Das Evangeliar Heinrichs des Löwen, Schatzkammer der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Vom 4. Februar bis 18. März 2007-02-02
Wenn es um Mittelalter geht, dann sind die meisten beklommen. Gerne parlieren wir über Damien Hirst, Haifische scheibchenweise oder schwingen uns zu Ansichten über Formaldehyd auf. Aber mittelalterliche Handschriften? Codices, vor tausend Jahren auf abrasierten Tierhäuten (vulgo: Pergament) ausgeführt? Da haben wir dann doch eher Ladehemmungen. Dabei gibt es selten eine bessere Gelegenheit, sich einem Universum zu widmen, das aus weiter, weiter Ferne zu uns winkt, als eben jetzt.
Die ehrwürdige Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel lädt nämlich ein, einen Blick auf „Cod. Guelf 105 Niviss 20; zugleich München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30055“ zu werfen. Potzblitz, wer soll das verstehen? Bei diesem Buchschatz von nationalem Rang handelt es sich um insgesamt 226 Pergamentblätter im Format 34,2 x 22,5 cm. Im Volksmund wird er schlicht das Evangeliar Heinrichs des Löwen genannt. Aber auch in diesem Titel befinden sich schon wieder so viele Unbekannte, dass man eher entmutigt ist. Wer sich jedoch die notwendigen Begriffe erschließt und in sein persönliches Koordinatensystem integriert, der wird belohnt werden, weil sich eine Welt präsentiert, die bei aller Fremde unendlich viel mitzuteilen hat und vor allem eines vorführt: Gute Kunst ist zeitlos!
Das Evangeliar Heinrichs des Löwen entstand in der Benediktinerabtei Helmarshausen. Mit seinen insgesamt 50 ganzseitigen Miniaturen, die reich mit Gold verziert sind und von weiteren etwa 1500 kleinen und 84 großen mit Silber und Gold verzierten Initialen begleitet werden, steht es in der Buchkunst des Mittelalters fast konkurrenzlos da. Es gilt als eines der Hauptwerke der romanischen Buchmalerei des 12. Jahrhunderts. Heinrich der Löwe (1129/31-1195), Herzog von Sachsen und Bayern, gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten des Mittelalters. Er selbst stiftete die prunkvolle Handschrift gemeinsam mit seiner Gattin Mathilde, Tochter des englischen Königs Heinrich II. Das Geschenk war mit dem von Heinrich seit 1173 neu errichteten so genannten Braunschweiger Dom aufs engste verbunden. Natürlich streiten global mindestens zehn Fachwissenschaftler darüber, wann genau das Werk entstand, aber über die Eckdaten 1175 (Frühdatierung) und 1188 (Spätdatierung) herrscht Einigkeit.
Kunst-Objekt-Stiftungen waren im Mittelalter durchaus üblich. An sie knüpften sich nicht zuletzt Hoffnungen auf ein ewiges Leben im Jenseits wegen guter Taten auf Erden. Wie unbescheiden Schenkende sein konnten, beweisen nicht zuletzt die beiden repräsentativen Darstellungen des Herzogspaars im so genannten „Widmungsbild“ und im „Krönungsbild“ des Evangeliars. Das in goldenen Unzialen ausgeführte Widmungsgedicht belegt überdies die frommen Absichten der noblen Spender. Und auch wenn das jetzt leicht süffisant klingt: Damien Hirst und Mittelalterkunst müssen sich keineswegs ausschließen, auch, wenn dabei noch kein Wort über Qualität gesprochen worden ist.
