17. Juli 2010
Olaf Metzel: „Noch Fragen?“ – Weserburg, Museum für moderne Kunst Bremen. Vom 12. Juni bis 29. August 2010
Skandale machen müde. Die Provokation als Dauerzustand, als künstlerische Haltung, ist ein ziemlich zähes Geschäft. Ja, es ist wahrscheinlich nicht weniger anstrengend, als etwa im Medium der Großskulptur ein langfristig tragfähiges Werk zu entwickeln. Dies gilt besonders für ein Werk, das zwar als Kunst taugen, sich aber auch nicht damit begnügen will, Kunst um der Kunst willen zu sein.
Mit diesem vertrackten Problem schlägt sich Olaf Metzel (Jg. 1952) seit rund drei Jahrzehnten herum. Und das macht er offensichtlich sehr erfolgreich, denn er gilt als einer der bekanntesten deutschen Bildhauer und steht für eine, bis heute, avancierte Auffassung von Skulptur. Nicht nur, dass er das Kerngeschäft der Bildhauerei – von der Material- und Formfindung über die Komposition bis hin zur Platzierung seiner nicht selten monumentalen Arbeiten – im Fokus hält. Der Begriff des „Materials“ ist genauso wie die Frage der „Platzierung“ von zentraler Bedeutung. Sie verstärken ihre Wirkung gegenseitig, wenn es darum geht, die zugleich (formal)ästhetische wie inhaltliche, diskursive Stoßkraft seines Werks zu vermessen. Ein Werk, das konsequent die Register der Skulptur zieht, sich aber beinahe schon strategisch in der öffentlichen Arena abspielen will.
Metzel gilt als konsequenter Realist. Das ist jedoch nicht der Tatsache geschuldet, dass seine Kunst hartnäckig gesellschaftliche Fragen thematisiert, ja sich sogar bevorzugt gerade an politische Reizthemen wagt, die Lunte provokant an sozialen Brennstoffen entzündet. (Hier könnte man sogar im Gegenteil fragen, ob das nicht einer der schwächeren Punkte dieses künstlerischen Projekts ist.) Realist war Metzel immer dann, wenn er strikt sein Material in der Wirklichkeit der Dinge fand und formte, um es dann im konfrontativen Wechselspiel von Kunst und konkreter Lebenswelt zur Disposition zu stellen. Dieses bildhauerische Verfahren machte Arbeiten wie das aus Sperrgittern turmhoch errichtete „Randale-Denkmal“, Metzels 13. April 1981 (1987) – an dem im Titel genannten Datum fanden in West-Berlin gewalttätige Demonstrationen statt, nachdem sich die Falschmeldung vom Tod des inhaftierten RAF-Häftlings Sigurd Debus verbreitet hatte – in zweierlei Hinsicht effektiv. Zunächst gibt der Turm aus rot-weiß gestrichenen, zerknautschten Absperrgittern samt Betonsockel und krönendem Einkaufswagen ein formal ziemlich schlagendes Stück Skulptur ab. Zusätzlich triggern die materiellen Bestandteile allerhand Anspielungen heraus, pointiert noch durch jene prominente Platzierung im öffentlichen Raum, die diese Arbeit – seinerzeit im Rahmen des Berliner „Skulpturenboulevards“ – ursprünglich ausgerechnet gegenüber dem Kranzler-Eck vorsah, im Herzen des bürgerlich-kapitalistischen Berlin.
Metzels ältere Arbeiten haben bis heute nichts von ihrer Schlagkraft eingebüßt. Das gilt auch für seine ums Performativ-Aktionistische erweiterte Praxis, wie etwa der symbolpolitisch krass auf Krawall gebürsteten Türkenwohnung Abstand 12000 DM VB (1982). Metzel hatte in die Wand der leer stehenden Wohnung ein Hakenkreuz eingefräst und das Domizil möglichen Interessenten per Zeitungsannonce angeboten. Das war in konfrontativem Sinne „deutsch“. Hier spiegelte sich – formal wie inhaltlich – der politische und künstlerische Zeitgeist.
