22. September 2005
Obwohl die Kunststadt Dresden national wie international im Gespräch ist, stellen sich immer wieder Missverständnisse ein, die meist damit beginnen, dass die Staatlichen Kunstsammlungen – vulgo Raphaels Sixtina, das Grüne Gewölbe, der Zinsgroschen und die diversen Kurschwerter – in Kunstdingen für das ganze Dresden gesehen werden. Nun gibt es aber ausgerechnet in Elbflorenz eine recht alte Tradition, nach der Dresdner Bürger sich für ihre Stadt engagieren. Sichtbar ist dies zum Beispiel an den bereits 1891 gegründeten Städtischen Sammlungen, in denen neben den beachtlichen Technischen Sammlungen und diversen Künstlermuseen wie Kügelgen- und Weber-Haus auch das Stadtmuseum vertreten ist. Als historisch wiedererstandenes Gebäude an der Schnittstelle zwischen spätstalinistisch verschönter Wilsdruffer Straße und historisierend rekreiertem Frauenkirchenareal platziert, wird der stattliche Bau ab September 2006 wieder in Gänze der Öffentlichkeit zugänglich sein.
Wie fast alles in Dresden, so ist die Geschichte des „Landhauses” etwa zweihundertfünfzig Jahre alt und älter. Der nach dem Siebenjährigen Krieg vom Architekten Krubsacius für die sächsischen Landstände errichtete Bau fiel 1945 den britisch-amerikanischen Bomben zum Opfer und wurde dann detailgetreu rekonstruiert. Nun gönnt die Stadt Dresden, unterstützt vom Freistaat Sachsen und von Bundesmitteln, dem Gebäude und sich ein weiteres Facelifting. Wo dann ab Oktober eine der zahlreichen Ausstellungen zur Geschichte der Frauenkirche stattfinden und den Reigen der Sonderausstellungen mit Dresden-Bezug starten wird, ist am 2. Juli 2005 die Städtische Galerie Dresden eröffnet worden. Die neue Dresdener Kunstadresse wurde zwar unter diesem Namen erst 2002 gegründet, bezieht aber Sammlungsteile ein, die wesentlich älter sind. Eigentlich lässt sich kein Rahmen denken, der angemessener wäre, als sich den Dresdener Kunsttraditionen über die barocke Treppenanlage im Dresdner Landhaus zu nähern!
Die in städtischer Trägerschaft befindliche und auf private Sponsoren (Freundeskreis Städtische Galerie Dresden – Atelierbegegnung e.V.) angewiesene Institution dokumentiert mit feinen und feinsten Beispielen die lokale Kunstgeschichte, in der ja immerhin Namen wie Caspar David Friedrich ebenso selbstredend auftreten wie der „local hero“ Ludwig Richter oder auch A. R. Penck, Otto Dix, die gesamte Brücke Gruppe (die sich immerhin anno 1905 in Dresden konstituierte) oder die jüngsten Leinwandhelden. Ob nun hier geboren, ausgebildet, berufstätig oder verstorben – die Städtische Galerie Dresden hat es sich zur Aufgabe gemacht, die lokalen Kunsttraditionen zu sammeln, zu bewahren und auszustellen. Aus diesem Anlass wurde auch die sogenannte Edition Dresden aufgelegt. Das Mappenwerk in 50er-Auflage (Preis etwa 3.500,- Euro) entstand unter Beteiligung von zehn namhaften Künstlern mit Dresden-Bezug, darunter Franz Ackermann, Eberhard Havekost, Sabine Hornig, Olaf Nicolai und Thomas Scheibitz.
Zu den Vorgängern des heute verantwortlichen Teams um Gisbert Porstmann gehören illustre Namen wie Paul Ferdinand Schmidt und Fritz Löffler, die sich beispielhaft für lokale Traditionen, namentlich Expressionismus und Neue Sachlichkeit, einsetzten. Die nunmehr bespielte Ausstellungsfläche im Landhaus, gestaltet von den Dresdener Architekten Klinkenbusch + Kunze, beläuft sich auf 800 Quadratmeter, wozu nochmals etwa 600 Quadratmeter Depot kommen. Das auf knapp 0,8 Millionen Euro bezifferte Gesamtbudget brachten zu gleichen Teilen Landeshauptstadt und Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst auf. In Dresden erlebt man immer wieder, wie stolz die Bürgerinnen und Bürger auf ihre Stadt sind: Nach etwa einem Monat sollen bereits 10.000 zu Besuch gewesen sein. Dabei ist das sogenannte Lokalkolorit keineswegs schal, sondern spannend, erhellend und den Horizont erweiternd. Wer wüsste schon, dass Otto Dix frühester, von Vincent van Gogh inspirierter Sonnenaufgang von 1913 ausgerechnet in der Städtischen Galerie Dresden stattfindet?