Neue Galerien in Berlin (Teil 1)

Wir machen Berlin

Anne Haun-Efremides
4. Oktober 2006

Die unermüdliche Konstruktion am Mythos Berlin erlebt neuen Aufwind und lässt die Zyniker in diesen Tagen blass erscheinen. Nie zuvor war das Kunst- und Kulturangebot anlässlich und rund um das Art Forum quantitativ wie qualitativ so überzeugend. Berlin sonnt sich im neu erwachten Selbstbewusstsein einer boomenden Kunstmetropole, die neben New York und London nun offenbar langsam auch kommerziell das Zepter in die Hand nimmt. Natürlich hinkt dieser Vergleich noch immer – dennoch: Nicht nur stürmt eine neue, junge Sammlerszene auf den Markt, sondern auch zahlreiche renommierte Sammler wie etwa Wilhelm Schürmann, Axel Haubrok oder Thomas Olbricht zieht es dauerhaft in die Stadt. So erstaunt es kaum, dass sich die Liste der Galerie-Neueröffnungen pünktlich zum diesjährigen Art Forum wie ein „Who is who“ der internationalen Galerienwelt liest.

„Die Vitalität der Stadt und ihre Bedeutung für zeitgenössische Kunst“ hat nun auch das New Yorker Shootingstar-Doppel Goff+Rosenthal inspiriert, sich in der Berliner Kunstlandschaft einen prominenten Platz zu sichern. Robert Goff und Cassie Rosenthal eröffneten 2004 im New Yorker Stadtteil Chelsea ihre erste Galerie und gelangten innerhalb von nur zwei Jahren zu internationaler Aufmerksamkeit. In einer zweiten Filiale am neuen Standort in der Brunnenstraße 3 will man in den drei Erdgeschossräumen eines Berliner Altbaues vor allem Kunst aus Deutschland und Europa vorstellen. Die glanzvolle Eröffnungsausstellung zeigt einen repräsentativen Querschnitt durch das Galerieprogramm. Darunter finden sich so heterogene malerische Positionen wie die bad girls der erst im letzten Jahr mit dem Schering-Kunstpreis ausgezeichneten Cornelia Renz oder eine farbgrelle Arbeit des in Los Angeles beheimateten Christoph Schmidberger, dessen fotorealistische Porträts der Jugendkultur ein ästhetisch stilisiertes Denkmal setzen. Eine thematische Parallele bilden die durch die Pop-Kultur der 1960er Jahre inspirierten psychedelischen Figuren-Landschaften des Künstlerduos Abetz/Drescher. In Berlin nicht namenlos und wie Abetz/Drescher oder Cornelia Renz somit ein echter Re-Import sind Artists Anonymous. Letztere haben für den Projektraum der Galerie die ortspezifische Installation Pollution und Overpopulation geschaffen, die sich mit der politischen und sozialen Vergangenheit Berlins auseinandersetzt. Objekte aus dem ehemals in den Räumen ansässigen vietnamesischen Importgeschäft werden mit Video, Malerei, Fotografie und Skulptur kombiniert. Mit einer Serie von Zeichnungen der Leipzigerin Susanne Kühn oder den an Edward Hopper erinnernden melancholischen Kohle-Arbeiten des in New York lebenden Scott Hunt wird deutlich, dass man dem Papier eine starke Position innerhalb des Berliner Programms einräumt.

Ein paar Meter weiter die Brunnenstraße hoch – in unmittelbarer Nachbarschaft zur soeben eröffneten Projektgalerie Artnews e.V., in der vor allem internationalen Künstlern, Galerien und Kuratoren eine Plattform geboten werden soll, um in der Stadt neue Positionen zu präsentieren – haben die Düsseldorfer Galerie Conrads und die Römerapotheke aus Zürich sich mit der Gemeinschaftsgalerie Filiale ein zweites Standbein gesichert. Hier will man abwechselnd neueste Positionen aus dem jeweiligen Galerieprogramm zeigen, aber auch, zumindest einmal im Jahr anlässlich des Art Forums, eine Gemeinschaftsausstellung kuratieren. Der FaS Fotoschule, die vom Schiffsbauerdamm ebenfalls in die Brunnenstraße gezogen ist, soll in den neuen Räumen regelmäßig ein Gastrecht eingeräumt werden. In „einer der spannendsten Straßen der Kunst“ erhoffen sich die Galeristen aus Zürich und Düsseldorf nicht nur eine Erweiterung ihrer Klientel, sondern auch die Möglichkeit des Experimentierens. Den alten Standort will man zwar nicht aufgeben, dennoch spricht Helga Weckrop-Conrads begeistert von dem enormen kreativen Potential und den professionellen Strukturen der Stadt, die Berlin für sie – zumindest beruflich – unwiderstehlich machen.