Der ungewöhnliche Aufwand an Purpur und Gold, der Schmuck und die Zier dieses kostbaren Evangeliars deuten auf eine wohl bewusste Anlehnung an die glanzvolle Ausstattung und an den Bilderreichtum noch früherer Handschriften. Neben Karl dem Großen ist das in diesem Fall die Ottonische Kunst der Zeit um etwa 1000, die ja gerade im letzten Jahr in Magdeburg mit Paukenschlag einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert worden ist. Über die Entstehung des Codex wird am Ende des Widmungsgedichts mitgeteilt, er sei als das Werk des Mönchs Herimann in Helmarshausen auf Geheiß des Abtes Konrad II. entstanden, der damit den Auftrag des Herzogs ausgeführt habe. Und das ist nun wirklich einigermaßen unerhört. Da dachte man, Dürer sei Revolutionär, weil er seine Kunst signierte und sich als individuellen Künstler-Schöpfer auswies, und plötzlich spricht Bruder Herimann mehr als 300 Jahre früher zu uns und sagt: „Ich war’s.“
Das Evangeliar Heinrichs des Löwen entspricht in Umfang und Format dem im Mittelalter weit verbreiteten Evangelienbuch. Das bedeutet ganz einfach, dass es sich um ein liturgisches Buch mit den Texten der vier Evangelien des neuen Testaments handelt. Die Pergamenthandschrift ist vollständig und die Erhaltung im Ganzen ausgezeichnet. Die Malereien sind in ihrer Farbigkeit und Leuchtkraft kaum getrübt und nur an wenigen Stellen minimal beschädigt. Die überreiche künstlerische Ausstattung besteht aus Malerei, die in Deckfarben, Purpur und mit Gold ausgeführt ist. Allein 50 ganzseitige Miniaturen umfasst der Codex. Irgendwoher muss ja auch Hanne Darboven ihre Inspiration geholt haben, denn jede einzelne Seite des Evangelientextes wird am äußeren Rand von einer hohen und schmalen, farbigen und zumeist gemusterten Arkade mit der Textzählung des jeweiligen Evangeliums und mit Verweisen auf die entsprechenden Parallelstellen in den anderen Evangelien begleitet. Den Text selbst zieren etwa 1500 Initialen. Das geometrisch-architektonische Raster einer jeden Seite ist mit höchster Präzision durchgehalten, alles von ungeheurer Präzision in numerischer Vollständigkeit gegeben.
Das vom herzoglichen Hof wesentlich mitbestimmte Bildprogramm und die komplexe Ikonografie insgesamt finden im 12. Jahrhundert nichts Vergleichbares. In ihren vielschichtigen Bezügen demonstrieren die dargestellten Personen und Szenen eine umfassende theologische und literarische Bildung. Die Vertiefung in diese Bildprogramme sollte in der Tat entweder vor guten Abbildungen oder eben am Original geschehen - und noch besser unter der kundigen Anleitung einer Person, die in die Tage der Kindergottesdienstbesuche zurückführt und die zahlreichen Geschichten mit Leben erfüllen kann, wo dann gerne mal ein Toter auferweckt oder Wasser in Wein verwandelt wird.
Die Geschichte dieses Evangeliars liest sich wie ein spannender Krimi, denn die Welfen bekamen nach der Niederlage Hannovers gegen Preußen im Jahr 1866 das Buch als Privatbesitz zugesprochen und exportierten es nach Österreich. Viele Jahre herrschte Funkstille, bis die Handschrift 1983 bei Sotheby’s London von unbekannter Seite eingeliefert, durch den legendären Hermann Josef Abs in einer Auktion ersteigert und nach Deutschland zurückgeholt wurde. Das Evangeliar hielt eine ganze Weile den einsamen Rekord als teuerste Handschrift in der Auktionsgeschichte. Damals wurde die ungeheure Summe von 32,5 Millionen Mark von den jetzigen vier Eigentümern – der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern, dem Land Niedersachsen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin – sowie mit Hilfe zahlreicher Bürgerspenden aufgebracht. Heute merken wir ja nur noch auf, wenn etwas die Schallgrenze von hundert Millionen durchbricht. Der endgültige Aufbewahrungsort ist die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, denn dieses Objekt reist nicht mehr. Wer es sehen möchte, fahre ihm entgegen. Wir versichern: Sie werden es nicht bereuen!











