Neue Bücher: „Zelluloid. Film ohne Kamera“, Kitty Kraus & Omer Fast

Die enthauptete Erzählung

Dominikus Müller
5. August 2010

Spätestens seit 1935 weiß man, dass man fürs Filmemachen nicht unbedingt eine Kamera braucht. Damals bemalte der Experimentalfilm-Pionier Len Lye für seinen Film „A Colour Box“ das Zelluloid mit geschwungenen farbigen Linien. Der „Direct Film“ war geboren – und damit so etwas wie die Urform der modernen Medienselbstbefragung, die Offenlegung der jeweiligen Materialien. Film ist Zelluloid, Musik Vinyl und Malerei Leinwand. Aber klar doch. Gleichzeitig bedient sich der „Direct Film“ bei den klassischen und grundlegenden Techniken der bildenden Künste, dem Malen und Zeichnen, was ihn zum perfekten Zwitter macht: Der Filmstreifen als Leinwand erweitert um den Faktor Zeit. Aber eigentlich soll es hier ja weder um Film, noch um Leinwand gehen, sondern um Bücher. Und die sind – im Unterschied zum Film, der schon längst nicht mehr aus Zelluloid ist – immer noch aus Papier. Wenn vielleicht auch nicht mehr lange.

Es geht hier also um den Katalog zur Ausstellung „Zelluloid. Film ohne Kamera“, die noch bis zum 29. August in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen ist. Logischerweise kann kein Buch eine Ausstellung ersetzen, noch dazu, wenn es sich um eine Film-Ausstellung handelt. Denn Bücher sind nun einmal statisch. Diese Publikation aber leistet zumindest – nachdem es sich in Verpackungssachen einen kleinen konzeptuellen Scherz erlaubt hat, der Titel ist aus dem Plastikschutzumschlag herausgestanzt – solide Arbeit am Thema. Denn sie fungiert als properes Nachschlagewerk, als Kompendium über das Malen, Kratzen und Ätzen auf Zelluloid. Umso mehr, da hier an großen, gewichtigen Texten gespart wurde – lediglich Kuratorin Esther Schlicht steuert einen Überblickstext bei. Stattdessen wurde hier auf ausführliche Einzelbeiträge zu den unterschiedlichen, kanonischen Arbeiten von Künstlern wie Stan Brakhage, Tony Conrad, Dieter Roth und natürlich Lye gesetzt, aber auch zu jüngeren Vertretern der direkten Filmkunst. Dass sich gerade für Letztere im Zeitalter des Digitalen die Materialfrage grundlegend anders stellt als für die Gründerväter des „Direct Films“, versteht sich beinahe von selbst – so sehr, dass es in diesem Buch leider nur am Rande thematisiert wird. Das ist aber auch das Einzige, was es hier zu bemängeln gibt.

Wie ein ordentlicher Ausstellungskatalog erscheint dagegen die neue Publikation von Kitty Kraus, erschienen anlässlich der Verleihung des Kunstpreises „blauorange“ im Jahr 2008. Der Umschlag schlicht und edel in Mattschwarz, ein herkömmliches Inhaltsverzeichnis, Texte von Kurator Veit Loers, Bettina Klein und Martina Löbke vom ausrichtenden Kunstverein Heilbronn – das wirkt doch recht konventionell. Besonders, wenn man an das chaotische, lose Zettel-, Papier- und Fundstücke-Konvolut denkt, das Danh Vo ein Jahr zuvor als erster blauorange-Preisträger anfertigen ließ. Nein, das hier ist schon ein richtiges Buch. Am Anfang, eigentlich im überwiegenden Teil des Katalogs, stellt sich Kraus erst einmal selber dar, bevor sie den Altvorderen den Textplatz überlässt. Und sie zeigt auf 140 Seiten vor allem bereits realisierte und ausgestellte Arbeiten. Es ist schade, dass Kraus sich hier fast ausschließlich auf die Dokumentation beschränkt, denn ihre spröden, kärglichen Arbeiten entbehren ja nicht des Humors. Lustiger wird es nur, wenn auch sie sich einen kleinen konzeptuellen Scherz erlaubt, hier mit dem Prinzip Buch, und einen Text über die Guillotine und das Enthaupten bringt, der gegen Ende verbleicht – als ob die Tinte für die letzten Zeilen nicht mehr gereicht hätte. Von solchen Pointen hätte man gerne mehr gesehen. So hat man einen durch und durch konventionellen Katalog in Händen.

Mehr als einen konzeptuellen Scherz – und das pro Seite, wohlgemerkt – leistet sich dagegen ein anderer Kunstpreisträger, nämlich Omer Fast, der letztes Jahr den „Preis der Nationalgalerie für junge Kunst“ gewann. „In Memory / Zur Erinnerung“ ist eigentlich der Katalog zu Fasts Doppelausstellung im Kunsthaus Baselland und im Kunstverein Hannover. Doch dieses Buch ist weit mehr als ein profanes Begleitprodukt, sondern die adäquate gedruckte Umsetzung von Fasts verschlungen erzählten Filmen mit ihrer Vermischung von Realität und Fiktion, mit ihrer Thematisierung von Trauma, Erinnerung und Geschichte. Ein Buch wie ein Loop. Schon das Cover widersetzt sich der linearen Logik eines Buchs, denn der Titel prangt sowohl vorne wie hinten auf dem schicken roten Einband. Innen springt einen dann der ganze Wahnsinn der Fast’schen Meta-Erzählkunst an: Von den einführenden Worten der Herausgeberin Sabine Schaschl über das lesenswerte Interview mit den Kuratoren Anselm Franke und Hila Peleg bis hin zur re-editierten Version eines Textes von Tom Holert – Fast begleitet alle Beiträge zum Katalog. Er fügt Fußnoten ein, kommentiert, legt aus, berichtigt, widerspricht, ganz im Stile der klassischen Thora-Auslegung. Texte stapeln sich hoffnungslos übereinander, Fiktives liegt über Wahrem und Wahres über Fiktivem. In eigener Sache gibt Fast lediglich zu Protokoll, er wäre 2010 in Heathrow erschossen worden, würde aus Hannover stammen und Kunst aus Schuppen, ausgefallenen Haaren sowie gefrorenen Exkrementen machen. Das ist natürlich grenzdebiler, aber ziemlich genialer Schwachsinn – denn es erlöst diesen Katalog von der Strenge einer Werkübersicht. Zudem erlaubt die Kommentarfunktion Fast eine signifikante Einmischung, ohne die Texte seiner Autoren selbst zu berühren. Und so wird am Ende aus dem Katalog ein handfestes und mehr als überzeugendes Künstlerbuch.

Sabine Schaschl (Hg.): Omer Fast: „In Memory/Zur Erinnerung”, The Green Box, Berlin, 2010, 176 Seiten, deutsch/englisch, ISBN 978-3-941644-14-4, EUR 32,00

Bundesverband der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (Hg.): Kitty Kraus, Kerber Edition Young Art, Bielefeld, 2010, 61 farbige und 14 s/w-Abbildungen, deutsch/englisch, 166 Seiten, ISBN 978-3-86678-327-0, EUR 27,80

Max Hollein und Esther Schlicht (Hg.): „Zelluloid. Film ohne Kamera“, Kerber Verlag, Bielefeld, 2010, 190 Seiten, 224 farbige Abbildungen, deutsch/englisch, ISBN 978-3866783959, EUR 29,80


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