„Multiplizieren ist menschlich“ in der Edition Block, Berlin

Demokratie zum Schleuderpreis

Thomas Groetz
13. Oktober 2011

„Multiplizieren ist menschlich“ mit Joseph Beuys, Barbara Bloom, KP Brehmer, Marcel Broodthaers, John Cage, Henning Christiansen, Philip Corner, Maria Eichhorn, Ayşe Erkmen, Robert Filliou, Richard Hamilton, Mona Hatoum, Dick Higgins, K.H. Hödicke, Rebecca Horn, Šejla Kamerić, Arthur Köpcke, Jaroslaw Kozlowski, Olaf Metzel, Aydan Murtezaoğlu, Ebru Özseçen, Nam June Paik, Blinky Palermo, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Dieter Roth (Diter Rot), Gerhard Rühm, Bülent Şangar, Carles Santos, Sarkis, Nasan Tur, Wolf Vostell, u.a. – Edition Block, Berlin. Vom 10. September bis 26. November 2011

Die Sache hat den Umfang einer Museumsausstellung: René Blocks Präsentation in der Berliner Heidestraße umfasst nahezu alle Multiples, die er seit 1966 anregte und produzieren ließ – eine bunte Mischung aus Objekten, Grafiken, Filmen und Tonträgern, die keinen geringeren Zeitraum als die letzten 45 Jahre umfasst.

Blocks produktives Engagement bildet zunächst die künstlerische und politische Aufbruchszeit im Deutschland der 1960er- und 70er-Jahre ab. Als einer der ersten Galeristen in Deutschland zeigte er eine der Pop Art nahestehende, gesellschaftskritisch agierende Gruppierung von Künstlern, die unter dem Begriff „Kapitalistischer Realismus“ subsummiert wurden. Zu ihnen gehörten nicht nur Sigmar Polke und Gerhard Richter, sondern auch Künstler wie KP Brehmer, Wolf Vostell, K.H. Hödicke und Konrad Lueg, der später unter seinem richtigen Namen Konrad Fischer als Galerist Geschichte schreiben sollte.

Berlin als ein Knotenpunkt der Studentenbewegung schlägt sich etwa in Wolf Vostells zynischem Multiple Deutsche Studententapete von 1967 nieder, das aus vervielfältigten Zeitungsfotos entstand – zu sehen ist eine von der Polizei blutig geschlagene Demonstrantin.

René Block kam das massenwirksame, zunächst den Kunstmarkt unterlaufende Multiple gerade recht, um die lakonisch-propagandistischen Anschauungen der von ihm geförderten Künstler angemessen und erschwinglich unters Volk zu bringen. Block produzierte selbst ganze Multiple-Kompendien für die deutsche bürokratische Republik, wie etwa die En Bloc-Edition – ein Büro-Rollschrank, der mit Editionen 19 verschiedener Künstler gefüllt ist.

Eine weitere Multiple-Sammlung war dem Thema der gesellschaftlich verordneten Produktionspause gewidmet: Der Koffer Weekend, der Werke von sieben Künstlern enthielt. Freizeitaktivitäten finden sich etwa in den Suchbildern von K.H. Hödicke wieder, während KP Brehmer auf fünf verschiedenfarbigen Testbildzeichen eines Fernsehapparates in einer filmischen Sequenz aus einem zentralen schwarzen Punkt heraus ein Hakenkreuz entstehen lässt.

Neben dem Kapitalistischen Realismus engagierte sich René Block verstärkt für Joseph Beuys. Dieser eröffnete Blocks Berliner Galerie 1964 mit seiner Performance Der Chef und führte auch die abschließende Veranstaltung im Jahr 1979 unter dem schönen Titel Ja, jetzt brechen wir hier den Scheiss ab durch. Am bekanntesten ist Beuys´ Aktion in René Blocks New Yorker Dependance, in der der Künstler vier Tage mit einem lebendigen Coyoten verbrachte. Später benutzte Beuys Blocks ausrangierten VW-Bus: Hinter der geöffneten Heckklappe platzierte er eine Reihe von Schlitten, belud sie mit Filzrolle und Stablampe und gab der Arbeit den Namen Das Rudel (The Pack). Block gelang es, diese Installation für die damals astronomische Summe von 110.000 DM zu verkaufen. Interessanterweise rutschte Block danach nicht ins Big Business ab, sondern intensivierte seine Editionstätigkeit. Und so gab es den Schlitten bald als Multiple zum Preis für 300 DM zu erwerben.

Weitere bekannte Beuys-Block-Editionen wären dann noch der Filzmantel von 1970 oder ein Multiple mit dem Titel Das Schweigen, bei dem drei übereinander gestapelte Rollen des gleichnamigen Films von Ingmar Bergmann mit einer galvanischen Schicht überzogen, versiegelt und somit im übertragenen Sinne noch einmal zum Schweigen gebracht wurden.

Doch nicht nur Beuys selbst, sondern auch einer seiner berühmtesten Schüler, der damals noch unbekannte Blinky Palermo, durfte ein legendäres Multiple produzieren. Einem Karton mit Pinsel, blauer Farbe und einer Schablone gab er folgende Beschreibung bei: „Malen Sie mit Hilfe der Schablone ein blaues Dreieck über eine Tür. Verschenken sie dann das Originalblatt.“ Somit konnte jeder, der wollte, nicht nur eine Palermo-Wandarbeit herstellen, sondern auch noch anti-ökonomisch handeln. Viele entsprechende Konzepte von Künstlern der jüngsten Generation wirken im Vergleich dazu humorlos und weit weniger konsequent.

