14. September 2007
Zunächst ist da die Charlottenstraße. Eigentlich nur auf der Suche nach Lagerfläche entdeckte
Aurel Scheibler die industriellen Räume hinter einem Lidl-Markt und traf schnelle Entscheidungen. „Und jetzt haben wir hier knapp über 300 qm Ausstellungsfläche“, so
Alexander Hattwig, Mitarbeiter der Galerie. 7 Meter hohe Decken und ein Oberlicht, das einmal eine Produktionsstätte aufhellen sollte, komplettieren das Bild. Der alte Standort Scheiblers in Charlottenburg wird allerdings nach wie vor bestehen bleiben. Es ist jedoch geplant die Öffnungszeiten zu staffeln: in Charlottenburg bis Donnerstag und in der Charlottenstraße ab Mittwoch. Das Programm betreffend soll es keine strikte Trennung zwischen beiden Standorten geben. „Wir werden hier nicht nur junge Kunst im Sinne eines Projektraums zeigen“, so Hattwig. Eröffnet wird mit einer Gruppenausstellung, die unter dem für den Raum programmatischen Titel „Maximale Durchfahrtshöhe“ jüngere und ältere Positionen des Galerieprogramms mit Gästen zusammenbringen soll und sich in weitestem Sinne mit dem Thema Portrait auseinandersetzen will.
Während Aurel Scheibler in der Charlottenstraße sein bestehendes Unternehmen konsequent erweitert, zieht im gleichen Haus eine komplett neue Galerie ein: Der bisher als Journalist unter anderem für Monopol, aber auch das Kunstmagazin der Deutschen Bank tätige Oliver Koerner von Gustorf und sein Partner Frank Müller eröffnen dort ihr September genanntes Projekt. Die Eröffnungsausstellung wird die Berliner Malerin Kerstin Drechsel unter dem Titel „Mittelerde“ bestreiten, gleich die zweite Show geben Gustorf und Müller dann an den Kritiker Ossian Ward aus London ab, der eine Gruppenpräsentation der drei Londoner Künstler Dick Evans, Steven Claydon und Saul Fletcher kuratieren wird. Für das nächste Jahr ist dann bereits eine Doppelausstellung von Heinz Peter Knes und Marc Brandenburg geplant. Neben der Institutionalisierung fremdkuratierter Ausstellungen sollen zudem das Publikationsgeschäft und der Ausstellungsbetrieb stärker vernetzt werden: so ist geplant, zu jeder Ausstellung einen Katalog zu veröffentlichen. Vielleicht werden diese Aktivitäten gar in eine Verlagsgründung münden. Für Publikum zugänglich sein werden die neuen Ausstellungsräume beider Galerien ab dem 28. September, die feierliche Eröffnung wird aber erst am Sonntag Nachmittag, den 30. September über die Bühne gehen.
Zu diesem Zeitpunkt wird auch schon die dritte Galerie vertreten sein, obwohl sie ihren regulären Betrieb erst im Lauf der nächsten Monate aufnimmt. Der bereits in den 70er und 80er Jahren in Stuttgart als Galerist tätige Ralph Wernicke wird zusammen mit seiner Partnerin Amel Bourouina nach 14 Jahren Pause vom Galeriebetrieb mit einem neuen Projekt namens „C2C“ zurückkehren. Der Umbau ihrer Räume – in Ausmaß und Bauweise denjenigen Scheiblers ähnlich – hat allerdings noch nicht begonnen. Programmatisch ist plant, so Ralph Wernike, „junge Malerei und konzeptuelle Positionen, gemischt mit Altmeistern der 60er und 70er Jahre“ zu präsentieren.
