Oliver van den Berg bei Kuckei + Kuckei

Hölzerne Stellungnahme

Anne Haun-Efremides
30. August 2006
„Mikros“, Oliver van den Berg, Galerie Kuckei + Kuckei, Berlin. 26. August bis 14. Oktober 2006

Pressekonferenzen und Interviews bestimmen das alltägliche Bild der Nachrichtenvermittlung in den Medien. Nicht nur Politiker oder Stars der Glamourwelt werden dabei zu Statisten vor einem Meer von Journalisten und Mikrofonen. In dem Maße, in dem Kunst sich pluralisiert und komplexe Konzepte mit suggestiven Oberflächen verkäuflich macht, fordert auch die Kunstrezeption Aufklärung und Stellungnahme durch Künstler und Kuratoren. Kaum mehr eine Ausstellung von überregionalem Interesse kommt heute ohne eine Pressekonferenz aus und hofft auf Vermittlung der Medien.

„Mikro“ heißt die neue Arbeit von Oliver van den Berg, die derzeit in der Berliner Galerie Kuckei + Kuckei zu sehen ist. 113 aus Holz gefertigte Mikrofone auf 40 Stativen und vier Tischen bevölkern dichtgedrängt den Ausstellungsraum und simulieren die Atmosphäre einer gut besuchten Pressekonferenz. Würde man anhand der Anzahl der Mikrofone auf die Wichtigkeit des Medienereignisses schließen, ginge es hier wohl um das Event des Jahres.

Inspiriert durch eine Zeitungsabbildung geht es Oliver van den Berg in der ausgestellten Installation vor allem um die ästhetische Form und skulpturale Variabilität, die das Mikrofon als technisches Objekt bereithält. Für seine Arbeitsweise charakteristisch, zitiert er das optische Vokabular von technischen Gegenständen, die unserer unmittelbaren Wahrnehmungswelt entstammen. Mittels Defunktionalisierung und Entkörperung wird das vertraute Objekt auf seine Oberfläche, also äußere Form, reduziert, wodurch es immer mehr ist als nur ein leeres abstraktes Zeichen - und doch auch deutlich weniger als sein ehemaliger, vollgültiger Inhalt. Das Mikrofon wird so zur postmodernen „pars pro toto“ für die Vermittlung von Information und die dominierende Präsenz der Medien.

Getarnt als formvollendete Holzskulpturen, die in der Dichte der installativen Anordnung auch ein wenig bedrohlich wirken, stellt die Arbeit „Mikro“ den Existenzerhalt als eine Frage von Wettbewerb und Kommunikation sowie als immense Gestaltungsaufgabe dar. Gleichzeitig wird die Frage nach Freiheit und Reglementierung, nach gesellschaftlicher Normierung und der Stellung des Subjekts impliziert. Spätestens mit dem Einsetzen der Pop-Kultur etablierte sich endgültig das Primat der Oberfläche. Der technologisch-wissenschaftliche Fortschritt mutierte zum Trägermedium einer geradezu götzenhaften Repräsentation.

Oliver van den Berg setzt sich in seinen konzeptuellen Prototypen mit dem visuellen Kapital von Fortschritt und Technik auseinander. Ob in seiner im Rahmen der Ausstellung „Fraktale IV“ gezeigten Arbeit Hülle – eine passgenaue Schutzplane für die erste sich selbst steuernde, im zweiten Weltkrieg eingesetzte V1-Rakete - oder Blind Passenger – einem detailgetreu aus Holz nachgebauten Flugschreiber - bzw. dem bis Anfang dieses Jahres in der Hamburger Kunsthalle gezeigte Sternenprojektor: Immer geht es um die Zerstörung der Aura technischer Konstruktion und Wissenschaft in der künstlerischen Annäherung durch Oberflächen-Kopie der jeweiligen Erscheinung. Van den Bergs skulpturale Module sind Erinnerungsträger einer auf die Ästhetik reduzierten Welterfahrung.

In der Ausstellung bei Kuckei + Kuckei wird die Rollenverteilung von Vermittler und Empfänger mit einem ironischen Augenzwinkern auf den Kopf gestellt. Für welche Seite man sich auch entscheidet, man wird unweigerlich gezwungen, Stellung zu nehmen.


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