8. August 2009
Nachdem wir uns gestern mit der Frage beschäftigt haben, wie man als unvorsichtiger Sammler am
Kunstmarkt Geld verlieren kann, wollen wir uns nun dem Thema widmen, wie man umgekehrt Geld
verdienen kann. Man muss nicht eigens erwähnen, dass wahre Kunstbegeisterung die erste und wichtigste Voraussetzung dafür ist. Die Liebe zur Kunst wiegt einen nämlich in dem Glauben, man könne beurteilen, was gut ist, und verleiht zugleich die notwendige Disziplin, an solchen Werken festzuhalten – 15 bis 20 Jahre sind ein optimaler Zeitraum. Und wenn dann die Zeit für den Verkauf kommt, darf man keinesfalls zu gierig sein. Wie lautete noch das weise Fazit Lord Rothschilds, angeblich das Geheimnis seines Erfolgs? „Ich habe immer zu früh verkauft.“
1. Kaufen Sie nach dem Galerieprogramm. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie hätten während der 1980er-Jahre jeweils eine Arbeit aus jeder Ausstellung bei Daniel Weinberg in Los Angeles gekauft. Dann wären Sie heute im Besitz eines Robert Gober (und eines Waschbeckens dazu), eines John Chamberlain, einesEric Fischl und eines Robert Ryman. Machen Sie sich unbedingt bei Galeristen beliebt, die immer schon ein sicheres Händchen für die Stars bewiesen haben, wie etwa Paula Cooper, oder bei der jüngeren Generation David Zwirner, James Cohan, Adam Baumgold und Zach Feuer. Dann schauen Sie mit Wonne Ihrem Portfolio bei der Wertsteigerung zu.
2. Bringen Sie ein Bauernopfer (um an die Königin zu kommen). Manchmal muss man als Sammler einfach ein oder zwei Werke eines weniger gefeierten Künstlers erwerben. Früher stiegen angeblich die Chancen, bei Mary Boone an einen Eric Fischl oder Julian Schnabel zu gelangen, indem man anbot, außerdem einen Gary Stephan oder Michael McClard zu erwerben. Selbst der große Leo Castelli schenkte Roy Lichtenstein-, Jasper Johns- oder Frank Stella-Liebhabern ein mildes Lächeln, wenn sie zusätzlich noch nach einem Cletus Boyer, einer Mia Westerlund Roosen oder einem Keith Sonnier verlangten.
3. Kaufen Sie aus einem Nachlass. Sei es Sam Francis oder Andy Warhol – glücklich können sich all die Sammler und Händler schätzen, die an einen Künstlernachlass kommen und sich die Rosinen aus diesem Schatz herauspicken können. Nachlassverwalter verkaufen aus den verschiedensten Gründen oft unterhalb des Marktwerts, etwa um wilder Spekulation entgegenzuwirken. Sie platzieren Werke strategisch bei vertrauenswürdigen Sammlern, die an den Arbeiten festhalten und sie gewiss nicht bei nächstbester Gelegenheit zu einer Auktion karren werden. Sollten Sie das große Glück haben und Bilder aus einem Nachlass erwerben können, zeigen Sie sich der Verantwortung würdig – Sie bekommen ganz sicher keine zweite solche Chance.
4. Kaufen Sie frisch aufgelegte Drucke. Selbst wenn Drucke sicherlich nie so stark im Wert steigen werden wie Gemälde, besitzen sie doch Potenzial. Knackpunkt bei Drucken ist der Verleger. Durch eine Subskription bei Universal Limited Art Editions (ULAE), oder auch bei Gemini und Crown Point Press, hat man die Möglichkeit, Drucke zum Ausgabepreis zu erwerben. Ist eine Auflage schon oder fast vergriffen, erhöht der Verleger nämlich automatisch den Preis.
