21. Februar 2011
Die diesjährig erste Londoner Auktionswoche für Moderne und Zeitgenössischen Kunst ist beendet - mit besten Gesamtumsätzen, hohen Einzelerlösen für Objekte aus namhaften Privatsammlungen, Weltrekorden. Das lässt die Kunstmarktgemeinde hoffnungsvoll in das neue Auktionsjahr blicken. Vorbei die Ängste, die seit Sommer 2008 die Geschäfte ins Wanken brachten und für viel Verunsicherung unter den Kunden und Sammlern sorgten - die der Markt auf Einliefererseite und auf Käuferseite braucht. Christie´s bilanzierte den höchsten Umsatz in einer Zeitgenossenauktion seit Juni 2008, der Monat, der auf dem Markt für die rasant umlaufende Contemporary Art erst einmal eine Zäsur setzte. Francis Outred, Experte des Hauses, resümiert: „Das war eine globale Auktion mit Kunstwerken von fünf Kontinenten und Käufern aus 21 Ländern, die höchste Umsätze einbrachten. Wir sahen leidenschaftliche Konkurrenzen unter den Bietern, starke Preise für Kunstwerke von etablierten Künstlern und solchen aus dem 21. Jahrhundert. Andy Warhols wiederentdecktes Selbstporträt wurde für mehr als das Doppelte seines Schätzpreises, für 17,4 Millionen US- Dollar verkauft.“ Insgesamt steht bei Christie´s ein Bruttoumsatz von 99,2 Millionen US-Dollar unter dem Strich. 92 Prozent, nämlich 58 der 64 Lose, wurden – meist über das Telefon - verkauft, davon 28 für über eine Millionen Dollar. Dazu gab es Auktionsrekorde für Arbeiten von Jenny Saville, Martial Raysse, Miquel Barceló, Wade Guyton, Ged Quinn und Adriana Varejão. Dem berühmten Bildnis Andy Warhols von 1967 galt der allerbeste Zuspruch dieser Woche. Es stammt aus einer Serie von zehn Porträts aus den 1960er-Jahren und wurde, wenn auch nach Aussage des Hauses anonym, nach Meldung des Nachrichtenportals Bloomberg von dem mächtigsten Galeristen der Welt, von Larry Gagosian erworben. Dieser setzte sich damit gegen den nicht weniger einflussreichen, auch händlerisch aktiven Sammler José Mugrabi aus New York durch. Das Warhol’sche Porträt kam marktfrisch auf den Block und befand sich seit 1974 in einer Privatsammlung. Der Weltrekordpreis für einen lebenden französischen Künstler wurde für das Gemälde L'année dernière à Capri (titre exotique) des Autodidakten Martial Raysse aus dem Jahr 1962 aufgestellt. Die Taxe (1,6 bis 2,3 Millionen US-Dollar) vervierfachte sich, als Ergebnis blieben 6.582.372 US-Dollar mit Aufschlägen.
Der Mitstreiter Sotheby´s hatte schon eine Woche zuvor Grund zur Freude: In der Sonderauktion „Looking Closely“ am 10. Februar zog das Triptychon von Francis Bacon mit dem Konterfei von Lucian Freud aus der zu 100 Prozent verkauften Schweizer Sammlung George Kostalitz auf satte 37 Millionen US-Dollar an (Taxe 14 Millionen US-Dollar), die die Kölner Galerie Alex Lachmann im Auftrag eines russischen Kunden geboten hatte. Cheyenne Westpfahl, Sotheby´s Chairman of Contemporary Art Europe, fasste sichtlich erfreut zusammen „Die Resultate der Abendauktion am 15. Februar, die wir mit den außerordentlichen Ergebnissen für die Auktion „Looking Closely“ einspielten, trägt uns einen Gesamtumsatz von über 143 Millionen US-Dollar für die Sparte Moderne und Zeitgenössische Kunst ein. Das ist unser bester Umsatz für eine Serie von Auktionen seit Juli 2008. Wir sahen Sammler, die stark auf die hochwertigen Objekte reagierten, die seit Jahren nicht mehr auf dem Markt geboten waren.“ In der Abendauktion wurden 54 der 59 Lose meist zu ihrer Schätzung abgegeben, darunter acht für über eine Millionen Britische Pfund, 23 für über eine Millionen US-Dollar. Neben siebenstelligen Ergebnissen im Top Ten-Bereich, etwa für Gerhard Richter und Andy Warhol, gab es Probeläufe für ganz neue Serien, wie die 100 Kilogramm wiegenden Kui Hua Zi (Sunflower Seeds)von Ai Weiwei, eine handgemachte Porzellaninstallation, die erste, die aus dieser zehnteiligen, als Varianten gestaltete Auflage dem Auktionsmarkt übergeben wurde. Die Arbeit wurde mit 568.234 US-Dollar bewertet. Sotheby’s-Experte Alexander Branczik sieht das gute Ergebnis vor allem in der Qualität dieser Installation begründet: „Diese Arbeit hat die Fantasie der Sammler-Gemeinde eingenommen. Wir freuen uns, dass wir dieses Ergebnis erzielen und eine erste Auktionsbewertung für eine Arbeit in diesem Medium von Ai Weiwei aufstellen konnten“.
Auktionsrekorde brachte auch eingelieferter deutscher Museumbesitz aus dem Weserburg Museum in Bremen, einmal mit dem bronzenen Conversation Piece von Juan Muñoz von 1993, das für rund 3 Millionen US-Dollar in die USA wanderte (Schätzung: 1.450.000 bis 1.950.000 US-Dollar) und für den Schweizer Künstler Franz Gertsch. Sein fotorealistisches Gemälde Luciano I von 1976 in Acryl auf Leinwand verließ ebenfalls die Bremer Museumshallen und verkaufte sich für rund 2,1 Millionen US-Dollar. Carsten Ahrens, Direktor des Weserburg Museum, kann mit dem Erlös nun immerhin seine Institution retten: „Das ist ein glänzendes Ergebnis für dieses exzellente Gemälde von Franz Gertsch. Es war eine harte Entscheidung, dieses geschätzte und geliebte Gemälde in die Auktion zu geben, aber sein Verkauf hat die Zukunft des Weserburg Museums gesichert“.
Und auch bei Phillips de Pury & Company ging am Freitag mit der Tagesauktion der erste London-Block zu Ende. Programmatisch konzentrierte sich das Haus wie stets vor allem darauf, ganz junge Künstler dem Secondary Market zuzuführen und öffentliche Preisskalen für neue Positionen zu schaffen, Messlatten sozusagen. Der Gesamtumsatz lag hier bei 15.828.367 US-Dollar, 83 Prozent der Gesamttaxe wurde erreicht und 78 Prozent der Lose verkauft. Weltrekorde gab es für die Künstler Wade Guyton (360.100 US-Dollar), Jim Lambie (147.186 US-Dollar) und Georg Herold (195.576 US-Dollar). Peter Sumner, Head of Sales in London, zum Markt für die ganz junge Kunst: „Wir sind froh, dass wir verschiedene Auktionsrekorde aufstellen konnten, denn das zeigt uns, dass der Markt für Zeitgenössische Kunst äußerst lebhaft ist. Phillips bereitet neuen Boden vor mit starken Auktionsergebnissen, die für junge Kunst erzielt werden können.“ Das höchst bewertete Los bei Phillips de Pury & Company war Jean-Michel Basquiats Overrun, das für rund 1,8 Millionen US-Dollar in neue Hände wechselte.