Nur einige Straßenecken weiter, in der Lindenstraße 34/35 entsteht währenddessen ein weiteres Galerie-Cluster, in seinem Ausmaß noch beeindruckender als jenes in der Charlottenstraße. Nachdem Claes Nordenhake vor kurzem bereits seine Stockholmer Galerie in größere Räume verlegt hat, wagt er in Berlin einen ähnlichen Schritt. Doch damit nicht genug. Er hat in Kreuzberg ein gesamtes Haus gekauft, in das neben ihm noch weitere sieben Galerien einziehen werden. Eröffnet wird der massive Komplex am 27. September mit einem großen Fest aller Galerien. Nordenhake wird zu diesem Anlass eine Gruppenausstellung mit dem Titel „Drawing a Tiger“ zeigen, die Positionen von Hreinn Fridfinnsson, Maya Deren, Helen Mirra und einigen anderen versammelt, bevor Ende Oktober Walter Niedermayr die erste Einzelausstellung in den neuen Räumen bestreiten wird.
Anders als die Galerie Nordenhake, die ihren alten Standort komplett aufgibt, wird Volker Diehl seinen Schwerpunkt zwar in die Lindenstraße verlegen, seine alten Räume in der Zimmerstraße aber als Projektraum beibehalten. In der Lindenstraße eröffnet er mit einer Einzelausstellung der neu ins Galerieprogramm aufgenommenen indischen Künstlerin Rina Banerjee, deren auf Zeichnung und Skulptur fokussierende Show „Where the Wild things are“ ihre erste Solopräsentation in Deutschland darstellt. Die nächsten Ausstellungen werden dann im Oktober mit dem chinesischen Maler Ling Jian, sowie im November mit dem Fotografen Thomas Florschuetz bestritten, letzterer ebenfalls eine neue Position auf Volker Diehls Künstlerliste.
Neben diesen beiden in Berlin bereits etablierten Galerien werden in der Lindenstraße allerdings auch eine Reihe neuer Galerien bzw. Dependancen bislang ortsfremder Händler hinzukommen. So etwa Konrad Fischer aus Düsseldorf. Dort seit mehreren Jahrzehnten im Geschäft und maßgeblich bei der Etablierung amerikanischer Konzeptkunst in Westdeutschland beteiligt, hat sich die Galerie dazu entschlossen, pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum einen Standort in Berlin zu eröffnen. Führen wird diesen Ableger Daniel Marzona, bislang als Kurator und Kritiker hervorgetreten. Die erste Ausstellung wird, in Reminiszenz an die Eröffnung der Düsseldorfer Galerie vor 40 Jahren, wie schon damals mit Carl Andre bestritten, bevor Wolfgang Plöger im November die zweite Show übernimmt. Generell ist geplant, dass Berlin und Düsseldorf als zwei Standorte derselben Galerie fungieren, „Ausstellungen in Berlin werden danach auch in Düsseldorf zu sehen sein und umgekehrt“, so Marzona.
Ähnlich sieht die Lage bei Gregor Podnar aus, den es aus Ljubljana an die Spree zieht, wo er nach mehreren Jahren als freier Kurator seit 2004 eine Galerie unter eigenem Namen betreibt. Die ersten Shows in Berlin werden mit Künstlern aus dem slowenischen Programm bestritten, der Austausch soll auf Dauer aber in beide Richtungen verlaufen. Zwar soll der Berliner Standort definitiv das „internationalere“ Standbein der Galerie werden, während man sich in Ljubljana verstärkt regionaleren Kontexten zuwendet, aber eben nicht ausschließlich und mit fließenden Grenzen – Podnar erhofft sich so einen Input nach beiden Seiten. Eröffnet wird mit Attila Csörgö, einer „eher formaleren Geschichte“ aus seiner Künstlerliste, so Podnar. Danach wird es eine zweiteilige Gruppenausstellung unter dem Titel „Like to Like“ geben, in der mit insgesamt 11 Positionen beinahe das gesamte Ljubljaner Programm in Berlin vertreten sein wird – viele davon zum ersten Mal überhaupt in der Stadt.
Arve Opdahl hingegen kommt vom anderen Ende Europas in die Lindenstraße. Er betreibt seit 1987 seine Galerie in Stavanger/Norwegen und hat sich nach 20 Jahren entschlossen, jetzt mit einer Dependance den Schritt nach Berlin zu wagen. Hat er bislang einige deutsche Künstler in Norwegen gezeigt, so sei es nun an der Zeit „die Richtung umzudrehen“, so Opdahl. In seiner Eröffnungsausstellung werden Zeichnungen von Per Dybvig zu sehen sein, während die zweite Ausstellung von dem ebenfalls aus Norwegen stammenden Maler Dag Eric Elgin bestritten werden wird.
