24. Februar 2005
Spätestens seitdem bekannt ist, dass US-Präsident George W. Bush zur Außenpolitik bevorzugt seinen Vater im Himmel und nicht seinen biologischen Vater konsultiert, wissen wir um die Popularität des Themas Gott. Mit
God is Dad – einer Ausstellung neuer Arbeiten in der New Yorker Galerie von Barbara Gladstone – betritt nun auch Sarah Lucas die Arena göttlicher Thematik, freilich in Verbindung mit dem Vater-Wort. Die zehn durchweg dreidimensionalen Arbeiten, die in den splendiden Räumen in Chelsea arrangiert sind, kosten zwischen 65 und 75.000 British Pound Sterling, sind also in Euro gesprochen im unteren sechsstelligen Bereich angesiedelt.
Der international renommierte britische Kunststar Sarah Lucas (geboren 1962) bestreitet eine sogenannte Mid-Career-Exhibition, in der sie einem ihrer Steckenpferde treu bleibt: Das Spannungsfeld zwischen Mann und Frau und die Degradierung der Dame zum reinen Lustobjekt und Fetisch des Herrn steht auch heuer wieder im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Seitdem Lucas 1988 in der epochemachenden Londoner Ausstellung Frieze vertreten war, hat sie in drastischen Details die meist sexuell motivierten männlich-weiblichen Machtstrukturen ausgelotet; oftmals unter Zuhilfenahme von Fotos oder alltäglicher Objekte, wie man das aus der Kunst des Happening kennt oder etwa von Louise Bourgeois. Aber auch von Veteraninnen wie der Dadaistin Hannah Höch.
Den Unikaten sind fast durchweg Damenstrumpfhosen integriert, die an untere Damenkörper gemahnen, wie sie – mal in aus Beton gegossenen Bauarbeiterstiefeln stakend, mal gespreizt drapiert – den Lust-Objekt-Charakter der Frau aufnehmen und gleichsam anschließen an frühere Werkgruppen der Künstlerin. Dabei wird man Lucas kaum nachsagen wollen, sie sei subtil oder fein differenziert. Es ist, als ob jemand mit der Dampframme oder dem Presslufthammer andauernd die gleiche Litanei herunterbete. Darin liegt einerseits ein Wiedererkennungswert (das funktioniert, obschon auf Sparflamme, nach dem Prinzip, wer oder was wäre Beuys ohne Hut), andererseits aber auch eine gewisse Plattheit. Konkret sind in die neuesten Arbeiten Glühbirnen so integriert, dass man ahnen kann: Birne-Birne-Busen oder Birne unter zwei Birnen gleich Frauen-Schoß. Der Zinkblech-Eimer, weil hohl, ist dann die Frau; bei Bedarf der davor liegende Ball der Phallus – weil den kann man in den Eimer stopfen, pressen, schießen. So gesehen in The Sperm Thing: Schlüssel-Schloss-Prinzip.
Das ist wenig subtil, verfehlt aber offenbar sein Ziel selten oder nie, denn der kommerzielle Erfolg spricht natürlich eine eigene, unüberhörbare Sprache. Wie nun Lucas ihre Geschichten inszeniert, das gleicht stellenweise einem Ritt durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts mit diversen frei schwingenden Assoziationen, nicht zuletzt an die Mobiles von Alexander Calder. Denn die verwendeten gebogenen Drahtbügel, wie man sie in Jesus Was Married oder in der titelgebenden Arbeit God Is Dad sieht, bewirken eine gewisse Grundbeweglichkeit und ein labiles Gleichgewicht. Wollte man in diesem Kräfteverhältnis einen symbolischen Anteil erkennen, so wäre mensch mit Gott, Vater und ergo Freud im Schlepptau auf einer recht spannenden Diskursebene gelandet. Auf der allerdings nichts Neues verhandelt wird. Der schratige, sperrige, ungehobelte und rohe Charakter der Exponate lässt dem Betrachter kaum Raum für wie auch immer geartete Zartheiten. Es geht brutal zur Sache, und die spielerisch-fließende Ebene der leicht bewegten Installationen täuscht keineswegs darüber hinweg, dass diese Frau Tacheles mit uns redet. Da besteht dann God Is Dad aus Nylonstrumpfhosen, kleiner Glühbirne und Draht, was wohl zumindest als Reduktionskost bezeichnet werden darf.
In der hier befolgten Didaktik ist es dann auch nur folgerichtig, wenn in She Likes It Cosy das „she“ – aus zwei metallenen Eimern bestehend – mit seinen-ihren Nylonstrumpfhosen wie zerquetscht unter der Konstruktion eines Tisches kauert, wo die zweifelhaft-schmeichelhafte Taktilität von rohen Ytongsteinen für mehr als fragwürdigen Schutz sorgt und eigentlich das Ausgesetztsein des „she“ nur wie ein Ausrufezeichen betont. Wo es nicht brüllt.
Ohne nun unzulässige Parallelen aufzeigen zu wollen sei die Frage gestattet, ob es nicht angesagt sein könnte – besonders im Umgang mit so komplexen Strukturen wie Gott – auch mal die Zwischentöne, die hohe Kunst der Diplomatie oder gar ein existentialistisches Grübeln (vulgo: gesunder Selbstzweifel) durchzudeklinieren. Denn: Wir haben das ja alles sehr wohl gehört. Allein, was soll und was gibt uns das, Mister President, Ms. Lucas?
Noch bis zum 14. März 2005 in der Barbara Gladstone Gallery, New York.
www.gladstonegallery.com