Ebenfalls berühmt ist die Edition The Critic Laughs des kürzlich verstorbenen Briten Richard Hamilton: eine elektrische Zahnbürste, auf der ein Gebiss montiert ist. Die sorgfältige Produkt-Imitation steht in einer gewissen Spannung zu ihrem eigentlichen Nutzen und befragt damit auch den Nutzen der Kunstkritik. Gleichzeitig erscheint das Artefakt mit dem Produktnamen Hamilton als eine aktualisierte, ´modernisierte´ Variante der Edition The Critic Smiles von Jasper Johns aus dem Jahr 1959. Johns hatte eine bronzene Zahnbürste mit Zähnen an Stelle der Borsten realisiert.

Nachdem René Block seine Galerie geschlossen hatte, war und ist er vor allem als Kurator tätig. Eine seiner ersten internationalen Ausstellungen war „Für Augen und Ohren“, mit der Block 1980 in Berlin Künstler und Künstlerinnen aus dem Bereich der Klangkunst präsentierte, lange bevor es diesen Begriff gab; zudem zeigte er wenig bekannte Künstlerinnen wie beispielsweise Laurie Anderson.

Sein Interesse an den Zusammenhängen von Bildender Kunst und Musik reichte bei Block vom Symbolismus bis zu John Cage, in dessen musikalischem Werk auch optische und variable Elemente Bedeutung fanden. Block realisierte 1991 mit Mozart Mix eine Edition von Cage, welche aus 25-Endlos-Kassetten mit Mozart-Musik besteht, die man nach eigenen Vorstellungen simultan von fünf beiliegenden Kassettenrecordern abspielen kann.

Musik dokumentierte René Block auch mit einer Reihe von ausgewählten Schallplatten-Editionen, beginnend mit der Viertelton-Musik von Ivan Wyschnegradsky aus der Zeit des 1. Weltkriegs. Ferner machte er das musikalische Werk von Marcel Duchamp verfügbar, präsentierte grundlegende Musikstücke aus den frühen 1970er-Jahren des kürzlich verstorbenen Elektronik-Pioniers Conrad Schnitzler und brachte Aufnahmen von und mit Joseph Beuys heraus, deren Konzerte Block häufig selbst organisiert hatte. Beuys letzter klanglicher „Auftritt“ (am Telefon) ist in der Abschiedssymphonie seines langjährigen Mitstreiters Henning Christiansen von 1985 zu hören. Von Christiansen realisierte Block 2008 das Multiple Die Freiheit ist um die Ecke, das lakonisch, mehrdeutige Lebensmotto des vielseitig aktiven Klangkünstlers, der noch im selben Jahr verstarb.

Die freiheitliche, gesellschaftskritische Ausrichtung seines Engagements verfolgte Block auch in der Zusammenarbeit mit einer jüngeren Generation von Künstlern, deren Werke in der Ausstellung mit den früheren Editionen locker gemischt sind. Šejla Kamerićs bekannte Arbeit Bosnien Girl von 2007 wurde als Siebdruck in sechs Farben herausgegeben. Der Andy Warhol-Effekt dieser Serie wirkt allerdings nicht ganz so überzeugend.

Eher eindimensional und humorlos im Vergleich zu den Kapitalistischen Realisten sind die Arbeiten von Olaf Metzel. Dies betrifft seine medienkritischen, aktuellen Assemblagen aus zerknüllten Zeitungsseiten, die in Metall erstellt sind, oder seine Arbeit Bond Stock Lockers, die aus derangierten und ineinander verkeilten Spinden besteht und wohl auf Aspekte unserer Arbeitswelt anspielt.

Variationsreicher ist die Grafik-Kassette Love It Or Leave It von 2004, in der 24 verschiedene, vor allem osteuropäische Künstler das Thema Heimat, beziehungsweise den freiwilligen oder unfreiwilligen Verlust derselben thematisieren.

Ein weiterer Schwerpunkt der aktuellen Multiples in der Edition Block sind Künstler aus der Türkei: Neben Arbeiten der bekannten Ayşe Erkmen und Nasan Tur gibt es Foto-Editionen von Bülent Şangar oder Aydan Murtezaoğlu. Diese rücken mit dokumentarischer Schlichtheit gesellschaftliche Spannungen und Ambivalenzen in den Vordergrund: inszenierte Unfälle, Demonstrationen, aber auch das Vorführen von westlichen Statussymbolen wie Autos und Kleidung.

Betrachtet man die Block-Editionen aus den letzten Jahren, zum Beispiel Fotografien, die als Lithografien ediert werden, so muss man zugestehen, dass der eigensinnige Geist der Auflagenobjekte heute nicht mehr ganz so spürbar ist. Vielleicht hat das Multiple für die Kunst der Gegenwart einen anderen Stellenwert. In einer Epoche, wo Simulation, Affirmation und Imitation selbstverständlich geworden sind, kann die Konfrontation mit einem Unikat eine neue Bedeutung gewinnen. Dieser Aspekt soll jedoch keinesfalls die umfangreichen und engagierten Bemühungen der Edition Block schmälern.


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