30. November 2010
Natalie Czech: „Je n’ai rien à dire. Seulement à montrer“ - Galerie Katharina Bittel, Hamburg. Vom 13. November 2010 bis 15. Januar 2011
Für sich genommen sagen einzelne Buchstaben nichts oder wenig aus – im Zusammenhang können sie, buchstäblich, alles bedeuten. Die Potenzialität schriftsprachlicher Zeichen, die Tatsache, dass mit einem äußerst überschaubaren Zeichenvorrat praktisch alles Sagbare auch schreibbar ist, mag einem alltäglich und banal erscheinen. Genau betrachtet handelt es sich dabei jedoch um etwas Faszinierendes: Vom Einkaufszettel bis zur Weltliteratur ist alles angelegt, und auch noch Ungesagtes liegt bereits darin beschlossen.
Natalie Czechs Fotoarbeiten der Werkgruppe Hidden Poems (2010) eröffnen ein demonstratives Spiel mit dieser Potenzialität – ohne dass die Künstlerin dafür auch nur ein einziges Wort dafür selbst erfunden hätte. Czech hat Gedichte mehr oder weniger bekannter Autoren, etwa von E. E. Cummings, Rolf Dieter Brinkmann oder Robert Lax, in andere Texte gleichsam „hineinbuchstabiert“. Auf Seiten ausgewählter Magazine und ähnlichem Printmaterial hat sie meist einzelne Buchstaben und kleinere Buchstabengruppen, seltener ganze Wörter, mit farbigem Marker oder durch Ausschnitte hervorgehoben, so dass die oft recht weit auseinanderliegenden Zeichen zusammenhängend gelesen einen eigenständigen Text abbilden.
Diese scheinbar improvisiert in den Zeichenfluss erster Ordnung eingetragenen, wenn man so will parasitären Texte sind eben jene im Titel angesprochenen verborgenen Gedichte, die „hidden poems“. Derart präparierte Doppelseiten von Magazinen, Zeitschriften oder Büchern hat Czech bildfüllend fotografiert und so die Ebenen von Vorlage und „handschriftlicher“ Intervention zum Ganzen konzeptuell mehrschichtiger Textbilder verbunden. Denn nicht nur textlich, auch fotografisch sind diese Repräsentationsgefüge zweiter Ordnung: Bei der Arbeit mit dem Titel A hidden poem by E.E. Cummings #2 (2010) handelt es sich, so könnte man meinen, um ein Landschaftsfoto. Es zeigt einen nahezu gespenstisch großartigen wirkenden Sonnenuntergang - dessen übernatürlich wirkende Rosafärbung de facto auf einen Nukleartest zurückgeht. Doch außer dem über der Darstellung liegenden Textblock signalisieren malerisch wirkende Unschärfe und eine Falz rechts von der Bildmitte, dass Czech hier nicht Landschaft, sondern gedruckte Landschaftsfotografie abfotografierte. Im redaktionellen Text, der die Zündung der Bombe thematisiert, hat Czech ihre Streichungen so vorgenommen, dass aus den belassenen Lettern eine Gedichtzeile von Cummingszu entziffern ist: „In sunlight over and overing. A once upon a newspaper.“ Auf diese Weise gelingt es ihr, ohne jeden Anflug von Illustration Subtexte in vorgefundene Bildaussagen einzuschleusen, die die ursprüngliche Verschränkung von Bild und Kommentar aufbrechen und, wortwörtlich, in ein anderes Licht rücken. In formaler Hinsicht hat Czech den fotografischen Bildraum in diesen Arbeiten also bewusst verengt, das heißt reellen Raum aus dem Repräsentationsgefüge latent ausgeblendet zugunsten eines massenmedial reproduzierten Bildes mit flankierendem Text. Ein Bildraum also, der durch und durch als fiktionalisiert anzusehen ist und den Czech durchs buchstäbliche „Durchkreuzen“ des Texts mit Text und auch durch Wahl des Bildausschnitts neu interpretiert.
Mit solchen Überschreibungen von Bild- und Textsinn erzeugt die Künstlerin aber nicht etwa Verwischung oder Auslöschung, sondern eine Potenzierung und Öffnung des Sinns. Dies schon allein dadurch, dass der ursprüngliche Text selbst bei Streichung noch lesbar bleibt. Die bereits im Titel ausgesprochene „Verborgenheit“ von Text im Text ist dabei als Geste ein poetischer Kunstgriff. Dann darin steckt ja eine Behauptung: A hidden poem by Robert Creeley (2010) zum Beispiel stellt exemplarisch die einigermaßen absurde These auf, dass jenes Gedicht Creeleys schon vorher da gestanden habe – auch wenn es an dieser Stelle bisher wohl nie jemand gelesen haben wird. Das ist buchstäblich wahr. Aber eben auch wieder nicht: Tatsächlich standen alle nötigen Zeichen bereits da, und auch die Reihenfolge stimmte. Doch stand da deshalb auch schon das Gedicht? Was eigentlich unterscheidet Text von einer Folge von Buchstaben?
Czechs artifizielles Scrabble ist eine strategische und hier natürlich auch ästhetische Behauptung. Und sie schlägt Breschen ins Geflecht des Bedeutens selbst. Weitergedacht wird hier imaginiert, dass letztlich jeder Text in jedem anderen anwesend sei und sich Bedeutung damit schlussendlich selbst auflösen würde. Doch man kann das auch umkehren: Jenes „Hineinsehen“ von Text in Text, das Czech hier praktiziert, funktioniert nur deshalb, weil Sinn sein Trägermaterial auch transzendiert und der bedeutungsstiftende Gestus die blanke Verfügbarkeit des Zeichenvorrats übersteigt.
Von der behauptenden Kraft des Zeigens kündet übrigens schon der Ausstellungstitel: Mit „Je n’ai rien à dire. Seulement à montrer“, gleichsam ein Motto, zitiert Czech Walter Benjamin und setzt einen Verweis auf dessen literarische Methode der Montage. Eine Wahlverwandtschaft, denn auch Czech stellt ja per Montage neue Bedeutungshorizonte her.
Dabei sind Bearbeitung und Vorlage thematisch und bildhaft eng aufeinander bezogen, beides ist gleichermaßen Material, das Czech in interpretierender Komposition zusammenfügt. A hidden poem by Rolf Dieter Brinkmann etwa zeigt den Ausschnitt eines aufgeschlagenen Buchs, im Text (über Appropriation Art!) sind in loser Folge die Wörter hervorgehoben: „Überraschend die zufällige Anordnung des Aschenbechers, der Tassen, der Hand zu einem geschlossenen Bild. Keiner kann sagen, hier wird gelebt.“ Die profane Leichtigkeit der Geste, in der mit violettem Marker laufender Textsinn unterbrochen wird, um einen anderen hineinzulesen, unterstreicht das Flüchtige von Sinnverwebungen: Ein geringes Verrücken des Fokus, und zuvor ungesehene Bedeutung bricht auf. Im Subtext bezieht Czech dieses Bild stärker als andere der Reihe auf Praktiken der Appropriation Art – Praktiken, die für ihre eigene Arbeit eine grundlegende Referenz darstellen –, setzt etwa den Ausschnitt ihres Fotos bewusst so, dass abgebildete Werke von Richard Prince und Louise Lawler ohne Titelangaben und nur im Anschnitt erscheinen. Das macht, über die die frech gemeinte Geste der Aneignungsaneignung hinaus, auch exemplarisch deutlich, wie Czech ein Bild von der Lektüre her begreift und aus der Nähe zu Text und Referenz bestimmt – ihre Fotos sind Allegorien des Lesens.