Neue Nutzung der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule

Ein Kunsthaus für die Auguststraße

Marcus Woeller
10. Januar 2011

Die ehemalige Jüdische Mädchenschule an der Auguststraße in Berlin-Mitte hat nach langen Jahren des Leerstands einen neuen Mieter. Er heißt Michael Fuchs, betreibt mit seinem Partner Michael Haas eine Galerie in Charlottenburg und rang um Worte, als er auf der Pressekonferenz zur Schlüsselübergabe sein Konzept zur Nutzung des spätexpressionistischen Klinkerbaus vorstellen sollte. Deutlich wurde nur eines: Künstler, Galeristen und Sammler sollen hier einziehen, ein Buchladen für Kunst, Architektur und Artverwandtes, und das Team vom „Grill Royal“ darf ein Restaurant aufmachen. Weitere Namen stehen noch nicht fest. Doch klar ist, dass es sich hier um die Kunstmarkt-Interpretation eines Gentrifizierungs-Plans handelt, der für das Nebeneinander von Wohnen, Handel und Produktion unter einem Dach steht. Stephan Landwehr vom „Grill Royal“, geübt im charmanten PR-Small-Talk, sprang dem Galeristen bei: „Ein offenes Haus soll es werden.“

Wie offen ein Haus sein kann, dessen Eigentümer die Jüdische Gemeinde von Berlin ist, das könnte noch der Knackpunkt werden. Im Hof des Gebäudes liegt das ebenfalls leerstehende ehemalige Jüdische Krankenhaus (für das auch noch ein Mieter gesucht wird), dahinter grenzt das Grundstück direkt an die Rückseite der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße. Alles muss unter ein vom Landeskriminalamt abgenommenes Sicherheitskonzept gestellt werden.

Die Jüdische Gemeinde hat sich als Vermieter für Michael Fuchs und gegen den Mitbewerber C/O Berlin entschieden. Das Ausstellungsforum für Fotografie feierte gerade sein zehnjähriges Bestehen, wird aber in knapp drei Monaten obdachlos, weil es das Domizil im Postfuhramt, nur ein paar Schritte von der Mädchenschule entfernt, verlassen muss. C/O Berlin hatte also mehr als ein Auge auf das Gebäude mit den abgepellten Klassenzimmern geworfen und schon einen mittleren fünfstelligen Betrag aufgewendet, um ein Sanierungs- und Nutzungskonzept zu entwerfen. Nun sieht sich das Ausstellungshaus von der plötzlichen Entscheidung ausgebremst, denn sogar einen Vorvertrag habe es schon gegeben. Die Verärgerung kann der Finanzdezernent der Jüdischen Gemeinde, Jochen Palenker, nicht verstehen. „Wir haben uns für das wirtschaftlich bessere Konzept entschieden, bei dem die Finanzierung gesichert ist.“ Dabei geht es um eine Sanierungssumme von 4 Millionen Euro und eine Jahresmietzahlung im (vermutlich eher niedrigen) sechsstelligen Bereich. Beides sei von kommerziell orientierten Mietern eher garantiert als von einer Institution, die um Drittmittel ringen muss.

Von Michael Fuchs wurde nun das Architekturbüro Grüntuch Ernst mit der Bauausführung unter Denkmalschutzauflagen betraut. „Wir wollen einen Ort für kulturellen Austausch schaffen“, erklärte Armand Grüntuch sein „bescheidenes“ Vorhaben, „das Haus in seinen Ursprungszustand zurückzuführen.“ Das Konzept von C/O Berlin sah dagegen vor, die unterschiedlichen Nutzungsspuren des Gebäudes, das eine wechselhafte Geschichte hat – zu der übrigens auch eine Ausstellungsstation der Berlin Biennale 2006 zählt – zu bewahren. Eine Idee, die der Jüdischen Gemeinde vielleicht der größte Dorn im Auge war, schließlich will sie in spätestens 30 Jahren ein grundsaniertes Gebäude für eine spätere Gemeindenutzung zurückbekommen. Ressentiments scheinen aber auch eine Rolle zu spielen. „C/O Berlin verhält sich wie ein verlassener Liebhaber“, beurteilt Palenker den unterlegenen Bewerber.

Während die Liebe von Michael Fuchs zur Mädchenschule nun in den knappen zwölf Monaten bis zur geplanten Eröffnung des Hauses besonders inhaltlich noch gedeihen muss, darf der vermeintlich Gehörnte wieder auf Immobiliensuche gehen. Die Möglichkeit eines Neu- oder Umbaus im Monbijoupark könnte dabei eine Möglichkeit sein, auch wenn ein offizielles Bekenntnis des Senats für die Institution C/O Berlin immer noch aussteht. Vielleicht einigt man sich ja aber doch noch mit dem Eigentümer des Postfuhramts auf eine temporäre Weiternutzung.

Für die Auguststraße als Keimzelle der Berliner Kunstszene nach der Wende bleibt derweil zu hoffen, dass die Mädchenschule kein zweiter Aufguss des egomanisch aufgemotzten ME Collector’s Room schräg gegenüber wird. Die KW – Institute for Contemporary Art sind sicherlich der interessantere Nachbar vis-à-vis, um Synergieeffekte zu nutzen.


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