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Neue Räumlichkeiten für die Berliner Galerie von Alexander Ochs

Der Reiz des Widerspruchs

Henrike von Spesshardt
21. September 2005
Chinesen sind klein. In China isst man Hunde. Chinesen zahlen ihre BMW-Limousine bar. Chinas Kinder werden immer dicker. Chinesen reicht man nie die Hand zum Gruß. Chinesisches Essen ist so gesund. Chinesische Paare dürfen nur ein Kind bekommen. China duftet. China stinkt. Alles richtig. Alles falsch. Es gibt nicht ein China, China bedeutet Ambivalenz. Und niemand ist darüber wohl verwirrter als die Chinesen selber. Ebenso wie im Reich der Mitte kapitalistisches Gefunkel auf kommunistische Ödnis trifft, ungeheuerlicher Reichtum auf bitterste Armut, Blüte und Bewegung auf Verfall und Stillstand, ebenso divergierend ist das, was sich an chinesischer Kunst seit einigen Jahren dem westlichen Kunstmarkt präsentiert. Auch in der Kunst existieren Parallelwelten, denen von der westlichen Kunstbetrachtung jedoch vor allem eines aufgedrückt wird: der Stempel des Exotisch-Einheitlichen, des Chinesischen eben.

Dabei ist Chinas Kunst ein Kosmos verschiedenartiger Strömungen und Tendenzen, die sich ebenso wenig wie die westliche zeitgenössische Kunst zu einer Kür dressieren lassen. Dem Problem westlicher Asien-Rezeption widmet sich daher ab Ende September die mit der Frage ASIA: THE PLACE TO BE? betitelte Ausstellung in den neuen Räumlichkeiten der Galerie Alexander Ochs in Berlin-Mitte. Dahinter steht ein Ausstellungskonzept, das die gesamte Bandbreite chinesischen Kunstschaffens darlegen möchte. Gezeigt werden dabei sowohl Rückblenden in düstere Kapitel chinesischer Geschichte und die Schattenseiten scheinbar nicht aufzuhaltender Industrialisierung als auch Werke, die die Kraft, die Dynamik und den Widerspruch der gegenwärtigen Entwicklungen Chinas aufnehmen.

So untersucht der junge Künstler Chi Peng (geboren 1981) die von Doppelmoral geprägte Situation Chinas zwischen sexueller Revolution einerseits und brutaler Unterdrückung jedweder sich abseits der herkömmlichen Moralvorstellungen befindlichen Libido andererseits. In seinem stark digital bearbeiteten fotografischen Werkkomplex I fuck me (2005) thematisiert der Künstler die eigene Homosexualität und es bleibt ihm nur das Alter Ego zur Befriedigung der inoffiziellen Lüste, der er jedoch in aller Öffentlichkeit nachgeht. Die Arbeiten von Yin Xiuzhen (geboren 1963) und Miao Xiaochun (geboren 1964) hingegen bilden das Phänomen der asiatischen Megastädte ab. Yoo Junghyun (geboren 1973) lässt in ihren auf Leinwand übertragenen Serien Face (2005) und Breathe (2003/2004) den Mythos des angebeteten Kindes zerplatzen, indem sie die lieben Kleinen nackt, isoliert und puppenartig verzerrt über den Platz des Himmlischen Friedens schweben lässt.

Seit 1997 widmet sich Alexander Ochs als Galerist nun schon der chinesischen Kunst. Seiner Konzentration auf die chinesischen Zeitgenossen ist er dabei ebenso treu geblieben wie der Sophienstraße in Berlin, innerhalb derer er nun zum zweiten Mal umgezogen ist. Angefangen 1997 mit der noch gemeinsam mit Jaana Prüß geführten Galerie Asian Art Now! über die Einrichtung sich unweit befindender neuer Räume 2004 ist man nun in die unmittelbare Nachbarschaft zu Erika Hoffmann-Koeniges Kunstsammlung und der Galerie Contemporary Fine Arts gezogen. In einer Mischung aus White Cube und nach Erkenntnissen des Feng Shui farblich gestalteten Arbeitsräumen für Chef und Mitarbeiter – Alexander Ochs wird fortan im krapplackroten Raum sitzen, was immer das bedeuten mag – residiert die Galerie ab dem 29. September auf fast 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche in Haus Nr. 21, das zum Komplex der Sophie-Gips-Höfe gehört.

Ein Leseraum ist nicht der einzige Komfort, den man sich neben den großzügigen Ausstellungsräumen gönnt. Zwar wird der mit Seidentapeten bespannte, in die Galerieräume integrierte „Wellness Space“ dem China Club des Hotel Adlon wohl keine Konkurrenz machen, dafür wird man sich dort in Zukunft bei chinesischer Fuß- und Körpermassage entspannen können, für die „Frau Doctor Lu“ sorgt. Dem Besucher soll auf diesem Wege die Begegnung mit der Ästhetik Ostasiens auch nachhaltig körperlich fühlbar bleiben. Selbst auf leicht entzifferbare Polit-Pop-Malerei muss bei Alexander Ochs in Zukunft scheinbar nicht verzichtet werden, denn bereits im Eingangsbereich der Galerie prangt die Darstellung Maos. Doch auch hier kommt wieder alles anders als erwartet: Das einzig ausgestellte Porträt des Großen Vorsitzenden schuf der deutsche Maler Gerhard Richter. China eben!

Vom 27. September bis 19. November 2005 bei Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, Sophienstraße 21, 10178 Berlin.

Mehr im Dossier Kunst in China


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