17. August 2011
„Nachrichten aus der Zwischenstadt“ mit Bernd und Hilla Becher, Joachim Brohm, Chargesheimer, Mark Dion, William Eggleston, Jeanne Faust, Andreas Gursky, Douglas Huebler, Joan Jonas, Manfred Pernice, Peter Piller, Thomas Ruff, Robert Smithson und Thomas Struth – Museum Ludwig, Köln. Vom 13. August bis 23. Oktober 2011
Die Vogelperspektive ist klug gewählt. Peter Pillers „Pfade“ gleich am Eingang der von Barbara Engelbach kuratierten Ausstellung verströmen erst als Luftbild ihren zweifelhaften Charme. Sie schlängeln sich um fast identische Einfamilienhäuser herum und bestehen aus weißen Steinplatten, die den Bewohnern Gelegenheit dazu geben, ihren Traum vom Vorstadtleben in penibel zur Terrasse oder Mülltonne führenden Gehwegen auszuleben. Geschossen hat die Fotos zwar ein anderer, Piller unterzog die 2000 Aufnahmen aber einer systematischen Kategorisierung und stieß dabei auf bizarre Ähnlichkeiten.
Es muss an diesen Beweisstücken des manisch Korrekten liegen, dass das Rasengrün, in dem keinerlei menschliche Bewegung auszumachen ist, so klinisch tot erscheint. Für Engelbach ein klassischer Fall vom „ästhetischen Niemandsland. Piller gelingt es, das Unsichtbare sichtbar zu machen“, so die Kuratorin. Die Vermessung der Versuche, in der Masse individuell zu erscheinen, könnte nicht komischer ausfallen.
Ausgangspunkt sind die Überlegungen des Städteplaners und Architekten Thomas Sieverts, der Mitte der 1990er Jahre den Begriff „Zwischenstadt“ prägte. Er wendete ihn auf das Phänomen der Zersiedelung an, die den Raum zwischen Stadt und ländlicher Landschaft zu einer Ansammlung aus schnell errichteten Wohneinheiten ohne historisches Zentrum verwandelte. Eine willkommene Folie für die Kuratorin, die nicht mehr taufrische Idee mit Schätzen der eigenen Sammlung zu illustrieren. Deshalb sucht man auch in den Werkgruppen, die mit wenig inspirierendem Sinn für offensichtliche Zusammenhänge ausgebreitet werden, vergeblich nach neuen Einsichten.
Lässt man im ersten Raum die unvermeidlichen Fachwerkhäuser von Bernd und Hilla Becher hinter sich, gilt es den weit verzweigten Strang ihrer Schüler zu absolvieren. Andreas Gursky greift das Rastermotiv beherzt auf. Das moderne Wohnen in einer Metropole gerät bei ihm zum mörderisch anonymen Unternehmen. In Paris, Montparnasse stellt er dem Betrachter eine Falle. Nicht nur, dass die in der Totale sich selbst multiplizierende Trabantenarchitektur durch digitale Bearbeitung erst richtig ihren Schrecken als Wohnmaschine entfalten kann. Kaum hat man sich im Entrüstungsmodus eingerichtet, verraten die Details einzelner Innenräume den Drang zur Selbstbehauptung. Vorhänge, Möbel oder die Wahl der Blumen weichen voneinander ab und lassen die Hoffnung auf Vielfalt wieder aufleben. Thomas Ruff schickt in einer Collage schräg gegenüber martialische Bomber auf Erkundungsflug über einer Wohnanlage von Ludwig Mies van der Rohe aus dem Jahr 1920 und sorgt damit für zeitliche Irritationen. Thomas Struth ist mit Schwarz-Weiß-Bildern aus den 1980ern vertreten. Sein Ansatz verfolgt jenseits von Sozialromantik die unwirtlichen Spuren, die Armut, Verkehr und Stil-Patchwork der Nachkriegszeit in den dunklen Arbeiterstraßen von Düsseldorf oder Charleroi hinterlassen haben. Ähnlich distanziert geht auch Chargesheimer in seiner menschenleeren Serie „Köln 5 Uhr 30“ von 1970 unter Einsatz eines extremen Weitwinkels vor. Fast wünscht man sich, hinter seinem kühlen Blick auf das planlos wieder aufgebaute Beton-Stadtzentrum ein verzweifeltes Seufzen zu vernehmen. Das Auslösen von Emotionen ist mit der Schau allerdings nicht beabsichtigt. Es gehe, so Museumsdirektor Kasper König, „weder um Idealismus noch Kritik, sondern um morphologische Unterschiede einer zersplitterten Architektur der Gegenwart, die es vorurteilslos zu beleuchten gilt“.
Ein Anliegen, dem sich amerikanische Fotografen vom Schlage eines Ed Ruscha, Robert Adams oder Lewis Baltz bekanntlich schon viel früher als die Düsseldorfer widmeten. Bis dahin bildunwürdige Motive wie Tankstellen, Motels oder Einkaufszentren zogen sie magisch an. Den Weg nach Köln haben sie mangels Sammlungspräsenz zwar nicht gefunden, dafür gibt es aber ein Wiedersehen mit William Eggleston und seinem „Los Alamos Portfolio“, das auf Reisen zwischen Memphis und New Orleans entstand. Auch wenn das Haus die 75-teilige Serie bereits 2004 ausführlich würdigte, glänzt das Musterexemplar der „demokratischen Fotografie“ erneut durch die farbenfrohe Banalität des alltäglichen Dösens. Schuhe und Autos gammeln am schmutzigen Straßenrand vor sich hin, Männer in gelben Blusen vertrödeln ihre Zeit an Spielautomaten, während die Frauen Zigaretten qualmend den neuesten Tratsch im Hamburger-Restaurant austauschen. Ein urbaner Lebensstil, dem sich wohl nirgendwo gelassener als in einer „Zwischenstadt“ am Mississippi frönen lässt. Der abgedunkelte Raum dahinter dokumentiert mit Robert Smithons Film Spiral Jetty eindrücklich das erwachende Umweltbewusstsein gegenüber einer vom Menschen aus dem Gleichgewicht gebrachten und industriell verwüsteten Natur am Salzsee von Utah.
Joachim Brohm ist da schon weiter. Seine hinlänglich bekannten, aber immer noch kurios anmutenden „Ruhrlandschaften“ erzählen von Freizeitidyllen inmitten einer nach dem Abbau der Schwerindustrie nutzlos gewordenen Malocher-Landschaft. Planschbecken neben Kohlehalden, Picknickdecken, deren Besitzer sich von Autobahnbrücken nicht stören lassen, läuten den nahenden Strukturwandel ein. Im Finale sorgt der Bildhauer Manfred Pernice mit handelsüblichen Bauspannplatten doch noch für einen erfreulichen Erwartungsbruch. Seine dreidimensionale Skulptur Hangelar erinnert wahlweise an ein zu groß geratenes Architekturmodell oder ein antiquiertes Bühnenbild, ist aber dem real existierenden Flughafengebäude zwischen Bonn und Sankt Augustin nachempfunden. Beiläufig im Büroraum eingestreute Dokumente verweisen auf die Nutzung durch den Bundesgrenzschutz und die Flüge der Anti-Terror-Einheit GSG 9, die von hier aus 1977 nach Mogadischu startete. Eine Kulisse ohne Eigenschaften, die den Deutschen Herbst zu einem aus der Zeit gefallenen Kuriosum mutieren lässt und das Klischee von der Monotonie der Peripherie ad absurdum führt.