Nicht alle einziehenden Galerien werden bis zum Wochenende des ART FORUM BERLIN ihre Renovierung abgeschlossen haben. So etwa Niels Borch Jensen, die ihren Verlags-, Werkstatt- wie auch Galerienstandort in der Naunynstraße aufgeben und geschlossen in die Lindenstraße übersiedeln werden. Die Galerie wird zwar zum ARTFORUM in ihren neuen Räumen mit einer Ausstellung von Carsten Höllers „Birds“ präsent sein, dies sei aber eher – so Isabelle Du Moulin – „eine Baustellenausstellung“. Danach wird noch einmal zugemacht, um den Umbau in Ruhe fertig zu stellen und im Spätherbst den normalen Galeriealltag zu starten.
Ähnlich sieht es bei der Galerie Gebrüder Lehmann aus Dresden aus: Auch sie werden wie Borch Jensen an den Eröffnungsveranstaltungen beteiligt sein, den regulären Ausstellungsbetrieb aber ebenfalls erst im November beginnen. Sie wollen sich „Zeit lassen, nichts überstürzen, und solide starten“, so war aus der Galerie zu vernehmen. Für die erste Ausstellung steht bislang nur fest, dass sie „internationale Skulpturenpositionen“ zeigen wird, während gleich zur zweiten Show mit Eberhard Havekost einer der großen Namen aus dem Dresdner Programm in Berlin zu sehen sein wird.
Neben all diesen Dependancen und Umzügen, ist mit der Galerie Magazin der bisher als Kritikerin arbeitenden Monika Branicka auch ein völlig neu entstehender Raum in der Lindenstraße vertreten. Branicka hat es sich zum Ziel gesetzt, zwar nicht ausschließlich, aber zumindest schwerpunktmäßig junge polnische Kunst zu vertreten. Zum ARTFORUM-Wochenende startet sie mit einer nur wenige Tage laufenden Ausstellung des polnischen Video-Klassikers Jozef Robakowski. Am 20. Oktober wird die Galerie dann ihren regulären Betrieb mit einer dreiteiligen Ausstellung von Robert Kusmirowski aufnehmen, die zusammen mit der Johnen Galerie geplant wird.
Last but not least – wenn wir uns in Kreuzberg befinden – eröffnet noch eine neue Galerie, die sich außerhalb der beiden gerade beschriebenen Kunst-Ballungszentren in der Oranienstraße 164 angesiedelt hat. Dort hat sich Mariko Sakamoto mit Ole Zimmer und der Kölner Galeristin Christel Schüppenhauer zusammengetan und führt von nun an die Galerie SAKAMOTO contemporary. Nach einer Voreröffnung, die am 11. September mit dem Screening von Michal Kosakowskis 9/11-Hollywood-Found Footage Collage „Just like the Movies“ über die Bühne ging und in der die mediale Vorläuferschaft der Bilder der Anschläge vom 11. September 2001 thematisiert wurde, wird die reguläre Eröffnung mit großformatigen Salzkristallzeichnungen von Jakob Schaible, flankiert von einer Performance und seiner Videoinstallation „Halit“, am 29. September stattfinden.
Wer also dachte, die Flut der Neueröffnungen habe letztes Jahr einen nicht zu überbietenden Höchststand erreicht, wird eines besseren belehrt: Die Strahlkraft Berlins als Galeriestandort ist weiter ungebrochen, weder gibt es für neue Galerien in Deutschland momentan ein attraktiveres Umfeld, noch kann man es sich als etablierte, international agierende Galerie leisten, auf eine Dependance an der Spree zu verzichten. Auf den Punkt hat das geschäftige Treiben, all die Umzüge, Zuzüge und Neugründungen dabei vielleicht Arve Opdahl gebracht: „It’s better to be a small fish in a big pond, than a big fish in a small pond.“ Freilich ist jedes Gewässer von Ufern umgeben, und auch weitläufige Teiche sind niemals unendlich.
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