7. Oktober 2010
Das Fotobuch boomt – und mit ihm das Buch über das Fotobuch. Zu den besten dieses Genres zählt sicher die zweibändige Publikation „The Photobook: A History“, herausgegeben von Martin Parr und Gerry Badger. In den letzten Jahren jedenfalls ist eine Reihe informierter Bände erschienen, die einen Überblick über Anfänge, Entwicklungen und neue Tendenzen dieser Buchgattung geben wollen. Da wirkt ein spezialisiertes Vorhaben wie „Japanese Photobooks of the 1960’s and 70’s“ zunächst wie ein Orchideengewächs, das nur Eingeweihte und Fotohistoriker erfreuen will. Doch gerade dieses bis heute wirksame Kapitel der Fotobuchgeschichte hat einige der wundervollsten Vertreter seiner Spezies insgesamt hervorgebracht. Und die Leidenschaft, mit der Ryuichi Kaneko – der Fotobuch-Sammler Japans – und der renommierte Fotohistoriker Ivan Vartanian ihr Thema behandeln, dürfte zu einem grundlegenden Verständnis der Kunst des Fotobuchmachens beitragen. Der große Vorzug dieser fundierten Publikation aber, die neben den Klassikern auch kaum bekannte Veröffentlichungen jener Jahrzehnte behandelt, ist ein anderer: Sie erläutert nicht nur die Entstehungsgeschichte, sondern auch den besonderen Rhythmus und die Atmosphäre jedes ausgesuchten Buchbeispiels anhand seiner individuellen Verknüpfung von Inhalt und Gestaltung. Dass ein Fotobuch mehr sein kann als ein Haufen Abzüge zwischen zwei Buchdeckeln, war zwar auch außerhalb Japans bekannt. Doch gerade hier genießt diese publizistische Gattung eine Ausnahmestellung, weil japanische Fotografen schon früh nicht das Einzelbild als bestmöglichen Ausdruck ihrer Arbeit ansahen, sondern in Serien und Sequenzen arbeiteten. Diese waren von vornherein für die Präsentation im Magazin oder als Buch konzipiert, und somit wurde auch nicht die Fotografie – ihrem Wesen nach bereits eine Form der Reproduktion – als Original angesehen, sondern das Buch selbst als originäres Medium und Kunstobjekt.
Ein außerordentliches Beispiel dafür ist Yutaka Takanashis „Toshi He“, dessen zwei Bände 1974 in einer bibliophilen Kassette präsentiert wurden. Lange war die Publikation vergriffen. Nun aber hat der kleine Berliner Verlag Only-photography eine Neuinterpretation von Takanashis legendärem Buchprojekt in solch hervorragender Druck- und Gestaltungsqualität herausgegeben, dass das auf 500 Exemplare limitierte Buch den diesjährigen „Author Book Award“ des Fotofestivals Rencontres d’Arles gewonnen hat. Nicht ganz so aufwendig gestaltet wie sein Urahn, besticht es doch mit einem schwefelig gelben, halb transparenten Schutzumschlag, einem leinengebundenen Siebdruckeinband und seinen in der Schriftart Triplex gedruckten 35 ganzseitigen und sechs ausklappbaren Illustrationen. Takanashi ist Gründungsmitglied der japanischen Avantgarde-Gruppe Provoke, die von 1968 bis 1974 mit der Herausgabe des gleichnamigen Magazins, durch philosophische Manifeste und den Einsatz einer radikalen fotografischen Bildsprache auf die gesellschaftspolitischen Umwälzungen Japans reagierte. Are, bure, boke – getreu dem Provoke-Programm: schroff, körnig, verschwommen – sind Takanashis Aufnahmen von Tokios pulsierenden Straßen, den Fabriken und Baustellen als einem urbanen Fieberherd der zunehmenden Amerikanisierung und des ungezügelten Konsumverhaltens in einem schon bald darauf kollabierenden japanischen Wirtschaftswunder. Kein Wunder, wenn diese Bilder einer sozialen Landschaft heute mehr als nur historisches Interesse wecken.
Fassaden haben auch Gregory Crewdson schon immer interessiert. Doch während er in seinen früheren, surrealen Inszenierungen hinter die bürgerlichen Schauseiten der amerikanischen Vorstädte blicken wollte, schaut er in „Sanctuary“ auf das Äußere. Allerdings bleibt er sich hier insofern treu, als es erneut um Kulissen geht: um die Kulissen der italienischen Filmstadt Cinecittà, jenem 1936 unter Mussolini gegründeten Studiokomplex, der zu seinen Hochzeiten „Hollywood am Tiber“ geheißen wurde und nicht nur amerikanischen Sandalenträgern eine fiktive, sondern später Federico Fellini einige Jahre lang eine reale Heimstatt bot. „Sanctuary“ – zu Deutsch: Asyl, Kult- und Altarraum, so der anspielungsreiche Titel – markiert eine Veränderung in Crewdsons Werk. Nicht nur in struktureller und formaler Hinsicht, denn er arbeitete hier mit einem kleinen Team, ohne Statisten, arrangierte wenig und fotografierte ausschließlich mit dem natürlichen Licht des Morgens und Abends und erstmals in Schwarz-Weiß. Nein, auch die Doppelbödigkeit seiner Arbeit insgesamt hat sich vom spektakulären Sci-Fi-Inszenarium zu etwas Beschaulicherem, aber auch ungleich Anspruchsvollerem entwickelt. Bei ihm wird der künstliche Ort zum Hort von Kultur- und Filmgeschichte. Zwar zeigt Crewdson im dokumentarischen Stil die stützenden Holzgerüste, das hochgeschossene Unkraut und Ausblicke auf die Plattenbauten des römischen Außenbezirks, in dem Cinecittà liegt. Doch zugleich präsentiert er den Ort auch als eine gekünstelt künstliche Welt, die zwischen subjektivem Traum und einer allgemeineren und handfesteren Konstruktion von Kultur oszilliert – ein Schwebezustand, der durch die kognitive Bewegung des Um-, Vor- und Zurückblätterns verstärkt wird. Im besten Falle kann das Fotobuch somit auch zum Korrektiv der Alltagswahrnehmung werden.
Ryuichi Kaneko und Ivan Vartanian: „Japanese Photobooks of the 1960’s and 70’s“, Aperture Foundation, 2009. 240 Seiten, in engl. Sprache. ISBN 9781597110945, EUR 54,80
Roland Angst, Ferdinand Brueggemann, Priska Pasquer (Hg.): „Yutaka Takanashi: Photography 1965-74“, Only-photography, 2010. 116 Seiten, 41 Abbildungen, in dtsch, engl. und japan. Sprache. ISBN 9783981253726, EUR 128,-- bzw. EUR 158,-- (signierte Exemplare). Die ersten 30 Exemplare enthalten einen Silbergelatine-Print und kosten zwischen EUR 1.500,-- und 1.800,--
Gregory Crewdson: „Sanctuary“, Hatje Cantz, 2010. In dtscher. Sprache, 96 Seiten, 41 Abbildungen. ISBN 9783775727341, EUR 49,80