5. Kaufen Sie Werke, die bei Auktionen durchgefallen sind. Ein riskantes Unternehmen, aber falls es gut geht, ausgesprochen lukrativ. Wenn ein Kunstwerk das Limit nicht erreicht hat, können Interessenten im Nachverkauf Angebote abgeben. Der Nachteil hierbei ist: Die gesamte Kunstwelt weiß, was da nicht verkauft wurde. Ein solches Werk gilt am Markt als verbrannt und trägt damit das Schandmal der Minderwertigkeit, überzogenen Schätzung, zweifelhaften Provenienz, oder ihm wird irgendein anderer Makel unterstellt. Lösen Sie sich von solchen Urteilen. Wenn es sich Ihrer Meinung nach um ein gutes Werk handelt, greifen Sie zu. Machen Sie dem Auktionshaus ein Angebot weit unter Marktwert. Wenn es akzeptiert wird, haben Sie einen Fang gemacht, und außerdem wird unter diesen Umständen niemand erfahren, was Sie bezahlt haben. Sollten Sie das Werk dann eines Tages selbst weiterverkaufen wollen, wird sich diese Strategie als ausgesprochen gewinnträchtig erweisen.
6. Kaufen Sie direkt im Atelier. Einige Künstler verhalten sich ihren Galeristen gegenüber ausgesprochen loyal. Und dann gibt es noch die anderen Fälle … Falls Sie sich bei einem Künstler engagieren wollen, der direkt verkauft, müssen Sie sich darauf einstellen, dass er Bargeld sehen will. Wenn Sie wüssten, wie häufig selbst große Namen Fünf gerade sein lassen, um sich etwas Cash für den Urlaub, die Greenfees oder kostspielige Szenerestaurants zu besorgen! Nur zur Erinnerung: Wir reden hier nicht von illegalen Handlungen. Bleiben Sie also locker, dann muss die Situation weder für den Künstler noch seinen Galeristen peinlich sein. Unter gewissen Umständen sehen Galeristen sowieso freiwillig zur Seite, wenn ihre Künstler nebenher noch etwas verkaufen. So war es zum Beispiel zwischen Andy Warhol und Leo Castelli geregelt.
7. Kaufen Sie vor der Retrospektive. Wenn Sie mitbekommen, dass ein renommierter Künstler in absehbarer Zeit eine groß angelegte Retrospektive bekommt, ist es Zeit, aktiv zu werden. Nichts nützt einem Künstler so sehr wie eine bevorstehende Ausstellung in einer Institution – im Vorfeld steigen die Preise grundsätzlich. Wer bereits das Werk eines Künstlers besitzt, der kurz vor der Kanonisierung steht, sollte sämtliche Hebel in Bewegung setzen, damit es als Leihgabe in die Ausstellung kommt – als kleines Plus wird Ihr Werk dann auch noch dokumentiert, was den Wert wiederum erhöht.
8. Kaufen Sie einen Künstler, der die Galerie wechselt. Auch Künstler sind nur Menschen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, mit in einer bedeutenderen Galerie zu arbeiten, werden die meisten zugreifen. Ergattern Sie nach Möglichkeit ein Werk, bevor der Wechsel offiziell wird. Robert Bechtle beispielsweise hat erst kürzlich einen Schlussstrich unter die dreißigjährige Beziehung zu seinem Galeristen O.K. Harris gezogen und ist den Verlockungen der Gladstone Gallery erlegen. Im neuen Kontext einer sehr viel renommierteren Galerie wirkte Bechtles Werk auf einmal wieder sehr frisch, was sein Prestige enorm erhöhte. Von seinen Preisen ganz zu schweigen.
9. Werden Sie zum Trittbrettfahrer, wenn Mitglieder aus dem Förderverein eines Museums etwas kaufen. Wenn Sie clever investieren wollen, finden Sie heraus, welchen Künstler die Förderer Ihres örtlichen Museums gerade für ihre Privatsammlung erwerben. Es gibt da zwar einen gewissen Interessenkonflikt, aber Sie werden dennoch feststellen, dass in den meisten Fällen eine „wertsteigernde“ Ausstellung besagten Künstlers in besagtem Museum kurz bevorsteht. Vor Jahren etwa veranstaltete das San Francisco Museum of Modern Art eine große Ausstellung mit damals aktuellen Arbeiten von Sigmar Polke. Beim Blick auf die Schilder fiel mir auf, dass sich ein großer Teil der gezeigten Werke im Privatbesitz von Mitgliedern des Fördervereins befand. Was für eine Überraschung!