Die Eröffnungsausstellung „Scary Tales“ zeigt einen viel versprechenden Fächer der unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstler beider Galerien, deren einziger gemeinsamer Nenner Jana Gunstmeier ist, die hier mit ihren stets schwarz-weiß angelegten Papierarbeiten aus der 2006 entstanden Serie „ueber f“ vertreten ist. Ihre Schattenwelten sind Paradigmen des Unheimlichen und wirken für die Ausstellung leitmotivisch. So heterogen die aktuelle Präsentation auch ist, die Kooperation überzeugt bereits auf den ersten Blick – von den Transvestiten- und Transsexuellen-Fotografien eines Thomas Weisskopf (Römerapotheke) über die skurrilen, oft pornografischen Zeichnungen von Simon English (Römerapotheke) bis hin zu den morbid-amorphen Keramik-Skulpturen der jungen niederländischen Künstlerin Anne Wenzel (Conrads).

Aber nicht nur die Kunstmeile in der Brunnenstraße hat Zuwachs bekommen, auch die Kochstr. 60 entwickelt sich zu einem neuen Galerienzentrum, nur einen Steinwurf entfernt von der Zimmerstraße, in der mittlerweile neun Galerien residieren. Neben der Galerie Crone Andreas Osarek und der seit dem Sommer dieses Jahres auf der anderen Seite der Hofdurchfahrt im ersten Stock eröffneten Galerie Isabella Czarnowska hat nun ebenfalls der Kölner Galerist Raphael Jablonka das Galerienhaus südlich des Checkpoint Charly für sich entdeckt und seine Ausstellungsräume nach Berlin verlegt. Auch wenn in der Kölner Hahnenstraße noch bis Anfang November die Arbeiten von Martin Assig zu bewundern sein werden, will man Köln in Zukunft nur noch als Büro-Standort und Depot nutzen. In Berlin eröffnete die Galerie jetzt ihre großzügig umgebaute Fabriketage im ersten Stock des Hinterhauses mit neuen Arbeiten von Terry Winter, einem Klassiker der New Yorker Kunstgeschichte im Spannungsfeld zwischen Jackson Pollock, Jasper Jones und Cy Twombly.

Ein weiterer viel versprechender Nachwuchs ist in Berlin angekommen: Julius Werner, Sohn des Kölner Galeristen Michael Werner. Am Sonntagabend eröffnete er seine neue Galerie in den im wahrsten Sinne großartigen Räumlichkeiten im Erdgeschoß der Kochstraße 60 mit einer fulminanten Ausstellung des Londoner Multitalents Paul Fryer. Am Eingang warnt ein Schild Leute mit Herzschrittmacher vor der Gefahr, die Ausstellung zu betreten, und im Inneren der Galerie hat man den Eindruck, inmitten eines Elektrizitätswerkes zu stehen. Petit Mal bezeichnet in der Medizin einen kleinen epileptischen Anfall, bei Fryer ist es der Titel einer Installation aus zwei kugelförmigen Blitzgeneratoren, zwischen denen sich für einen Bruchteil von Sekunden ein elektrisches Spannungsfeld von über einer Millionen Volt in Form von blau-weißen Blitzen entlädt. Das Schauspiel wird begleitet von einem metallisch-scheppernden Donnergeräusch. Man kann nicht umhin, an die Erschaffung neuen Lebens in Frankensteins Laboratorium zu denken. Überall in der L-förmig angelegten Fabrikhalle flammt, blitzt, blinkt und leuchtet es. In einem epileptischen Anfall, so sagt man, durchleben die betroffenen Menschen manchmal besondere religiöse oder charismatische Visionen. Dem Poeten Paul Fryer geht es vor allem um diese Visionen und ihren biologisch-physikalischen Ursprung. Urknall oder schnödes Ei – Julius Werner beantwortet trotz Ophelia die Hamletsche Frage nach „Sein oder Nichtsein“ bei seinem Berliner Antritt mit einem eindeutigen „Sein“. Kein Wunder, denn der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm – wenngleich die Galerie Michael Werner in Köln betont, dass der Sohn ein völlig anderes Programm plane, man aber zukünftige Kooperationen nicht kategorisch ausschließe.

