Nachbericht ART COLOGNE 2010

Mit Mut und Bodenhaftung

Stefan Kobel
27. April 2010

Daniel Hug ist zufrieden. Nach sechs Tagen ART COLOGNE, die als Zitterpartie mit einer Aschewolke begann, haben sich die atmosphärischen Störungen aufgelöst. Am Ende herrscht allgemeine Harmonie. „Ich kenne keine andere Messe, die ohne Flugverkehr so erfolgreich hätte sein können”, erklärt er. Er zielt damit auf Basel, Maastricht, Miami und andere Standorte ohne nennenswerten Heimatmarkt, die auf die weite Welt als Einzugsgebiet angewiesen sind. Insofern hat der Messechef recht. Die starke rheinische Sammlerschaft und die günstige geografische Lage Kölns, das in gut zwei Autostunden von rund 20 Millionen Menschen erreicht werden kann, sind Pfunde, mit denen die älteste Kunstmesse immer noch wuchern kann. Zugleich wird an dieser Stelle ein Mangel bemerkbar, den die runderneuerte ART COLOGNE in ihrer zweiten Ausgabe unter neuer Leitung nicht leugnen kann: Im Kalender der internationalen Kunstzirkus-Schickeria hat sie noch immer keinen festen Platz.

Einiges aber spricht dafür, dass sich das ändern könnte. Schließlich hatten sich schon wichtige Sammler aus den USA angesagt, die gerne an der Grand Tour durch die Neo-Rauch-Ausstellungen in Leipzig und München und im Anschluss die ART COLOGNE teilgenommen hätten, wegen der Flugausfälle aber nicht kommen konnten. Auch hatten einige der wichtigen internationalen Kunstmagazine Abgesandte an den Rhein geschickt. Das war in den vergangenen Jahren nicht der Fall. Und das Angebot, das sie sahen, hätte ihnen eigentlich gefallen müssen. Die aktuelle Kunst im Obergeschoss, in dem auch der Open Space residierte, bot an vielen Stellen ein ambitioniertes Programm. Hier sah man an manchen Stellen deutlich mehr Mut zur Installation als auf der zeitgleich stattfindenden Art Brussels, deren Teilnehmer dieses Jahr zumeist mehr auf Sicherheit spielten.

Gleichzeitig offenbart sich gerade hier der Nachteil des Heimatmarktes. Ganz junge Kunst hat es auf einer Regionalmesse nicht leicht. Sie ist angewiesen auf eine Klientel aus internationalen Sammlern und Kuratoren, die immer auf der Suche nach dem neuesten Trend sind. Nach einer vielversprechenden Vernissage war die Stimmung im oberen Stockwerk zumeist gut. Trotz schwächeren Besuchs (Stichwort: Vulkanasche) wurde fast überall verkauft. An den Tagen danach dümpelten die Umsätze jedoch etwas vor sich hin. Otto Schweins, alter Hase aus Köln, stellte beim Kassensturz fest, dass sich seine Erwartungen zwar erfüllt hätten, jedoch etwas anders, als er sich das gedacht hatte. Nach einigen Verkäufen zu Beginn wäre wenig Messbares passiert. Doch die Gespräche und die Verhandlungen in der Folgezeit könnten zu Ergebnissen führten, die über das zu Erwartende hinausgingen, etwa ein Auftrag für ein Hospiz, das ein Künstler der Galerie ausstatten soll – eine Aufgabe, die nicht nur finanziell, sondern vor allem inhaltlich reizvoll ist.

Die Galerie Reinhard Hauff aus Stuttgart konnte im Open Space hingegen gleich einen dicken Scheck verbuchen: 38.000 Euro kostete eine der Vitrinen von Josephine Meckseper. Und Jiri Svestka aus Berlin und Prag gab drei Arbeiten von Jaromir Novotny in das Kölner Kolumba-Museum. Insgesamt dürften jedoch in Halle 11.3 die etablierteren Positionen einen einfacheren Stand gehabt haben, selbst wenn Aurel Scheibler aus Köln neben seinen sechsstelligen Umsätzen auch noch zwei Videoarbeiten von Michael Wutz abgeben konnte. Jocelyn Wolff aus Paris stellte fest: „Die ART COLOGNE ist eine langweilige Plattform, aber eine sehr effektive. Es kommt darauf an, ein, zwei präzise Dinge zu verwirklichen und nicht darauf, Party zu machen.“ Er habe an alle seine VIPs verkauft, aus Süddeutschland, der Schweiz und Frankreich. Besonders gefalle ihm die Genauigkeit des hiesigen Marktes: „In Deutschland ist das Preisniveau sehr ausdifferenziert. Anders als etwa in Frankreich kann man hier nicht mit hohen Preissprüngen arbeiten.“ Kollege Schweins hat dennoch eine deutliche Verunsicherung ausgemacht: „Das Vertrauen ist immer noch gestört wegen des Bling-Blings der letzten Jahre. Auch große Sammler sagen mir, dass sie jetzt erst mal gar nichts kaufen, weil sie abwarten wollen, wie es weitergeht.“ Und Thomas Rehbein, ebenfalls aus Köln, gibt zu bedenken: „Ich glaube, dass die Kunstwelt sich ein bisschen was vormacht. Bei der Euphorie und unserem Willen das Beste zu leisten, haben wir vergessen, dass immer noch Rezession ist. Das gilt aber für New York genauso.“ Einig sind sich aber alle, dass sie seit einiger Zeit eine neue Schicht von Kunstinteressierten sehen: junge Leute um die 40, zu deren Lebensstil die Beschäftigung mit Kunst jenseits aller Modeerscheinungen gehöre. Die gelte es, in den kommenden Jahren zu pflegen.

Sehr solide gestalteten sich die Umsätze hingegen ein Stockwerk tiefer, wo etablierte bis klassische Positionen verhandelt wurden. Während sich die alten Freunde Hans Mayer (Düsseldorf) und David Juda (London) einen Wettkampf um die besten Umsätze und Sammler lieferten, konnten die meisten Kollegen ebenfalls punkten. Vor allem kam es hier nicht auf den ersten Tag an. Denn größere Investitionen wollen gründlich abgewogen werden. Auch haben es die etwas konservativen rheinischen Sammler traditionell noch nie besonders eilig gehabt, wie Klaus Benden aus Köln bestätigen kann. Den Samstagabend habe er mit einem Unternehmerehepaar aus dem Siegerland verbracht, das bei ihm einige frühe Werke von Tom Wesselmann für sechsstellige Beträge gekauft habe, nach einiger Bedenkzeit. Und dann gleich noch eine Arbeit von Edward Kienholz, nicht für die privaten Räume, sondern das Firmen-Kasino.

Eine druckreife Analyse seiner Erfahrungen stammt von Bruno Grossetti, Mailänder Galerist in der dritten Generation. Er freute sich über einen beeindruckenden Umsatz, möchte diesen allerdings nicht zitiert sehen. Sein Resümee lautet: „Der Stolz der Kölner ist zurück. Köln besiegt die schwarze Wolke, und die Kunst fliegt höher als die Flugzeuge. Kunst ist den Deutschen wichtiger als Geld. Am wichtigsten aber: Köln will nicht Basel sein. Köln ist kein fenomeno, sondern wächst mit dem gesunden Bürgertum und nicht mit Spekulation.“ Und zum Abschluss erklärt er: „Bruno Grossetti verspricht: Ich werde für die ART COLOGNE bei meinen italienischen Kollegen eine Lanze brechen.“ Und schreibt auf kleine Zettelchen, die er dem Messechef zuschiebt, beeindruckende Namen.

ART COLOGNE 2010


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