8. Februar 2012
„Dämmerung - Neue Kunst aus China“ mit Chen Yujun, Li Jikai, Li Qing, Wang Guangle, Wang Yabin, Wu Di, Yuan Yuan und UNMASK – Zhong Galerie, Berlin. Vom 21. Januar bis 31. März 2012
Die Berliner Galerienszene hat einen Neuzugang zu verzeichnen. Am Koppenplatz in Berlin-Mitte eröffnete jüngst die Zhong Galerie. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, die bisher angeblich ausschließlich „westliche“ Rezeption chinesischer Gegenwartskunst aus „chinesischer Perspektive“ hinterfragen zu wollen. Ein cleverer Schachzug, wie die erfolgreiche Eröffnung und die beeindruckende Medienresonanz bestätigt. Aber was muss man sich unter einer „chinesischen Perspektive“ vorstellen? Blickt man auf den Galerienamen, der auf den chinesischen Ausdruck Chinas „Land der Mitte“ (Zhongguo) zurückgeht, klingeln beim langjährigen Chinabeobachter bereits die Alarmglocken. Denn der Begriff impliziert historisch, dass alles außerhalb der Mitte als kulturell minderwertig zu beurteilen ist. Will hier jemand territoriale Ansprüche und nationalen Kulturessentialismus propagieren? Der Ankündigungstext zur Eröffnung, in dem damit geworben wird, dass es sich bei der Zhong Galerie um die bislang einzige Galerie zeitgenössischer Kunst in Europa handele, die von Chinesen betrieben werde, erhärtet diesen Verdacht.
Ein Treffen mit den Galeristen Zhu Gaowen und Wang Jiangnan gibt Aufklärung. Die beiden erwecken nicht eben den Eindruck, als wollten sie mit ihrer Galerie vor allem nationale chinesische Interessen vertreten. Stattdessen erklären sie, chinesische Gegenwartskunst abseits der bekannten Ikonografien vorstellen zu wollen. Dass sie sich auf sensiblem Terrain bewegen und ihre Galerieeröffnung als kulturmachtpolitische Provokation verstanden werden könnte, scheint den beiden gar nicht bewusst gewesen zu sein. Umso geschockter sind sie darüber, dass sie seit der Vernissage bereits mehrmals Opfer von Aggressionen wurden und die Fassade der Galerie mit Schmierereien wie „Go back to China“ attackiert wurden.
Doch wer sind die Protagonisten der neuen Galerie? Der junge Sammler chinesischer Gegenwartskunst Zhu und die Kunstvermittlerin Wang, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, verstehen sich als selbstbewusste Insider ihrer Kunstszene. Das Wissen und ihre Ansichten über chinesische Gegenwartskunst möchten die beiden im Austausch mit Berliner Künstlern, Kritikern, Kuratoren und Wissenschaftlern teilen und zur Debatte stellen. Geplant sind Diskussionen und Publikationen sowie ein Programmaustausch mit der Pekinger Dependance der Zhong Galerie.
In ihrem Programm legen die Galeristen den Fokus auf eine jüngere, außerhalb von China bislang noch wenig bekannte Künstlergeneration. Deren Mitglieder wurden, wie die Galeristen selbst auch, in den 1970er- und 1980er-Jahren geboren und wuchsen im Zuge der von Regierungsseite verordneten Ein-Kind-Politik als Einzelkinder auf. Im Unterschied zur älteren Künstlergeneration sind ihre Lebenserfahrungen nicht mehr in erster Linie durch die Erinnerungen an die Mao-Zeit geprägt. Vielmehr wird der Lebensalltag heute im Zusammenhang mit der Öffnung des Landes seit 1979 und der Etablierung der sogenannten sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung durch zunehmende Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche bestimmt. Ihre Kunst wird im Unterschied zu früheren chinesischen Künstlergenerationen als weniger gesellschaftskritisch beschrieben. Oftmals als „Ego Generation“ bezeichnet,
beschäftigen sie sich stärker mit privaten Themen. Dennoch zeichnen sich ihre Werke gleichzeitig durch hohe psychologische Tiefe aus, die häufig gesellschaftskritische Konnotationen aufweist.
