Neue Designbücher

Apokalypse now

Birgit S. Bauer
16. November 2010

Die Welt steht unter Druck: Klimawandel und knappe Ressourcen erzwingen Alternativen zum Massenkonsum. Nachhaltigkeit ist der Begriff, der die Runde macht. Gleichzeitig hat das Web 2.0 mit Tools wie Facebook oder Twitter neue Produktions- und Marktbedingungen aufs Tapet geholt – die Konsumenten von gestern sind heute mit Wissen und Werkzeugen ausgestattet und können selber etwas produzieren. Design und Kunst tragen ihren eigenen Teil zu diesem Thema bei. Wie genau, das zeigen drei neue Publikationen.

Design ist bunte Objektkultur. So jedenfalls wird sie meistens wahrgenommen und ihre theoretische Aufarbeitung dabei oft vernachlässigt. Die einzige Hochschule in Deutschland, die sich der Theoriebildung im Design verpflichtet hat, ist die Kunsthochschule Weißensee, deren Studenten sich gleichwertig mit Theorie und Praxis beschäftigen. Beleg dafür ist die Veröffentlichung „Kritische Masse – von Profis und Amateuren im Design“, die fünf Texte von Absolventen aus Design und Kunst zur gegenwärtigen Verwandlung ihrer Profession in einen „Volkssport“ versammelt.

 Das Grundmotiv des Bandes ist der Unterschied zwischen Amateur und Profi im Design, deren Grenzen durch digitale Technologien immer mehr verschwimmen. „Open Design“ mit Bauplänen im Netz, 3D-Drucker zu Hause und digitales Do-it-yourself sind die Phänomene, die die heimischen Bastler auf den Vormarsch bringen. Der Zugang der einzelnen Texte zum Thema könnte kaum unterschiedlicher sein. Während Florian A. Schmidt höchst präzise und kritisch die Strukturen des „Mitmachnetzes“ Web 2.0 seziert, idealisiert Peter Lasch in „Free Design“ die Machtübernahme der Konsumenten über die Industrie und stellt Amateur-Design vor, das in Zukunft sogar bessere Autos hervorbringen soll. Friedrich Kutz erläutert pragmatisch seinen System-Baukasten für mobile Netzanbindung, Susanne Stauch beschwört die Entfesselung der Kreativität und das Wirtschaftssystem, während sich Fritz Gobesso dem Verhältnis von Fake zu Original in der Kunst und deren Befreiungspotential annimmt. Die Beiträge sind im Kontext eines laufenden, noch sehr undefinierten Diskurses zu lesen. Vorerst unbeantwortet bleibt deshalb wohl auch die Frage nach dem Selbstverständnis der Disziplin Design; welche gesellschaftliche Rolle sollen die (Profi-)Designer zukünftig einnehmen? Das Dilemma zwischen künstlerischem Selbstverständnis der Akteure und dem Aufgehen des Designs in kollaborativen Formaten veranschaulichen die Illustrationen von Andreas Töpfer. Wer sich also einen Überblick über die Facetten des Designdiskurses verschaffen möchte, ist mit „Kritische Masse“ gut bedient.

„Man kann die Welt nicht den Experten überlassen“, sagt Adrienne Goehler, Kuratorin der Wanderausstellung „Zur Nachahmung empfohlen – Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit “, die noch bis März 2011 im Zehntspeicher Quarnstedt in Gartow im Wendland stattfindet. Der die Veranstaltung begleitende Katalog präsentiert über 40 Exponate, die sich mit der kulturellen und sinnlichen Dimension des technoid geprägten Nachhaltigkeitsthemas beschäftigen. Die Ermächtigung darüber geschieht durch Do-it-yourself-Methoden, Recycling und Umformung von Zeichen. Die Positionen aus Kunst, Design, Architektur und technischen Erfindungen reichen von diversen Produkte der Wiederverwertung über ein Projekt, das bedürftigen Europäern Patenfamilien in Afrika oder Asien vermittelt, bis hin zu einer schwimmenden Insel, auf der durch körperliche Betätigung sauberes Wasser erzeugt wird.

