Punkt wird es bei allen inhaltlichen Meriten dann (unfreiwillig?) so, wie im Titel: Grenzwertig! Didaktik mit erhobenem Zeigefinger im Karnevalsrummel an der Copacabana, Akteure mit den Verbrecherlarven der Panzerknacker, Geldscheine fliegen durch die Luft – das ist künstlerisch so unoriginell und dazu unscharf, dass es fast weh tut. Und eben dies wird: Grenzwertig.

On Difference #2: Grenzwertig
Württembergischer Kunstverein Stuttgart
Bis 30. April 2006


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