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Made in China: Young Art and Fresh Film from Beijing

Aufruhr im Berliner Untergrund

Ulrike Münter

22. August 2006 

Made in China: Young Art and Fresh Film from Beijing, verschiedene Spielorte in Berlin. 12. bis 26. August 2006.

Eine der Partnerstädte Berlins ist Peking. Beide Hauptstädte verbindet u. a. der „Werkstatt-Charakter“ ihrer Kunstszenen. So lautet ein immer wieder zu hörendes Statement zu Berlin, hier würde Kunst nicht in erster Linie verkauft, sondern gemacht. Noch bis zum 26. August blickt das Berliner Kunst- und Filmfestival Made in China: Young Art and Fresh Film from Beijing diesem Motto folgend in die Labore der chinesischen Kunst, sprich in die Ateliers der Pekinger CAFA (Central Academy for Fine Arts). Am Wochenende sorgten ein moralischer Empörungsruf der B.Z. und die darauf erfolgte vorzeitige Entfernung der Bilder des Künstler-Duos Ta Men vom U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz für ein erhöhtes Besucheraufkommen.

„Es geht uns nicht um eine Verkaufsschau. Wir wollten zeigen, was die Künstler unserer Generation in China so umtreibt“, erklären die Ausstellungskuratoren Sonja Richter (geb. 1978) und Johannes Kadura (geb. 1982) zum Impuls des Projekts. In der zweijährigen Vorbereitung der Schau kam es zur Zusammenarbeit mit elf Künstlerinnen und Künstlern, von denen allerdings nur die Malerin und Installationskünstlerin Liu Liyun nach Berlin kommen konnte. Da die Anfrage nach öffentlicher Förderung bei den bekannten Stellen so gut wie unerhört geblieben war, konnten die Kuratoren zwar alle Beteiligten herzlich einladen, allerdings nicht sponsern.

An sieben Orten rund um den Rosa-Luxemburg-Platz und dem charmanten Babylon-Kino als Zentrum des Filmfestivals werden die Foto- und Videoarbeiten, Holzschnitte und eine Installation gezeigt. Die Show-Rooms korrespondieren jeweils mit den Themen der Werke. So hängen die solipsistisch-homoerotischen Digital-Fotografien des bereits international agierenden Künstlers Chi Peng (geb. 1981) in einer Privatwohnung und sind nur nach Öffnung der Türen auf Klingelzeichen hin zu sehen. Momente quälender Einsamkeit im Großstadtglanz Pekings zeigen die Fotos der Künstlerin Chen Yan (1980). Unter dem Titel The Inner Scene (2005) sind sie – sehr passend – in der top-designten Suite des Hotels Lux 11 platziert. Weniger glücklich getroffen haben es die wolkenartigen Seidengebilde der Installation Chinese Scenery (2003-2004) von Liu Liyun (geb. 1974). Während sie auf der Chengdu Biennale 2005 in diffusem, gelb-warmem Licht und zusammen mit Stoffrelief-Landschaften der Künstlerin einer Traum-Szene gleich präsentiert wurden, wirken sie in dem vom Tageslicht dominierten Kämmerchen des Babylon-Kinos wie ein Schwan auf einem asphaltierten Platz. Auch der witzigen Foto-Video-Arbeit Renewing Jeep (2005) von Li Hui (geb. 1977) bekommt die enge Nachbarschaft mit Lius Arbeit nicht gut. Dass dieser Raum eine Notlösung ist, springt sofort ins Auge.

Beim Schlendern mit Blick auf den grauen Koloss der Volksbühne lassen sich in den Schaufenstern eines Schuhgeschäfts, eines Architekturbüros und einer Casting-Agentur weitere Werke entdecken. Kompliment! Es macht Spaß, der Route zu folgen und dabei auch immer wieder auf interessierte chinesische Flaneure zu treffen, die die Chance dazu nutzen in Deutschland zu erfahren, was die jungen Künstler ihrer Heimat machen.

Doch nicht alle Werke lösten eindeutige Begeisterung aus. So kam es am letzten Wochenende sogar zur vorzeitigen Abhängung der 16-teiligen Bilderserie Their Girl. Das Künstler-Duo Lai Sheng Yu (geb. 1978) und Yang Xiaogang (geb. 1979), hatte bereits 2005 unter dem „Firmennamen“ Ta Men begonnen vor der Kulisse des immer gleichen Raumes mit Fensterfront veränderte Szenerien in Öl auf Leinwand zu malen. Für das Festival hatten die Kuratoren die Arbeiten auf Plakatgröße gezogen und mit Genehmigung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in die Werbeflächen des U-Bahnhofs Rosa-Luxemburg-Platz gehängt. Die Bilder zeichnen ein wenig freundliches Bild des gegenwärtigen China. Verbleiben einige Arbeiten mit ihrer Kritik auf der symbolischen Ebene, so fand die moralische Empörung einer „Hausfrau und Mutter“ und einer „Pendlerin“ über drei unleugbar drastische Szenen sogar ihre Veröffentlichung in der Berliner Tageszeitung B.Z. Nicht dieser Tatbestand verwundert, sondern der vorauseilende Gehorsam der BVG, die sich durch die undifferenzierte Schlagzeilengier der Presse doch wahrhaftig dazu bringen ließ, gleich alle Bilder - eine Woche früher als vereinbart – abzuhängen. Von hauptstädtischer Souveränität zeugt diese Reaktion nicht. „Wir haben vorgeschlagen nur die drei angesprochenen Arbeiten abzuhängen“, sagt Sonja Richter und kann sich über das schlagartig erhöhte Besucheraufkommen nicht so recht freuen. „Das wäre dann ja Zensur“ - so lautete die verneinende Reaktion der BVG.

Gerade in die Stadt zurückgekehrt ist es dem Berliner Galeristen für chinesische Gegenwartskunst Alexander Ochs nur noch möglich sich Ta Mens Bilder im Babylon Kino anzuschauen, wo sie nun bis zum Ende des Festivals gezeigt werden. „Über die formale Qualität der Bilder will ich hier nichts sagen, die Künstler stehen ja noch am Anfang. Was ich äußerst gelungen finde, ist ihre Kritik an dem, was derzeit in der chinesischen Upper Class passiert. Und da sind der Westen und die westlichen Medien nicht unbeteiligt. Man sollte sich die Zeit nehmen, die Bilder genau anzuschauen, da gibt es nicht nur offensichtliche Prostitution und Gewalt, die Blicke durchs Fenster zeigen wie z. B. das im Bau befindliche Olympia-Stadion, absolut sterile Hochhausarchitektur usw. Und überall fliegen die Geldscheine herum unddas Essen quillt nur so vom Tisch …“


Mehr im Dossier Kunst in China

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