Noga beschlagnahmt Gemälde aus Moskauer Puschkin-Museum
Drohgebärden auf Schweizerisch
Henrike von Spesshardt
17. November 2005
Die auf Betreiben der Genfer Handelsfirma Noga beschlagnahmten Gemälde aus dem Besitz des Moskauer Puschkin Museums sind am Mittwochabend freigegeben worden. Anlass für das Einziehen der französischen Meisterwerke des Impressionismus, die noch bis zum vergangenen Wochenende in einer Sonderschau der Fondation Gianadda im walliserischen Martigny bewundert werden konnten, ist ein langjähriger Rechtsstreit von Noga mit dem russischen Staat, in dem es um in den 1990er Jahren angeblich nicht bezahlte Rechnungen für Lebensmittellieferungen in der Höhe von 1,1 Milliarden Franken (711 Millionen Euro) geht. Der geschätzte Gesamtwert der beschlagnahmten Gemälde belief sich auf rund 880 Millionen Euro. Nach massiven russischen Protesten und der Drohung mehrerer russischer Museen, ab sofort keinerlei Leihgaben an das Ausland mehr abgeben zu wollen, machte der Schweizer Bundesrat am gestrigen Abend von der ihm laut Verfassungsrecht zustehenden Kompetenz zur Wahrung landeseigener Interessen Gebrauch und veranlasste die Freigabe durch die Behörden des Kanton Wallis. Gemäß dem gegenwärtigen Rechtsverständnis sei Kulturgut davor geschützt, für private Zwecke beschlagnahmt zu werden. Diese Entscheidung scheint begrüßenswert, denn kurzzeitig drohte die eigenwillige Reaktion des Schweizer Zolls den Status der kulturellen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland zu gefährden. Sowohl die Verantwortlichen des Puschkin-Museums als auch die des russischen Kulturministeriums hatten mit mehr als Unverständnis auf die leichtfertige Geiselnahme im Namen der Privatwirtschaft reagiert. In Zukunft wird man sich wohl sehr genau überlegen, ob und an wen man seine Preziosen ausleiht.