Klar ist, dass sich Arbeiten solchen Formats, ihre zeittypische Prägung, kaum in die neutralisierende Präsentationslogik einer musealen Werkschau von heute überführen lassen. Bedenklich aber stimmt, dass es bei Metzels aktueller Ausstellung im Bremer Museum Weserburg vieler erläuternder Saaltexte und einer (als Teil der Schau) auf Monitor eingespielten TV-Dokumentation bedarf, um wiederholt ans „Provokante“ des Werks von Olaf Metzel zu gemahnen. Da beginnen wir uns zu fragen, ob die einst so wirkungsvolle Rezeptur heute noch so ohne Weiteres gelingen mag.
Dabei sehen wir in dieser Schau – deren Titel „Noch Fragen?“ unfreiwillig einen wunden Punkt zu treffen scheint – ziemlich gute Skulptur. Etwa das zerbolzte und zerknautschte 112:104 (1991), das einen „echten“ Basketball-Court zu einem zeitgemäß-zeitlosen Vanitas-Mahnmal à la Caspar David Friedrich aufschichtet. Oder die schicke und eigens für die Weserburg angefertigte Flex- und Fräsarbeit Alles klar (2010), der ein großes, massives Metallschild von der Museumsfassade als Ausgangspunkt diente und sich nun als Metallverarbeitungskunststück mit vagem, teils Ortsspezifik, teils Ikonoklasmus raunendem Unterton präsentiert.
Zudem erinnert uns Metzel auch selbst an das Provokationspotenzial, das Aufrüttelnde und Konfrontative seines Projekts. Allerdings machen sich hier dann doch Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Denn eine Arbeit wie Turkish Delight (2006) – ein unterlebensgroßer weiblicher Bronzeakt, den allein ein voluminös drapiertes Kopftuch kleidet – benötigt seinen nicht eben geschmackssicheren Titel ebenso wie die riskante Platzierung im öffentlichen Raum, um angemessen – provokativ – zu funktionieren. Turkish Delight (Englisch für „türkischer Honig“) ist buchstäblich als Stein des Anstoßes übercodiert. 2007, bei ihrer Aufstellung auf dem Wiener Karlsplatz, wurde die Figur mehrfach beschädigt. In der Bremer Museumskühle bleibt sie vom Publikum dagegen weitgehend ungestört.
Die immanente Problematik gerade dieser Arbeit außen vorgelassen, deuten sich hier die Grenzen des Metzel‘schen Projekts an. Denn Provokationen lassen sich natürlich wie aus dem Handbuch planen. Daraus entsteht aber noch lange keine gute, zumal gut begründete Kunst, egal ob für den öffentlichen Raum, fürs Museum oder den Markt. Und tatsächlich enttäuscht eher, was Metzel an aktueller Skulptur im Angebot hat. Die arg kippenbergernde Red Party (2008) – gleichsam betrunken dastehende, geknickte und verbogene Partytischchen mit roten Plastikdecken – mag als Skulptur gewordener Vernissagen-Witz eine einigermaßen passable Figur abgeben. Mehr leistet sie aber nicht. Von der Schärfe, mit der Metzel einst das Thema „Wirklichkeit“ schon auf der Materialebene in die Realität seiner Skulptur einbrachte, ist da nicht mehr viel zu spüren. Erst recht nicht in den großen Installationen Bremer Spieße (2010) oder BILD Ruhrgebiet, 22.12.2009 (2009). Deckenhoch auf Metallstangen aufgespießte, monumental per Siebdruck auf Alu-Platten vergrößerte Zeitungsseiten oder per Plexiglas ummantelte Druckvorlagen der „BILD“-Zeitung mögen wirkungsvolle skulpturale Register sein. Ihr gesellschaftliches Erkenntnispotenzial hingegen bleibt verstörend gering. So wird sich die Wirklichkeit, auf die solche Arbeiten zielen, wohl eher im Deko-Effekt für die Foyers von Banken- und Verlagshäusern vollziehen. Spätestens hier gibt es dann auch eine Antwort auf den Ausstellungstitel. Nein, wir haben keine Fragen mehr. Leider aber sind sie wohl auch dem Künstler ausgegangen.