Anmelden Nicht Registriert? Mitglied werden
artnet.com
Search the whole artnet database
 















Das Ende der Hamburger EECH Group AG und ihrer Kunstmarkt-Träume

Hasardeure des Kunst-Profits

Paul Kaiser

23. Mai 2008 

"Die Kunst, von der Kunst zu profitieren" - diese kernige Metapher stammt von Tarik Ersin Yoleri. Der Hobby-Karateka und Kunstsammler war bis Ende 2007 Vorstand des börsennotierten Hamburger Emissionshauses EECH Group AG. Mit massiver Werbung brachte EECH in den letzten Jahren die erste deutsche Kunstanleihe ("Art Invest 2006") sowie - über die ebenfalls von Yoleri dominierte Tochterfirma Art Estate AG - einen Kunstfonds ("Art Estate Kunstfonds 01") auf den Markt. Dafür schuf Yoleri ein selbst für Fachleute schwer durchschaubares Konstrukt an Produkten und Unternehmensbeteiligungen. Yoleri drehte ein großes Rad und wollte die Art Estate AG in absehbarer Zeit gar als einen "spezialisierten Kunsthandel für zeitgenössische Kunst der Top 30 der internationalen Künstler" an die Börse bringen. Jetzt aber sind die ehrgeizigen Kunstmarktträume des Anlagehauses geplatzt: Der Konzern ist pleite und gegen seinen umtriebigen Ex-Protagonisten ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf: Schwerer Kapitalanlagebetrug.

Noch vor zwei Jahren herrschte eitel Sonnenschein: Tarik Ersin Yoleri galt unter Galeristen als einzigartiger Glücksfall. Mit lockerer Hand gab er innerhalb kurzer Zeit wohl fast 25 Millionen Euro für den Erwerb einer Kunstsammlung mit imposanten Namen aus. Der Pop-Art-Fan kaufte neben seinen Ikonen Robert Rauschenberg, Tom Wesselmann und Sam Francis vor allem deutsche Spitzenkünstler - im Fundus der Art Estate AG, die innerhalb der EECH Group AG die Kunstgeschäfte besorgte, finden sich Werke von Georg Baselitz, A. R. Penck und gleich im Dutzend Gemälde und Zeichnungen von Markus Lüpertz. Im Einkaufsfieber ging es jedoch nicht immer nach der Qualität des einzelnen Werkes, sondern eher nach dem Klang großer Namen. Schon bald erschienen in der Presse Warnungen, so sprachen etwa Eva Karcher und Holger Liebs früh von "überteuert angekauften Kunstwerken zweitklassiger Qualität".

Ob der jovial wirkende Tarik Ersin Yoleri in seinem Kaufrausch von verkaufstüchtigen Galeristen mit Depotware übervorteilt wurde, bleibt dahingestellt. Jedenfalls verlor er gänzlich die Bodenhaftung, als er die Bilder als Basis für ein imposantes Renditeziel ausgab. Die von der EECH Group AG im Jahre 2006 aufgelegte Kunstanleihe "Art Invest 2006" versprach den Anlegern 7 bis 8,5 Prozent Zinsen, welche der Hamburger Konzern aus der erhofften Wertsteigerung des Kunstkonvolutes erzielen wollte. Um gegenüber potentiellen Kunden Seriosität zu vermitteln, gab er mit dem F.A.Z.-Institut die Studie "Contemporary Art - eine Assetklasse zur Portfoliodiversifikation" heraus, die zeitgleich mit den Anlageprospekten verschickt wurde. Die Präsentation und der Handel der Werke sollten maßgeblich über die drei in Nobel-Lagen residierenden Vonderbank-Galerien in Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin abgewickelt werden. Hatte die Vonderbank Kunstgalerie GmbH, als deren Geschäftsführer wiederum Yoleri agiert, 2005 noch herbe Verluste eingefahren, so wollte das Unternehmen ab 2007 das Ruder wenden und peilte für 2008 sogar einen satten Gewinn an.

Diese Illusionen sind jetzt wie Seifenblasen zerplatzt. Das Ende mit Schrecken begann, als die EECH Group AG in zwei Mails vom 14. Januar und 29. Februar dieses Jahres den Anlegern der Kunstanleihe avisierte, die fälligen Zinsen nicht fristgerecht zahlen zu können. Daraufhin wurde Yoleri, der für Presseanfragen nicht zu erreichen ist, von einer Klagewelle geradezu überrollt. Die Kläger forderten nicht mehr alleine die Zinsen ein, sondern machten von ihrem Kündigungsrecht Gebrauch. Einer davon ist der Nürnberger Versicherungsfachmann Hans Bünning, der 5.000 Euro zeichnete und nun um seine Einlage kämpft. Viel Hoffnung hat er nicht: "Da brennt nicht nur das Dach lichterloh", meint Büning, "da brennt bereits das ganze Haus".

In der Tat verdichten sich die Zeichen eines spektakulären Debakels: Die Frankfurter Vonderbank-Filiale ist bereits geschlossen und am 17. April stellte die EECH Group AG, inzwischen unter neuer Führung, beim Landgericht Hamburg Insolvenzantrag. Am 14. Mai erwirkte die Kanzlei CLLB für eine von ihr vertretene Mandantin einen dinglichen Arrest über das Privatvermögen Yoleris. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft mit Nachdruck gegen den risikobereiten Finanzmarkt-Jongleur wegen schweren Kapitalanlagebetrugs. Das Geld, mit dem der Manager seinen Kaufrausch in Sachen Kunst finanzierte, stammte offensichtlich aus trüben Quellen. Im Zentrum der "laufenden Untersuchung", so der Hamburger Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger, steht der Vorwurf, Anlegergelder aus Wind- und Solarenergie-Anleihen zweckentfremdet zu haben. Das Landgericht Hamburg stellte in einem Urteil vom 6. März bereits fest, dass von der EECH AG, einer von Yoleri aus dem Konzern herausgekauften Konzerntochter, "Kapital in erheblicher Größenordnung vertragswidrig zur Anschaffung von Kunstwerken verwendet worden ist".

Es bleibt abzuwarten, inwieweit diese Entwicklung auch für den Kunstfonds, der vom Konkurs des Konzerns nur indirekt betroffen ist, bedrohlich wird. Zum Portfolio des bis Ende 2021 laufenden geschlossenen Kunstfonds ("Art Estate Kunstfonds 01") gehören 25 Arbeiten, darunter zwei kleinformatige Bilder von Gerhard Richter, Werke von James Rosenquist sowie das 1990 entstandene Großformat Deutschland nach der Wahl von A.R. Penck. Deren Aussichten werden recht eindrucksvoll geschildert. Immerhin versprach der Prospekt seinen Zeichnern zehn Prozent Zinsen im Jahr -  zahlbar aus der exorbitanten Wertsteigerung der ausgewählten Werke.



Feedback abgeben

   Artikel drucken   Bookmark and Share Share

site map  about us  contact us  investor relations  services  imprint  terms & conditions artnet.com | artnet.de | artnet.fr
   ©2010 artnet - Die Welt der Kunst online. Alle Rechte vorbehalten. artnet ist eine eingetragene Handelsmarke der artnet Worldwide Corporation, New York, NY.  


Künstler: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z