Kaum zu glauben, aber wahr: Just am Vorabend des Art Forums erhebt sich ein weiteres zukünftiges Galerienzentrum wie Phönix aus dem Märkischen Sand der Berliner Heidestraße 46-52, kunst- und verkehrsstrategisch clever eingebunden zwischen Hamburger Bahnhof und Hauptbahnhof. In einer 500 Quadratmeter großen Fabrikhalle auf dem ehemaligen Industriegelände eröffneten Georg Spielhaus und Hamish Morrison ihren neuen Galeriestandort – zuvor waren sie in der Reinhardtstraße 10 zu sehen – mit einer Gruppenausstellung von Judy Millar, Sophia Schama und Uwe Wittwer. Intelligent haben sie Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, deren Werke perfekt mit der enormen Raumhöhe arbeiten und diese erst so richtig zur Wirkung bringen. Der Eintritt in die Galerie über eine Feuerleiter von der erhöhten Empore aus lässt einen ersten Gesamteindruck quasi aus der Vogelperspektive zu. Gleich am Eingang eine wunderbare Wandmalerei von Uwe Wittwer, die subtil mit den melancholischen Waldlandschaften Sophia Schamas harmoniert. Wie ein buntes Feuerwerk wirken dagegen die wandhohen Malgesten Judy Millars, die der Malerei in eine fast skulpturale Dimension verleihen.

Pünktlich zu ihrem dreijährigen Jubiläum hat sich auch die Galerie fruehsorge entschlossen, ihren Standort in der Gartenstraße zu verlassen, um in die Heidestraße überzusiedeln, Motto: „Hauptsache, wir bleiben zusammen!“ Die im Vergleich eher kabinettartigen Räumlichkeiten im 1. Stock des vorgelagerten Quergebäudes passen hervorragend zum Programm, das sich ausschließlich dem Medium Zeichnung widmet. Gleichzeitig mit Spielhaus Morrison eröffnete Jan-Philipp Frühsorge am Donnerstagabend mit einer Gruppenausstellung aller Galeriekünstler von Frank Badur bis Mark Williams.

Im November bekommt das Zweiergespann prominente Verstärkung: Die international tätige Haunch-of-Venison-Gruppe mit ihrem Hauptsitz in London und seit 2005 einer Dependance in Zürich wird in einer weiteren Industriehalle der Heidestraße 46-52 einen Projektraum eröffnen, in dem zwei- bis dreimal im Jahr umfassende monografische Ausstellungen – auch nicht im sonstigen Galerieprogramm enthaltener Künstler – gezeigt werden sollen.

Last but not least ist die Galerie Bereznitzky aus Kiew eine besondere Bereicherung für die Berliner Galerienszene. Am 30. September eröffnete sie einen zweiten Standort in den ehemaligen Ausstellungsräumen von C/O Berlin im Erdgeschoss der Linienstraße 144 mit einer Doppelausstellung von Boris Mikhailov und Illya Chichkan. Sie ist die erste Galerie in Berlin für ausschließlich ukrainische Kunst. Boris Mikhailov, der in Berlin von der Galerie Barbara Weiss vertreten wird, ist mittlerweile ein international geschätzter Künstler, im eigenen Land jedoch völlig unbekannt. Die in der Ausstellung unter dem Titel Moments gezeigten schonungslosen Momentaufnahmen dokumentieren mit gewohnt sezierendem Blick Straßenszenen der ukrainischen Hafenstadt Odessa.

Sein Landsmann Illya Chichkan – „in der Ukraine eine Art Popstar“, wie die Galeristin Lyudmyla Beretznitzka erklärt“ – wartet indessen noch auf den internationalen Ruhm. Vor drei Jahren kam er über ein Daad-Stipendium nach Berlin und pendelt seitdem zwischen der deutschen Hauptstadt und Kiew. Seine Affenmenschen, animalische Persiflagen vom russischen Soldaten Michael Schmidts am Checkpoint Charlie über die Freiheitsstatue in New York oder die Jesus-Statue in Rio de Janeiro, verkörpern den Niedergang großer Ideologien und damit, letztendlich, menschlicher Zivilisation. Den Kafkaschen „Ausweg“ aus diesem Affentheater zeigt Chichkan nicht. Liegt womöglich in der Kunst die Lösung?


Mehr im Dossier  Art Forum Berlin et al. 2006

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