NS-Kunst online: Die neue Datenbank „GDK-Research“

Brutal trifft Banal

K. Erik Franzen
4. November 2011

Auf einem riesigen Prunkwagen wurde im Juli 1937 in München ein Modell vom „Haus der Deutschen Kunst“ vorgeführt. Den Rahmen bildete ein von den Nationalsozialisten initiierter Festumzug anlässlich der dreitägigen Feierlichkeiten unter dem Titel „Tage der Deutschen Kunst“. Das Modell war beileibe kein leeres Versprechen – das „Haus der Deutschen Kunst“ war schon schlüsselfertig und wurde von Adolf Hitler am Schlusstag der politischen Kulturfeier eingeweiht. „Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission“ prangte als Motto über dem Haupteingang der von Paul Ludwig Troost erbauten „Heimstatt der deutschen Kunst“. Anlässlich der Inbetriebnahme des neuen Museums wurde am 18. Juli 1937 die „Große Deutsche Kunstausstellung“ (GDK) eröffnet. Hitler unterstrich in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung der Schau: „Mit der Eröffnung dieser Ausstellung aber hat das Ende der deutschen Kunstverwirrung und damit der Kulturvernichtung unseres Volkes begonnen.“ Wer in Folge wen vernichten sollte, wurde schon einen Tag später sichtbar: Unweit des neuen Hauses eröffnete die perfide NS-Propagandaschau „Entartete Kunst“ mit Werken von circa 650 deutschen Künstlern, deren Werk den nationalsozialistischen Vorstellungen entgegen liefen. Kunstverwirrt waren offenbar vor allem die Nazis selbst: Sichtbar zur Schau gestellt in den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ (GDK), die bis einschließlich 1944 jährlich, über Monate hindurch, im Haus der Deutschen Kunst stattfanden.

NS-Kunst? Die ist seit der Nachkriegszeit bis heute in weiten Teilen im Halbdunkel auch des kunsthistorischen Interesses geblieben. Wer wollte sich schon systematisch mit den politisch aufgeladenen, banal-bösen Bildwelten dieser Zeit auseinandersetzen? Trotz einiger Forschungsanstrengungen dominiert bis heute eine ungute Mystifizierung dieser Gattung – so Iris Lauterbach vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) in München. Zusammen mit ihrem Institutskollegen Christian Fuhrmeister hatte sie die Idee, den Entmystifizierungsprozess der NS-Kunst einzuleiten. Zurückgreifen konnten beide Wissenschaftler auf das Archiv des eigenen Hauses: Im ZI befand sich nicht nur ein Konvolut von sechs Fotoalben, das die GDK der Jahre 1938 bis 1943 fotografisch dokumentierte, sondern man konnte auch auf sogenannte „NS-Archiv“ in der Photothek des ZI zurückgreifen – und damit insgesamt auf immerhin über 2000 Raumaufnahmen aus der Zeit der Ausstellungen. Ein schließlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Projekt bezog zwei wichtige Kooperationspartner und ihre relevanten Bestände mit ein: 18 Kontenbücher des „Hauses der Kunst“, die die Verkäufe auf den GDKs verzeichneten sowie 666 Werke, die zwischen 1937 und 1944 ausgestellt waren, und sich mittlerweile im Besitz des Deutschen Historischen Museums Berlin befinden.

Nach zwei Jahren Forschungsarbeit lässt sich das Ergebnis der Anstrengungen nun seit Kurzem im Internet betrachten: die „GDK Research – Bilddatenbank und Forschungsplattform zur Großen Deutschen Kunstausstellung und zur Kunst des Nationalsozialismus“ ist für jedermann frei im Internet zugänglich. Zentrale Quellenbestände sind hier verknüpft worden: die oben erwähnte Ausstellungsdokumentation, digitalisierte Kataloge, zahlreiche weitere Fotografien sowie nicht zuletzt archivalische Informationen (wie etwa Kaufdetails) und biographische Daten.

Bereits auf der Startseite der Datenbank wird anhand eines Filtermenüs ein allem Anschein nach relativ geschlossener Zirkel von Ausstellung und Ankäufen sichtbar. Hier lässt sich auch nachvollziehen, welcher der nationalsozialistischen Machthaber den propagandistischen Kurs der Ausstellungen, die über die Jahre von Hundertausenden Deutschen besucht wurde, maßgeblich bestimmte: Adolf Hitler liegt mit 1312 belegten Kaufaktionen deutlich vor Joseph Goebbels (217) und Martin Bormann (143). Ein unter anderem nach Themen und Motiven durchsuchbares Schlagwortregister erlaubt ein zielgerichtetes Surfen im Becken der mehr als 12.000 nachgewiesenen Exponate, von denen bisher wohl nicht mehr als zehn Prozent in Abbildungen bekannt waren.

Endlich erschließt sich ein Blick auf die bisher eher unbekannte nationalsozialistische Massenkonfektionsware: Wer – außer vielleicht ein paar Interessenten und Experten – kennt schon die Mehrzahl der von den Nazis bevorzugten und ausgestellten Maler, Bildhauer, Grafiker, deren Werke zum Teil heute noch auf dem internationalen Kunstmarkt verhandelt werden? Und deren öffentliche Vita nicht selten ganz ohne den NS-Bezug auskommt. GDK-Werke verschwanden nach dem Krieg mal sehr, mal weniger berechtigt in Giftschränken – und waren dadurch bestens für die Mythosbildung geeignet.

Nun aber kann man sich sein eigenes Bild machen – und entdeckt dabei vor allem die Banalität, die vielen der ausgestellten Werke zugrunde lag: Markige Menschen, deutsche Landschaften und niedliche Tiere gingen offenbar fast immer. Schnell wird jedoch auch sichtbar, dass nur ein kleiner Teil der in den Propagandaausstellungen gezeigten Werke offen ideologisch konnotiert waren. Nicht zu vergessen gilt es dabei, dass die zumeist bieder-traditionell daherkommenden Arbeiten trotzdem einen konkreten politischen Zweck verfolgten: Sie entsprachen damit Goebbels einstiger Forderung, das deutsche Volk solle von Propaganda durchtränkt werden, ohne es zu merken.

Für die Provenienz- und Institutionenforschung ist mit der GDK-Datenbank ein systematischer Anfang gemacht: Jedes Unternehmen und jedes Museum kann dort nun nachschauen, was genau seit Jahren in seinem Depot lagert und welche ehemaligen GDK-Künstler es mit ihren Werken in die Flure und Säle der eigenen Einrichtung geschafft haben – was immer das für den weiteren Umgang mit ihnen bedeuten mag.

Weitere Informationen finden Sie hier:

GDK Research – Bilddatenbank und Forschungsplattform zur Großen Deutschen Kunstausstellung und zur Kunst des Nationalsozialismus

arthistoricum - Kataloge der Kunstausstellungen im Münchner Glaspalast 1869 bis 1931


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