MUMOK eröffnet Einblicke in österreichische Privatsammlungen

Sammel-Ping-Pong

Sabine B. Vogel
10. November 2005
„Im Übrigen teile ich Ihre Meinung, dass hervorragende Kunst irgendwann im Museum landen wird“, antwortet der Wiener Sammler Franz Wojda auf die Frage von Edelbert Köb, Direktor des Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig (MUMOK), ob nicht die Zukunft der Sammlung im Museum läge. War das eine Suggestivfrage? Was bezweckt der Museumsdirektor mit seiner Ausstellung Entdecken und Besitzen, die zehn österreichische Privatsammlungen ausstellt?

Zunächst einmal rief Köb Mitte des Jahres für sein Museum ein „Jahr des Sammelns“ aus, ließ sich von Firmen einen Monat lang freien Eintritt in das Haus sponsern und sorgte so mit 37.104 Besuchern geschickt für einen Großteil der politisch geforderten Jahreszahl vor. Die folgenden Ausstellungen nämlich hätten auch ein Besucherflop werden können: Firmen- und Privatsammlungen. Damit verweist Köb einerseits auf die schwierige budgetäre Lage seines Hauses, andererseits betont er die in Zeiten von Spektakelausstellungen nahezu vergessene Tatsache, dass die Hauptaufgabe von Museen das Sammeln ist.

Was das Museum sammelt, können wir überprüfen. Was aber sammeln die Privaten? Man hört ja immer, in Österreich gebe es keine nennenswerten Sammler, die auf internationalem Niveau mithalten können. Dass dies nicht stimmt, beweist Entdecken und Besitzen. Der Ausgangspunkt liegt hier auf österreichischer Kunst, der Kunsthändler Philipp Konzett ist spezialisiert auf Aktionismus, Heinz Ploner auf ungegenständliche Malerei von Gunther Damisch über Walter Vopava bis Henri Michaux, Camera-Austria Herausgeberin Christiane Frisinghelli und der Fotograf Manfred Willmann sammeln internationale Fotografie und das Ehepaar Bogner konkrete Kunst und konstruktivistische Gestaltungsprinzipien. Die vielleicht spannendste, weil eigenständigste Sammlung zeigt Horst Köhn mit Mike Kelley und Paul McCarthy, vor allem aber mit eher unbekannten Namen wie Jamie Isenstein, Saskia Olde Wolbers oder Conrad Shawcross.

Auch wenn Ernst Ploil Stars wie Barnett Newman, Dan Flavin oder Ad Reinhard und Christian Hauer Mengen von Serge Poliakoff beitragen, können diese Sammlungen natürlich allein aufgrund der Menge nicht mit einer Sammlung Speck oder Harald Falckenberg verglichen werden. Aber hier sind doch allerhand Werke gekauft worden, die das MUMOK gerne im Besitz hätte – und jetzt dank Besitzen und Entdecken auch schon geschenkt bekam. So etwa das Modell von Dan Grahams Pavillon, das im Garten des Bognerschen „Museums“ Schloss Buchberg steht. Schließlich läuft die Ausstellungsreihe von nichtstaatlichen Sammlungen ja durchaus darauf hinaus, Sammler und eben auch Sammlungsstücke für das Museum zu gewinnen.

Mindestens ebenso wichtig ist jedoch, dass mit der Ausstellung ein Dialog begonnen wurde, der beide Seiten zufrieden stellt und Signalwirkung zeigt. Zeitgenössische Kunst zu sammeln ist schick, bringt neugierige Aufmerksamkeit und macht Freude. Gelten Kunstsammler andernorts schon als aufdringlich und viel zu dominant, so agieren sie in Österreich noch immer fast im Verborgenen. Ihre Kaufentscheidungen sind nahezu unbekannt, ihr Kontakt zu den Museen minimal, ihre Interessen ohne Einfluss auf den heimischen Markt, ihre Personen inkognito.

Wie groß das Interesse der Öffentlichkeit am Thema des privaten Sammelns ist, zeigte am 8. Oktober das die Ausstellungseröffnung begleitende Symposium „Private goes public. Privates Sammeln und Öffentlichkeit“ im MUMOK. Von morgens 11.00 Uhr bis abends 19.00 Uhr war der Saal gesteckt voll, wurde Julian Heynens Statement zur Museumspolitik einer engen Zusammenarbeit zwischen Sammlern und Institution – es gehe ja nicht um Sammlungen, sondern um Kunstwerke – beklatscht und seine Frage nach der Definitionskompetenz heftig diskutiert. Haben die Museumsdirektoren noch die Macht, über die Qualität von Kunst zu entscheiden, oder liegt das schon in den Händen der Sammler? Dieser Frage ging auch die US-amerikanische Künstlerin Andrea Fraser in ihrem zwar kompetenten, aber langwierigen Vortrag nach. In den USA, so ihre Schlussfolgerung, haben die Museen diese Macht längst an die Sammler und Förderer abgegeben.

Interessant bei dieser Ping-Pong-Frage waren die Statements von Harald Falckenberg und Wilhelm Schürmann, die beide auf die gesellschaftliche Verantwortung und auch Relevanz des privaten Sammelns hinwiesen – unter anderem eben durch das öffentliche Ausstellen ihrer Leidenschaft. Auch der österreichische Sammler Karlheinz Essl mit eigenem Museum in Klosterneuburg bei Wien unterstrich: „Wichtige Werke drängen nach Öffentlichkeit.“ Doch da fragt sich abermals: Wer bestimmt die Wichtigkeit? Die Sammler?

Michaela Neumeister vom Auktionshaus Phillips, de Pury & Company bezeichnete in ihrer Lifestyle-Plauderei mit Isabell Graw Sammler als „Mr. Power“, „Trüffelschweine“ und „Ohrenkäufer“, redete vom „tobenden Kunstzirkus“ und von „über Kunstmärkte schleichenden Sammlern“. Graw legte nach, indem sie mit „instant collections“ von all den gleich bestückten und schnell erworbenen Sammlungen sprach.

Solche negative und despektierliche Sicht liegt der MUMOK-Ausstellung fern. Hier wird auf Kooperation gesetzt und darin liegt auch die Antwort auf die Frage nach der Definitionsmacht. Einer allein, weder in Person noch als Institution, kann und soll eine solche Macht nicht ausüben. Es ist ein Wechselspiel. Fast jedes öffentliche Museum beruht auf einer Privatsammlung als Grundstock, die ergänzt, verändert, erweitert wird. Zudem muss nicht jede Schenkung angenommen, nicht jeder Ankauf gezeigt werden. Ebenso ist nicht jeder Käufer ein Sammler und nicht alle Sammlungen sind gleich. So verweist denn auch Besitzen und Entdecken, ja, das gesamte „Jahr des Sammelns“ im MUMOK auf die ungeheure Komplexität des Themas. Und dass die Auswahl der Sammlungen in der aktuellen Ausstellung unter der Kuratorin Eva Badura-Triska ziemlich einseitig ausfiel, wenig Konzeptkunst und keinerlei politisierende oder institutionskritische Werke zeigt, wird da gerne verziehen. Übrigens hatte die Ausstellung zwanzig Tage nach Eröffnung bereits über 16.000 Besucher!

Noch bis zum 27. November 2005 im MUMOK Wien, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Museumsplatz 1, 10170 Wien.

Der Ausstellungskatalog kostet 29,- Euro.


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