Neue Bücher zur Theorie des Designs

Therapie mit Eigenblut

Birgit S. Bauer
29. April 2010

 

Neue Stühle allein bringen das Design nicht weiter. Das musste die Profession gerade erneut auf der Mailänder Möbelmesse erfahren. Aber auch dem Kommunikationsdesign wird langsam klar, dass die Designer selbst ihre Profession reflektieren müssen, jenseits der stilistischen Pflichterfüllung. Am besten geht das durch Bücher. Doch im Design ist der Transfer auf die Metaebene ein harter, langer Weg, der mit schmalen Bändchen beginnt. Angesichts der Verankerung im Kommerziellen und der Überinszenierung des Formalen fehlt häufig die Verhandlung eines theoretischen Selbstverständnisses. Und nur in Ausnahmefällen springen den Designern Philosophen bei, so wie in „Der Welt über die Straße helfen“. Peter Sloterdijk beschreibt hier das Design im Sinne Heideggers als „Zeug“. Er erweitert diese Auffassung, wenn er im Design „Zeug zur Macht“ sieht – zur Macht über unübersichtliche Verhältnisse. Das Design-Ding vermittele den modernen Menschen Verständnis. Diesen philosophischen Überlegungen stellt Sloterdijk einen Text seines Karlsruher Professorenkollegen und Design-Praktikers Sven Völker gegenüber, wie auch Arbeiten von dessen Studenten. Es sind Objekte, die als gesellschaftliches Souveränitätszubehör dienen könnten, zum Beispiel Tarnanzüge aus Ikea-Sonderangeboten oder Verkehrszeichen-Readymades. Wichtiger aber als diese Bildbeiträge ist Völkers Text über die Leistungsfähigkeit des Grafikdesigns. Er bringt das Servile gerade des Kommunikationsdesigns, dessen pfadfinderhafte Haltung, „der Welt über die Straße zu helfen“, auf den Punkt. Diese unerwartete Klarheit führt den Leser zu einer Position, die endlich die Diskurs-und Kritikfähigkeit von Kommunikationsdesign ansprechen und anstoßen dürfte.

 

Weitaus radikaler geht es in „Uncorporate Identity: Emblem and Void“ von Metahaven (Vinca Kruk, Daniel van der Velden und Gon Zifroni) zur Sache. Das niederländische Studio sieht im Design ebenfalls „Zeug zur Macht“, jedoch in einem ganz anderen Sinne als Sloterdijk. Hier lautet die Frage: Wie stellen sich Staaten dar? Was ist das Geheimnis des Designs von Macht? Wie kann man beispielsweise aus dem totalitären, Sicherheit suggerierenden Design von Tourismusbroschüren ausbrechen und es so gestalten, dass der Zugang zur Macht in eine „Open-Source Front-End-Application“ (Metahaven) verwandelt wird? Im Fokus des titelgebenden, spektakulär-spekulativen Forschungsprojekts stehen die Identitätsfindungsprozesse von politischen, territorialen oder digitalen Konstrukten. Schon im Layout des bei Lars Müller Publishers erschienenen Bandes muss man Abschied von althergebrachten Sehgewohnheiten nehmen: Störungen, Ablösungen und Mashups von Typo-, Logo- und Bildelementen signalisieren Dekonstruktion. In den Texten, die sich zwischen Strategie-Studien, Essay, Comic und Agententhriller bewegen, gehen Autoren wie Boris Groys, China Miéville, Keller Easterling und David Grewal dem Branding geopolitischer Phänomene auf den Grund. In Protokollen von Kampagnen und der Dokumentation von Staats-CIs wird die Liaison des Designs mit der Macht, mit ihren Symbolen und Konventionen entblößt. Auf insgesamt 608 Seiten sieht der Leser sehr deutlich, wie weit das kommerzielle Design leider immer noch von einem „UnCorporate Design“ entfernt ist, besonders außerhalb der Niederlande.

