28. August 2010
Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart – Neupräsentation Skulpturensammlung und Galerie Neue Meister, Albertinum, Dresden. Seit dem 18. Juni 2010
„Das versprochene Land“ – Galerie Neue Meister, Albertinum, Dresden. Vom 20. Juni 2010 bis 29. Mai 2011
Bekanntlich wiegt die Vergangenheit an manchem Ort besonders schwer. Vielleicht sticht einem deswegen das Wörtchen „neu“ an einem so geschichtsträchtigen und vergangenheitsbelasteten Ort wie der Sachsenmetropole Dresden ganz besonders ins Auge. Man kann dieses idyllische Elbflorenz – dessen geradezu aufreizend malerische Silhouette mittlerweile vor allem mit Dresdener Bierbrautradition assoziiert wird – zwar mit allerlei schwelgerischen Attributen belegen. Allein, das Wörtchen „neu“ mag einem dabei nicht recht in den Sinn kommen. Das Dresden der Tagestouristen und Marketing-Experten ist eine Stadt, deren Kapital ganz und gar der Wahrung lieb gewonnener Traditionen geschuldet ist. Hier gibt es historistisches Wohlfühlflair um jeden Preis, wie etwa im Falle des spektakulärsten „Neubaus“ der Stadt: der minutiös rekonstruierten Frauenkirche. Was tut man nicht alles für einen ungetrübten Canaletto-Blick, vor allem dann, wenn er den Stadtsäckel füllt.
Umso gespannter durfte man auf die Wiedereröffnung des Albertinums als Museum der Moderne sein, das 2002 vom Jahrhundert-Hochwasser schlimm gebeutelt wurde. Das Haus ist Heimstatt der traditionsreichen Dresdener Skulpturensammlung sowie seit 1965 der von Naziirrsinn und Kriegsschäden bös dezimierten Bestände der Galerie Neue Meister. Sie beherbergt umfangreiche Werkgruppen der Romantiker Caspar David Friedrich, Johan Christian Clausen Dahl und Ludwig Richter wie auch von Max Slevogt, Max Liebermann und den Malern der Dresdener „Brücke“ bis hin zur Kunst der Gegenwart. Das einstige Renaissance-Zeughaus am Elbufer wurde nun räumlich entschlackt und um eine eher technisch als ästhetisch faszinierende Lichtdecke samt integriertem Depot- und Werkstattkomplex über dem vorher offenen Innenhof baulich erweitert, ohne den historische Baukern dabei zu verfälschen – ein kleines Kunststück des Berliner Teams Staab Architekten.
Leider wurde die hinzugewonnene Offenheit im Zuge der räumlichen und sammlungspraktischen Neukonzeption gleich wieder zunichte gemacht, und zwar durch viel zu viele und bei Weitem zu brav inszenierte Exponate. Sicher ist es eine schwere Aufgabe, die Riesenbestände der Skulpturen- und Abgusssammlung, die bis in die griechisch-römische Antike zurückreichen, sinnvoll unter einem Dach mit der Modernesammlung der Galerie Neue Meister zu verknüpfen. Insofern ist es ganz und gar stimmig, dass und wie man uns Skulptur hier vorlegt: in vitrinisierten Schaulagern, als statistische Masse, als bloßes Ding. Das ist umso mehr eine adäquate Präsentationsform, da diese Sammlung ihren endgültigen Bestimmungsort erst in einigen Jahren im Semperbau erhalten wird, in Nachbarschaft zum Zwinger. Und bis dahin macht das unterschiedslose Nebeneinander von Kleinplastik und großer Bronze, von markanten Arbeiten etwa des sagenhaften Barockbildhauers Balthasar Permoser und einer anonym dastehenden Porträtbüste bestens Sinn.