Die Publikation selber indes enthält ein Lesebuch mit Texten, ein Malbuch für Flüchtlingskinder und eine Bauanleitung für Recycling-Geräte: zusammengehalten von einer Art Packdecke. Eine improvisierte Recycling-Verpackung, deren Ästhetik wohl gerade die Glattheit üblicher Zukunftsszenarien ablöst. Das Lesebuch klärt die Herkunft der ökologischen Kunst an Beispielen wie Joseph Beuys und Christo & Jeanne-Claude, sammelt Statements von Umwelt-Aktivisten respektive Entrepreneuren und von Philosophen wie Peter Sloterdijk, die dem Modewort „Nachhaltigkeit“ auf den Zahn fühlen. Das ist gut, weil es zur kritischen Standortbestimmung beiträgt, nervt aber mitunter durch Betulichkeit, mit der man anstehende Katastrophen serviert bekommt. Die Erkenntnis aus dem Katalog ist letztlich, dass Kunst, die sich mit Umweltthemen beschäftigt, keine Lösungen finden muss wie beispielsweise das Design, sondern Problemfelder für ein großes Publikum sinnlich erfahrbar macht. Die Frage, ob sie dadurch automatisch gute Kunst ist, tritt selbstlos hinter dieser Vermittlung zurück. Diese soziale Dimension von „Zur Nachahmung empfohlen“ ist dann auch der wichtigste Aspekt des Projektes. Ob das gleichzusetzen ist mit der von der Kuratorin ausgerufenen „Krise des Expertentums“, ist die Frage. Denn zur Bearbeitung der Weltprobleme werden neben den Botschaften aus der Kunst bestimmt auch weiterhin viele Experten gebraucht. Das beste Event-Design zum Thema hat das Projekt durch Ausstellung, Katalog und Diskussionsveranstaltungen in jedem Fall bewiesen - und darf nachgeahmt werden.

Folgen und Alternativen zum Konsum ist der Kern des nächsten Buchs zur Nachhaltigkeitsdebatte. Wie man kritische Themen auch am Coffeetable lesen kann, beweist der Taschen Verlag in Gestalt des 440-seitigen Buches „Product Design in the Sustainable Era“. Über 180 innovative Projekte aus über 20 Ländern werden hier vorgestellt, textlich eingeführt von weltweit führenden Design-Agenturen und Unternehmen wie IDEO, IBM und New Deal Design.

Die schiere Fülle von Entwürfen und technischen Lösungen für Umweltprobleme aller Art erschlägt den Leser fast und lässt ihn erahnen, wie weit der Begriff „Nachhaltigkeit“ gefasst wird - von minimalen Konzepten wie Holzmöbel aus Brasilien bis hin zu genial einfachen Ideen wie der Druckerpatrone, die von Kaffeesatz gespeist wird. Luft- und Wasserreiniger, stromsparende Geräte und solche, die den Stromverbrauch sichtbar machen, Wind und Solar betriebene Maschinen, Mehrwegkonzepte und mobile Toiletten – all das vermittelt eine Momentaufnahme einer sich verändernden Produktwelt. Hier lassen sich auch Design-Tendenzen ablesen, die nicht explizit Thema des Buches sind, zum Beispiel in der Formensprache der Entwürfe: Nachhaltigkeit schlägt sich gerne in einer gewissen formalen Unbestimmtheit und Unschuld nieder. Helle Farben und runde Ecken, wohin man auch schaut.

In die raue Wirklichkeit hingegen dringt ein, wer Entwürfe für die sogenannte Dritte Welt sieht, deren robuste Funktionalität in erdigen Farben vielleicht schon der Vorbote kommender Trends ist. Aber vorerst bleibt die Welt hier ja noch hell, sauber und schön. Die Beschreibungstexte sind schlaglichthaft kurz, aber mit weiterführenden Links versehen. Den Zweck, einem breiten Publikum angstfrei und ohne moralischen Zeigefinger eine überbordende Fülle von Lösungen zu liefern, erfüllt das Buch in attraktiver Pecha-Kucha-Manier.

Florian A. Schmidt/Peter Lasch/Susanne Stauch/Friedrich Kautz/Friedrich Gobbesso (Hg.): „Kritische Masse. Von Profis und Amateuren im Design“, form + zweck, Berlin 2010. 196 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-935053-32-7, EUR 18

Adrienne Goehler (Hg.): „Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010. 416 Seiten, Deutsch/Englisch, 210 Abb., davon 186 farbig, eine Bauleitung, ISBN 978-3-7757-2772-3, EUR 48

Dalcacio Reis/Julius Wiedemann (Hg.): „Product Design in the Sustainable Era”, TASCHEN Verlag, Köln 2010. 440 Seiten, Deutsch/Englisch/Französisch, ISBN 978-3-8365-2093-5, EUR 29,99


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