Konstantin Grcic hingegen, Deutschlands erfolgreichster Produktdesigner, entdeckt in der Käuflichkeit des Designs das Gute und Echte. „Design Real“ heißt die Veröffentlichung; es ist der Katalog zur gleichnamigen, von ihm kuratierten Ausstellung in der Londoner Serpentine Gallery. Da Grcics Entwürfe für Firmen wie Vitra, Magis oder Plank unanfechtbare Erhabenheit in Sachen Form und Funktion ausstrahlen, waren die Erwartungen an Ausstellung und Katalog entsprechend hoch. 43 Produkte aus dem Bereich der Massenfertigung hatte Grcic herausgegriffen, darunter Entwürfe großer Kollegen wie die „Melissa“-Plastikschuhe von Zaha Hadid oder ein Stuhl von Jasper Morrison, aber auch Ikea-Möbel und Angelköder. In der Ausstellung waren die Texte zu den Produkten auf Rechnern in einem Nebenraum einsehbar: Auf der dazugehörigen Website konnte man sich die kulturelle Herkunft der Ausstellungsstücke erschließen. Der 60-seitige Hardcover-Katalog beschreibt nun in vier Artikeln das Setting der Ausstellung – nicht mehr und nicht weniger. Hier findet sich nichts von der ausstellungstechnischen Konsequenz, das Wissen über die Objekte zeitgemäß im Web zu platzieren. Der Katalog wird so einem bedeutungsreduzierten Zwitter zwischen Imagebroschüre und Souvenir. Zudem enthält die von Rich & Lehni konzipierte Publikation weder gute Reproduktionen, noch bannt besonderes Paper-Engineering unser Interesse. Der Katalog ist ein Printprodukt, ein symbolischer Platzhalter für den eigentlichen Content. Wer den Katalog als Manifestation von gestalterischem Willen braucht, kann das dem Buch beiliegende Plakat aufhängen und das erhellende Interview von Hans-Ulrich Obrist mit Grcic lesen. Die „echte“ Vermittlungsidee des Konstantin Grcic hingegen zeigt sich auf www.design-real.com.

Ganz anders El Ultimo Gritos erstes Buch „El Ultimo Grito – Abandon Architectures“. Dies ist keine umfassende Monografie des spanischen Design-Paars, sondern ein höchst lebendiger Reiseführer durch die Grito-Galaxis. Rosario Hurtado und Roberto Feo, deren bunt-experimentelle, amorphe Objekte aus Pappe, Aufklebern, Holzlatten und mitunter auch Glas bestehen, beschreiben ihre Arbeit als „post-disziplinär“. Stimmt. Diesen Ansatz spiegelt auch das kleinformatige, 100-seitige Buch: Statt steifer Dogmen erlebt der Leser hier ein Design, das sich forschend der Neudefinition kultureller Gegebenheiten verschreibt. Persönliche Fotos, Projektbeschreibungen, fremdartige Objekte und ihre Entstehung sowie getwitterte Geistesblitze illustrieren das fröhlich-umtriebige Werk und beschreiben wie im Vorbeigehen die Betrachtungsweise und Begrifflichkeit der Designer. Und so beweisen die zwischen Londoner Lehraufträgen und dem Berliner Büro pendelnden Spanier, dass sich das Design am Ende doch keine Sorgen machen muss – solange es sich Zeit für Eigentümlichkeiten und eigene Dimensionen lässt.

Peter Sloterdijk, Sven Völker (Hg.): Der Welt über die Straße helfen. Designstudien im Anschluss an eine philosophische Überlegung, Schriftenreihe der HfG Karlsruhe, Neue Folge Bd. 5. Wilhelm Fink Verlag, München 2010, ca. 112 Seiten, zahlreiche farbige Abb., Kart., ISBN: 978-3-7705-4985-6, EUR 14,90

Metahaven (Daniel van der Velden, Vinca Kruk), Marina Vishmidt, Jan van Eyck Academie (Hg.): „Uncorporate Identity: Emblem and Void“, Lars Müller Publishers, Baden 2010. 17 × 24 cm, 608 Seiten, 400 Abbildungen, Softcover. ISBN 978-3-03778-169-2, EUR 44,90

Konstantin Grcic (Hg.): Design Real, Ausstellungskatalog Serpentine Gallery, London. Verlag Walther König, Köln 2010, 72 Seiten mit 71 teils farbigen Abbildungen und Zeichnungen. Mit einem beigelegten Plakat, gebunden. ISBN 3865607462, EUR 38,--

Roberto Feo and Rosario Hurtado: „El Ultimo Grito – Abandon Architectures“. [NAME] Publications, Miami 2009, Hardcover, 100 Seiten, ISBN: 978-0-9840566-2-0, USD 15,--


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