Neue Fotografie und Video aus China im Haus der Kulturen der Welt

Zurück in die Zukunft

Andreas Schmid
31. März 2006
Ganz im Zeichen Chinas steht das Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Als eines der wenigen Häuser Europas besitzt es die einzigartige Möglichkeit und überdies die finanzielle Kapazität, Einblicke in das künstlerische Schaffen mehrerer Gattungen – neben Kunst auch Musik, Tanz und Film – gleichzeitig geben zu können.

Im Zentrum der Schau „Zwischen Vergangenheit und Zukunft“ steht eine große Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Fotografie und Videokunst, für die der Platz im Haus nicht ausreichte und die daher in Teilen auch im weit entfernten Museum für Ostasiatische Kunst – warum nicht im näher gelegenen Hamburger Bahnhof? – gezeigt wird. Die Ausstellung wurde von einem der zurzeit einflussreichsten Kuratoren chinesischer Kunst, Wu Hung vom Smart Museum of Art/Chicago, zusammen mit Christopher Phillips vom International Center of Photography (ICP)/New York konzipiert und zusammengestellt.

Zu sehen ist eine weit gespannte Palette künstlerischer Fotografie und Künstlervideos aus dem Zeitraum von 1995 bis 2005 aus der VR China. Es ist exakt der Zeitraum, in dem das Medium Fotografie sich anschickte, zum führenden künstlerischen Medium unter den Künstlern der großen Städte zu avancieren. Wichtige Themen wurden so behandelt. Neben einer hohen Professionalisierung wurde die Fotografie allerdings von vielen schlicht als produktionsgünstiges Medium erkannt, mit dem man durch viele Auflagen einfach Geld verdienen konnte, was zur Verflachung der künstlerischen Qualität führte.

In vier Sektionen – überschrieben „Geschichte und Gedächtnis“, „Selbst-Darstellung“, „Wieder-Erfinden des Körpers“, „Menschen und Räume“ – wird der Besucher mit einer Fülle von Fotografien und Videoarbeiten zumeist international renommierter Künstlerinnen und Künstler konfrontiert. Die Arbeiten belegen die Rasanz der Entwicklung der letzten zehn Jahre, in denen sich die chinesischen Künstler zunehmend professionalisierten. Die enorme Geschwindigkeit der Umwälzungen in China und ihre Auswirkungen besonders in der Veränderung der Städte, der Umwelt, der sozialen Beziehungen und der eigenen Befindlichkeit wie Identität lassen chinesische Künstler sehr unterschiedlich reagieren: mit ironischem Witz, Sarkasmus, mit bewusst vielschichtigen Inszenierungen, mit der Aufzeichnung individueller Erfahrungen wie auch des gegenwärtigen Lebens, in jüngster Zeit aber auch mit „Flucht“ in Traumgebilde mit neuen landschaftlichen oder geschichtlichen Bezügen oder konkret in die klassische chinesische Malerei.

Obwohl die Ausstellung den interessierten Besucherinnen und Besuchern viel bietet, ist sie vom künstlerischen Anspruch her problematisch. Der Grund dafür liegt in dem angestrebten Überblick. Wie im begleitenden Symposium zur Erinnerungskultur in der Kunst von der Expertin Carol Lu vom Asia Archiv/HK-Beijing dargelegt wurde, erfolgt der künstlerische Generationswechsel in China aufgrund der rasanten Veränderungen wie im Zeitraffer, so dass die Kontexte und die Herangehensweisen sich seit 1995 schon mehrmals erheblich gewandelt haben. Insofern ist auch das Wort „Neu“ im Titel der Ausstellung fragwürdig.

Die Arbeiten in ihren verschiedenen Kontexten und Entstehungssituationen durch Betrachtung allein zu erahnen oder zu erfassen, ist für die Besucherinnen und Besucher daher nicht einmal im Ansatz zu leisten. So steht die Ausstellung in der Gefahr, nur mehr als narrative Bilderschau mit Einblicken ins heutige China wahrgenommen zu werden. Wesentliche künstlerische Positionen – wie die von Yang Fu Dong, Zhuang Hui, Song Dong, Yin Xiuzhen, Liu Zheng, Wang Qingsong und anderen – die auch Teil einer internationalen künstlerischen Debatte sind, verkümmern als Teil der Bildfolge. Für eine anspruchsvolle künstlerische Ausstellung wäre eine Beschränkung in der Auswahl vorteilhaft gewesen, selbst wenn das bedeutet hätte, auf einige Positionen zu verzichten.

Nach etlichen Überblicksausstellungen zeitgenössischer chinesischer Kunst im Westen und der mittlerweile sehr großen Präsenz chinesischer Künstler auf Messen, Ausstellungen und im Internet scheint doch die Zeit von Überblicksausstellungen vorbei zu sein. Einige Positionen in der Ausstellung waren in den letzten Jahren immer wieder in Galerien und Institutionen (auch in Berlin) zu sehen. Es ist an der Zeit, das Riesenland China auch von der Kunst her differenzierter anzugehen. Wünschenswert ist eine Auswahl, die sich auf bestimmte Fragestellungen oder auf bestimmte Regionen bezieht, zum Beispiel das Gebiet von Guangzhou bis Shenzhen mit seinen Umbrüchen und die Aktionen sowie Reaktionen der Künstler darauf. Dann hätte die Zusammenstellung mehr mit Kunst und weniger mit China als anthropologischem Phänomen zu tun.

„China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft“ noch bis 14. Mai 2006 im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin


Mehr im Dossier  Kunst in China

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