Diese Schaulager vermitteln einen Eindruck davon, wie die Grundlagen musealer Arbeit aussehen. Sie zeigen, was es einerseits bedeutet zu sammeln und zu bewahren, und dass es andererseits unabdingbar ist zu sortieren und bewerten, nur um zuletzt die gewonnenen ästhetischen Maßstäbe an ausgewählten Exempeln öffentlich zu machen – wie etwa in dem trotz Chronologie ziemlich knackigen Skulpturenparcours im Erdgeschoss. Hier überzeugt schon der Auftakt, bei dem Edgar Degas’ verstörend ambivalente Vierzehnjährige Tänzerin (1878/81) einem Constantin Meunier gegenübergestellt wird, bei dem die gnadenlose reale Materialität aus Metall und morsch gewordenem Tüll des mumienhaften Mädchens in Dialog ausgerechnet mit der formalisierten Kühle eines dennoch „sozial“ unterfütterten Realismus treten muss.
Was im Bereich der Skulpturensammlung gelingt, missrät leider im Malerei-Parcours der Galerie Neue Meister. Hier wird der Dialog zwischen Zeiten und Stilen, Formen und Themen bisweilen allzu offensiv, allzu auf den Effekt versessen geführt. Schade. Mancherorts wird völlig unnötig auf kunsthistorischen Krawall gebürstet, wenn etwa Max Slevogts malerisch gekonnter aber ansonsten touristisch gedankenloser Ägypten-Exotismus auf Ai Weiweis Marmortüren mit ihren Referenzen an exotisches Kunsthandwerk treffen. Oder wenn Karl Blechens romantisch abreviierter, nächtlicher Galgenberg bei Gewitterstimmung (1835) Stoß an Stoß mit der produktionslogisch begründeten Dutzendwaremalerei Nr. 89/06 (2006) des Leipzigers Peter Krauskopf gerät. Da wissen wir plötzlich nicht mehr so recht, was wir da vorgesetzt bekommen – tatsächlich museumswürdige Kunst? Die Crux musealer Kriterienbildung? Das Schaulager als Konsequenz einer allzu dramatischen Inszenierung?
Unglücklicherweise wird so ein ganz anderes Manko offenbar. Zwar verlässt sich dieser an Meisterwerken keineswegs arme Parcours ansonsten auf die Chronologie als das traditionelle – und dennoch leidlich effektive – Vermittlungswerkzeug des Kunsthistorikers. Gerade die forcierten und inhaltlich unbegründbaren Gegenüberstellungen aber sensibilisieren für die Lücken und, zumal im Bereich der Gegenwartskunst, deutlichen Qualitätsschwankungen dieser Sammlung. Zwar mögen ihre Defizite, was speziell die Kunst der Nachkriegszeit betrifft, erklärbar sein. Die enorme Geschmacksunsicherheit für Heutiges jedoch ist es nicht, ebenso wenig wie die Fahrlässigkeit, mit der man den beachtlichen historischen Bestand heranzieht, um zwischen ihm und der Gegenwart kuratorische Bezüge zu erzwingen.
Besser wird es auch nicht in der ersten Sonderausstellung der Galerie Neue Meister, die sich unter dem blumigen Titel „Das versprochene Land“ ausschließlich den Zeitgenossen widmet. Mit dieser Schau möchte sich das Albertinum als ein künftiges „Museum der Moderne“ einführen, doch dies misslingt nach Kräften. Hier steht völlig wahl- und richtungslos nebeneinander, was sich an Kunst oder Künstlern derzeit nur finden lässt. So werden bemühtes Lokalkolorit (vom gestandenen Akademieprofessor Martin Honert bis zu Newcomern wie Tilman Hornig und Sophia Schama) mit international klangvollen Namen (wie Marcel Broodthaers und John Baldessari), echte Stars (wie Rosemarie Trockel und Martin Kippenberger) mit älteren und neueren Zeitgeist-Größen (wie Jenny Holzer und Neo Rauch) vermischt. Der Neustart des Albertinum verhebt sich gerade und ausgerechnet am „Neuen“. Das ist umso mehr zu bedauern, weil es Tradition – egal, ob echt oder eingebildet – in Dresden im Übermaß gibt. Im Bereich des Zeitgenössischen aber herrscht, immer noch, ein Mangel.