Offen geht man damit um, dass mehr als die Hälfte der in der ersten Ausstellung unter dem Titel „Dawn. New Art from China“ gezeigten Künstler Chen Yujun, Li Jikai, Li Qing, UNMASK, Wang Guangle, Wang Yabin, Wu Di und Yuan Yuan auch in Zhu Gaowens Privatsammlung vertreten sind. Abgewinnen kann man dem, dass die Schau somit auch als Schaufenster zu Sammlungskonzept, Interesse und Geschmack eines jungen chinesischen Sammlers fungiert. Begeistert erzählt Zhu denn auch von seiner Sammlertätigkeit, der er seit 2005 frönt. Während er heute den Sammlungsfokus auf Künstler und Themen seiner eigenen Generation lege, weise seine Sammlung mit dem ikonischen Mao-Porträt Print Portrait of Chairman Mao in military hat (1967 ) von Wu Biduan auch eine historische Perspektive auf. Das 1967 entstandene Porträt Maos findet bis heute auf Postern und Kleidung abgedruckt Verwendung und prägte das kollektive chinesische Gedächtnis maßgeblich.
Zhu liegt viel daran, in seiner Galerie kunsthistorische Bezüge herstellen und produktionsästhetische Hintergründe erläutern zu lassen.
Im Unterschied dazu dominieren in dem im Ausstellungskatalog erschienen Essay des Kuratoren Fang Zhiling identitätspolitische Kontextualisierungen, die chinesische Kunst in dichotomischer Abgrenzung zu westlicher Kunst definieren. Seine Ausführungen muten holzschnittartig an und sind teilweise kryptisch formuliert, wenn etwa die in der Ausstellung vertretenen Künstler einer „sekundären Kultur“ zugeordnet werden, deren genaue Bedeutung unklar bleibt. Chinesische Kunst scheint er in erster Linie als Produkt der Auseinandersetzung und Übernahme westlicher kultureller Einflüsse zu verstehen, kunsthistorische oder ästhetische Analysen finden keine Beachtung. Chinesische Künstler hätten bis in die 1990er-Jahre „vom Westen gelernt“, was dazu geführte habe, dass im heutigen China chinesische Kunst verkannt würde. Aus nationaler Perspektive werde sie entweder als „unchinesisch“ oder als kulturell unspezifische globale Kunst verstanden, so Fang. Doch die Lösung des Problems hält der Kurator gleich bereit:
Die Kunstwerke in der Ausstellung seien als Ausdruck der „Dämmerung“ einer neuen chinesischen Kunst zu verstehen, die den „sekundären Charakter“ der aktuellen chinesischen Kultur zum Ausdruck bringe. Nicht überzeugend dargelegt soll es sich hierbei um Kunstwerke handeln, die zwar „sowohl in ihrem Sprachstil als auch in ihren künstlerischen Vorstellungen ihre Wurzel im westlichen Kunstsystem haben, andererseits aber keine bewusste Nachahmung der westlichen Gegenwartskunst darstellen, sondern vielmehr Ergebnisse der individuellen Selbstvervollkommnung durch die Auseinandersetzung mit der einzigartigen geistigen Realität Chinas sind“. Abgesehenen davon, dass auch vorangegangene chinesische Künstlergenerationen nicht bloße Kopien westlicher Kunst anfertigten, bleibt völlig unklar, was mit „einzigartiger geistiger Realität in China“ gemeint sein könnte.
Im Unterschied zum Katalogtext überzeugen die ausgestellten Kunstwerke. Zum Ausdruck kommt in allen Arbeiten ein eher düsteres Stimmungsbild der jungen chinesischen Künstlergeneration. Auf Li Jikais Bildern ist in Cartoon-Manier immer wieder derselbe einsame Junge zu sehen. Dessen Verzweiflung geht so weit, dass er sich in surrealen, teilweise apokalyptischen Situationen einiger Bilder sogar suizidalen und selbstverletzenden Handlungen hingibt. Im Alter Ego seines traurigen Cartoon-Knaben bringt Li das Ohnmachtsgefühl seiner Generation zum Ausdruck.
Bei Chen Yujun und Yuan Yuan wird der Betrachter mit leeren beziehungsweise unzugänglichen, mit Gittern verschlossenen Räumen konfrontiert. Auch hier scheint man gesellschaftskritisch konnotiert auf die Tatsache anzuspielen, dass die derzeitige chinesische Gesellschaft kaum Möglichkeiten der individuellen Partizipation bietet und Gefühle der Ausgeschlossenheit dominieren. Auch in Wang Yabins „naiven“ Malereien, die einen hohen fragmentarischen Charakter aufweisen, ja fast auseinanderzufallen drohen und den Betrachter in surreale Szenarien ziehen, stehen stets Gefühle der Entfremdung im Vordergrund.
Die Zhong Galerie bringt neue interessante künstlerische Positionen nach Berlin. Wünschenswert wäre es, dass sie in Zukunft weniger Wert auf identitätspolitische Fragen und kulturessentialistische Zuschreibungen legt und stattdessen noch stärker betont, dass es ihr um Kunst und deren Bezüge und Austausch zwischen China und Europa geht.