Neue Kunsthalle in Berlin-Lichtenberg

Räumliche Inflation

Anne Haun
5. November 2007
Kein Ort, nirgends – das ist das immer wieder proklamierte Schicksal für die in Berlin entstehende zeitgenössische Kunst innerhalb der institutionellen Landschaft. Seit Dienstag vergangener Woche ist die Entscheidung gefallen: Der „White Cube Berlin“ wird für zwei Jahre als Kunsthalle auf dem Schlossplatz stehen. Diese Idee der temporären Kunsthalle wurde an einem jener Nicht-Orte vorangetrieben, in jenem urbanen „Dazwischen“, das die Hauptstadt in Sachen Kunst auszeichnet. Der „White Cube“ als Trojanisches Pferd – ein Berliner Erfolgsmodell – versucht nun, eine weitere Leerstelle einzunehmen. Dorothee Albrecht und Ludwig Seyfarth nutzen den Hype um die zukünftige Kunsthalle und gewinnen das alte Hase-und-Igel-Spiel mit strategischer Plakativität nach dem Motto: Das Markenzeichen ist alles. Und so kommt es, dass am Abend, bevor Klaus Wowereit offiziell die Kunsthalle für Berlin auf den Weg bringt, eine Kunsthalle in – kaum zu glauben – Berlin-Lichtenberg eröffnet.

Die pure Neugier treibt einen die Landsberger Allee hinunter gen Marzahn. Der Anton-Saefkow-Platz – übrigens nach einem kommunistischen Widerstandskämpfer benannt – ist Anfang der 1970er Jahre im Zuge der ersten Großwohnsiedlung der DDR entstanden. 330 Quadratmeter Ausstellungsfläche im ersten Stock, in den Räumen eines ehemaligen Eiscafés mit Spezialisierung auf die Sorte „Eierlikör“. Ostalgie und morbide Plattenbauromantik verstellen dem vorbelasteten Besucher den freien Blick. Der Raum, das liegt nahe, ist konzeptueller Aufhänger der präsentierten Schau.  Keine geringere als Hannah Arendt und ihre Idee der „Pluralität“ des Raumes wird in der Presserklärung zur Schirmherrin ernannt und wie folgt zitiert: „Die Wirklichkeit des öffentlichen Raums erwächst aus der gleichzeitigen Anwesenheit zahlloser Aspekte und Perspektiven, in denen ein Gemeinsames sich präsentiert und für die es keinen gemeinsamen Maßstab und keinen Generalnenner je geben kann.“

In diesem Sinne hatte sich Dorothee Albrecht im Rahmen ihrer „Feldstudien“ bereits vor Jahren mit dem Bezirk Lichtenberg beschäftigt. In ihren Arbeiten geht sie dem Phänomen der Wissensproduktion innerhalb der kulturellen und gesellschaftlichen „Voids“ nach, dem sichtbaren und unsichtbaren Potential sozialer Prozesse inmitten eines ambivalenten Umfeldes. Entsprechend will man mit der Kunsthalle Berlin-Lichtenberg testen, „wie Räume für Kunst gedacht und gestaltet werden können – als Orte für temporäre, prozessuale und direkt politische Aktivitäten und gesellschaftliche und künstlerische Untersuchungen.“

Der ideologisch angelegte Dialog zwischen Kunst und Gesellschaft erweist sich letztendlich erneut als Problematisierung der Präsentationsformen zeitgenössischer Kunst: Die Auseinandersetzung mit Räumlichkeit von und in Kunstwerken ist im aktuellen Diskurs der Thematisierung von Kunst in den bestehenden institutionellen und gesellschaftlichen Räumen gewichen. Die Kunst bleibt dabei leider auf der Strecke, die Ausstellungskonzeption diffus. Man hatte nicht viel Zeit, Geld sowieso nicht. Die Finanzierung durch das Kulturamt Lichtenberg reiche gerade mal so für die Miete der Räumlichkeiten über einen Zeitraum von 6 Wochen, so Albrecht im Gespräch. Ideale Voraussetzungen demnach, denkt man an die von Coco Kühn und Constanze Kleinert mit Hilfe von Thomas Scheibitz initiierte Schau im Palast der Republik.

Nun rekrutiert Berlin als Kunststadt lange schon seinen Reiz aus jenen Nicht-Orten, die den Gesetzen der Improvisation folgen. Resultat aber ist meist ein typisches Berliner Patchwork: Von Ulrike Solbrigs echter Kiez-Pflanze – entnommen aus einem „interkulturellen Garten in Friedrichshain-Kreuzberg“ – über das Discursive Picnic des Kollektivs Unwetter, bestehend aus Künstlern, Aktivisten und Theoretikern (nicht akademisches Think-Tank in Form von in Thermoboxen abgepackten prozessualen Inhalten) bis hin zu einem „Infomobil“ der Kunst-Stoffe – Zentralstelle für wieder verwertbare Materialien. Daneben eine halloweentaugliche Tischtennisplatte von Friederike Klotz als Kommentar auf das „Global Entertainment“.

Angesichts einer zunehmenden Neutralisierung, Umwidmung und Diskontinuität realer Räume dominiert ein Gefühl von Ortlosigkeit, das Eva Grubinger in der im Rahmen ihres Stipendiums in der Villa Aurora entstandenen Serie „Imperial Beach“ thematisiert oder das Miguel Rothschild in seinen utopischen Sehnsuchtswelten hier in Form eines Nagel-Kosmos zum Ausdruck bringt oder das in den gezeichneten Mental Maps von Franz Ackermann, Reiseberichte einer globalen Entgrenzung, versinnbildlicht wird. Paz A. Guevara macht einen kuratorischen Raum im Raum auf und stellt die drei Künstler Meggie Schneider, Reynold Reynolds und Joulia Strauss einander gegenüber. „Das von Anderen Gesehen- und Gehörtwerden erhält seine Bedeutsamkeit aus der Tatsache, dass ein jeder von einer anderen Position aus sieht und hört.” (Hannah Arendt) Kunst als Aufenthaltsraum einer handlungsnotwendigen Ästhetisierung, Sozialisierung und Politisierung – fürwahr ein ehrgeiziges Projekt, dem man etwas weniger Versuchslabor-Charakter gewünscht hätte. Wolkenkuckucksheim ist eben nicht Berlin.


Weitere Artikel von Anne Haun


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken