Nora und Stefan Koldehoff: „Aktenzeichen Kunst. Die spektakulärsten Kunstdiebstähle der Welt.“

Bauschaum und Pappkarton. Leichter Stoff für schweren Kunstraub

Katja Blomberg
23. November 2004


„Sarah, bitte komm zurück.“ Mit diesem Aufruf versuchte das Kunsthistorische Museum in Wien über Anzeigen in der Tagespresse mit dem Dieb in Kontakt zu treten, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 2003 ein goldenes Salzfässchen, liebevoll mit dem Codenamen „Sarah“ betitelt, gestohlen hatte. Der kannte sich aus: Drehbuchreif war es ihm innerhalb von nur 59 Sekunden gelungen, ein Kleinod der Kunstgeschichte zu entwenden - die sieben Kilo schwere Salz/Pfeffer-Kredenz Saliera, von Benvenuto Cellini 1543 für den französischen Hof aus 24-karätigem Gold, Elfenbein und Ebenholz höchst delikat gefertigt.

Über ein Baugerüst war der Dieb in den Raffael-Saal des Museums eingedrungen. Er hielt sich in jenem kleinen Winkel auf, den die Videokameras nicht erfassen konnten. Ohnehin waren die Kameras in der Nacht ausgeschaltet. Nachdem eine Bewegung Alarm ausgelöst hatte, haben die Wachleute nicht einmal das Licht und die Kameras in dem besagten Saal eingeschaltet, um zu sehen, was los ist. Die interne Regel lautete: Registrieren die Bewegungsmelder keine zweite Regung, wird die Alarmanlage routinemäßig abgeschaltet. Das muss der Dieb gewußt haben. Bis jetzt ist er im Besitz der wohl wertvollsten Goldschmiedearbeit der Welt. Lösegeldforderungen an die Versicherung gingen offenbar bisher ins Leere. Im Schattenreich des Kunstmarktes sind Versicherungssummen allemal interessanter als Schönheit und Inhalt der Werke.

Das Buch von Nora und Stefan Koldehoff liest sich wie ein spannender Roman. Dabei ist es alles andere als harmlos. Kunstdiebstähle sind keine Kavaliersdelikte. Nach dem Drogen- und Menschenhandel gehören sie heute zu den schwersten Delikten überhaupt. Ihr Motiv: Geldgier, Erpressung, Geldwäsche – oder Dummheit, wenn Kriminelle nicht wissen, dass sie ihre Ware auf dem Kunstmarkt kaum mehr los werden. Dennoch werden an die 80% der Fälle nie ganz aufgeklärt. So fehlt bis heute jede Spur von Jan Vermeers Konzert, das 1990 in Boston geraubt wurde. Ebenso bleibt Carl Spitzwegs Armer Poet, der 1989 aus dem Besitz der Berliner Schlösser verschwand, weiterhin verschollen. Und auch das 1988 aus der Berliner Nationalgalerie entwendete Portrait von Lucian Freud, das seinen Freund Francis Bacon zeigt und das unversichert, ja nicht einmal an eine Alarmanlage angeschlossen war und bei hellichtem Tag aus dem Museum getragen werden. Trotz Steckbriefaktion ist es nicht mehr aufgetaucht.

Koldehoffs erzählen fünfzehn spektakuläre Kunstraubgeschichten der jüngsten Vergangenheit. Der Redakteur am Deutschlandfunk und Autor der Süddeutschen Zeitung zeichnete zusammen mit seiner Frau und im Auftrag des DuMont Verlages zum ersten Mal die heißesten Spuren zu verschwundenen Meisterwerken auf. Dabei ist es interessant festzustellen, dass a) die gestohlenen Werke aus Museen durchweg sehr berühmt sind, b) sich die Diebe für Zeitgenössisches wenig erwärmen und c) sich die Polizei erstaunlich wenig für diese Art des Verbrechens interessiert. „Kunstraub ist sehr schwer zu untersuchen. Das ist ein sehr langwieriger und kostspieliger Prozess, der viel Kenntnis voraussetzt. Die Polizei mag aber Spezialistentum nicht sehr“ meint Charles Hill, bis vor kurzem Chefdetektiv für Kunstraubfragen bei Scotland Yard.

Die Tendenz dreister, aber auch brutaler Überfälle auf Museen und Privatsammlungen nimmt zu. In den meisten Fällen werden organisierte Banden aktiv. Die Autoren haben so ziemlich alle Motive zum Kunstraub analysiert. Gleich am Anfang ihres Buches räumen sie mit dem Klischee auf, hier würden Gentlemen aktiv. Aus den vergangenen fünfzig Jahren ist kein einziger Fall bekannt, bei dem Kunstraub im Auftrag eines süchtigen Milliardärs stattfand. Aus Liebe zur Kunst stahl in letzter Zeit nur der elsässische Kellner Stéphane Breitwieser, der sich bis zu seiner Festnahme 2001 in Luzern 239 Mal unbemerkt in öffentlichen Sammlungen bediente, ohne einmal einbrechen zu müssen. Allein in der Schweiz wurde Breitwieser 69 Mal aktiv. Nach der Verhaftung durch die schweizerische Kantonspolizei vernichtete seine panische Mutter dann das ganze Diebesgut in der „größten Kunstzerstörungsaktionen der Neuzeit“, wie Koldehoffs schreiben.

Kunstdiebe treten in Polizeiuniformen auf - wie beim größten Kunstraub aller Zeiten in den USA, als 1990 zwölf Gemälde im Wert von etwa 300 Millionen Dollar aus einem Museum in Boston gestohlen werden. Oder sie setzen Alarmanlagen mit Bauschaum matt, wie im April 2002, als drei Kriminelle in der Nacht neun expressionistische Bilder aus dem Berliner Brücke-Museum rauben: „Ich hätte nie gedacht, dass ein Museum mit so wertvollen Gemälden so wenig gesichert sein kann,“ meinte einer der geständigen Täter vor Gericht. Dass nicht „alle Museen so schlecht gesichert sind, wie die meisten“, darin sehen Koldehoffs durchaus einen alarmierenden Grund für die Zunahme von Kunstdiebstählen.

Nora und Stefan Koldehoff, Aktenzeichen Kunst. Die spektakulärsten Kunstdiebstähle der Welt, DuMont Verlag, Köln 2004, 29,90 Euro.

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