21. Oktober 2009
London zieht. Was den meisten europäischen Kunstmarktmetropolen fehlt, bildet hier das kommerzielle Rückgrat: internationales Publikum. Das hatte der
Frieze Art Fair zwar letztes Jahr die kalte Schulter gezeigt, ist dieses Jahr aber verlässlich zurückgekehrt. Vor allem die Sammler aus den flexiblen Emerging Markets im Nahen Osten und Indien haben die Krise scheinbar genauso schnell abgeschüttelt, wie sie sich vorher von ihr hatten einschüchtern lassen. „Es hat sich wahnsinnig ausgezahlt, unsere indischen Künstler mitzubringen“, resümiert
Thomas Krinzinger aus Wien. Das hat auch
André Sfeir-Semler aus Beirut und Hamburg festgestellt, die meint: „Die Frieze ist spannend wegen der sehr internationalen Kundschaft.“ Sie hat jedoch nicht nur an indische Interessenten, in London lebende Iraner und die Tate verkauft, sondern auch an eine italienische Minimalismus-Sammlung.
Vor allem eines ist hier plötzlich von vielen Ausstellern zu hören: Nicht die Modekünstler beherrschen in diesem Jahr die Kundengespräche und Umsätze, im Mittelpunkt steht vielmehr eine Kunst, die in letzter Zeit etwas unter die Räder gekommen war. Daniel Buchholz aus Köln und Berlin etwa ist sehr glücklich mit dem Verlauf der Messe: „Auch die schwierigen Positionen, die nicht so offensichtlich sind, haben wir in sehr gute private und institutionelle Sammlungen vermitteln können.“
Bei Hauser & Wirth aus London, Zürich und New York spricht man gar von einer der erfolgreichsten Londoner Messen überhaupt. Als krönenden Abschluss vermeldet Gregor Muir den Verkauf einer Außenskulptur von Louise Bourgeois für 3,5 Millionen US-Dollar an einen europäischen Sammler. Diese Kundschaft ist es auch nach einhelligem Bekunden, die das Gros der Käufe getätigt hat. Muir klausuliert etwas gewunden: „Wir haben viele unserer europäischen Freunde gesehen und freuen uns darauf, zukünftig wieder mehr unserer amerikanischen Freunde zu sehen.“
Gleichwohl dürfte der Gesamtumsatz, der in der Frieze-Woche gemacht wurde, deutlich zurückgegangen sein. Denn fast alle Satelliten hat es aus der Bahn geworfen. Einzig die als Non-Profit-Unternehmen geführte Zoo Art Fair hat die Krise überlebt, mit drastisch verringerter Teilnehmerzahl. Scope, Bridge, Red Dot, Design Art London, Year oder So Feucking French hingegen haben sich vorläufig und zumeist wohl endgültig verabschiedet. Damit hat sich die Zahl der auf Londoner Kunstmessen austellenden Galerien im Vergleich zu den Vorjahren drastisch reduziert. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Sammlervermögen konzentriert sich jetzt also auf die Hauptmesse und einige wohl durchdachte und bisweilen sogar gelungene Nebenveranstaltungen, die gar nicht erst Messe sein wollen.
Der Direktor einer europäischen Konkurrenzveranstaltung meinte zur Frieze, Stimmung und Umsätze wären vergleichbar mit der Ausgabe von 2005. Allerdings fand die Messe dann doch unter deutlich anderen Vorzeichen statt. So schwang dieses Jahr das Gefühl mit, in Zeiten der Krise noch einmal davongekommen zu sein. Was jedoch nicht das Verdienst der Messeveranstalter ist. Die haben keinerlei einschneidende Kurskorrekturen vorgenommen, sondern allein das „Frame“-Format geschaffen, die Plattform für junge Galerien. Immerhin wurde damit das Wegbleiben langjähriger Aussteller erfolgreich überspielt. Festgehalten wurde auch am umfangreichen theoretischen Überbau in Form von Diskussionen und an der Produktion eines Jahrbuchs anstelle eines konventionellen Katalogs. Wer von der Messeleitung Anregungen oder Impulse in schwierigen Zeiten erhofft hatte, sah sich enttäuscht. Hätte sich der Kunstmarkt nicht von allein wieder beruhigt, hätte sich diese Politik des Beharrens zu einem ernsten Problem für eine Messe ohne Heimatmarkt entwickeln können. So aber blicken alle erst einmal erleichtert in die Zukunft.