Monografien zu Ed Ruscha, Jason Rhoades und ein MoMA-Katalog

Die Retro-Hebebühne

Astrid Mania
18. März 2010
Für den deutschen Kunstfreund ist das Timing perfekt. 2010 ist das Jahr der großen Ed-Ruscha-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Und nun erscheint Alexandra Schwartz‘ Publikation „Ed Ruscha’s Los Angeles“. Der kleinformatige, kompakte Band beruht auf der Dissertation der Autorin, ist aber ein Bilderbuch in Worten. Schwartz möchte untersuchen, wie sich die architektonische und sozio-politische Geschichte von Los Angeles im Werk des Künstlers spiegelt – eines Künstlers, der doch so gerne behauptete, dort zu leben habe keinen Einfluss auf sein Werk. Die Autorin straft Ruscha auf 252 Seiten (plus Fußnoten) und erstaunlich unterhaltsame Weise Lügen. Sie entwirft ein kulturhistorisches Panorama der kalifornischen Metropole seit den 1960er-Jahren, listet bedeutende politische Ereignisse auf und zeichnet ein genaues Portrait der Kunstszene jener Zeit: Geschildert werden die Umtriebe der legendären Ferus Gallery, bei der Ruscha zeigte; auch das „Artforum“ residierte zeitweise in Los Angeles (deren Artistic Director Ruscha unter dem Pseudonym „Eddie Russia“ von 1966 bis 1972 war). Bisweilen nutzt die Autorin markante Werke Ruschas als Einstiegshilfen in ein breites thematisches Panorama: Das großformatige Large Trademark with Eight Spotlights (1962) etwa führt zu einem Exkurs über Hollywood und die Filmindustrie. Auch Ed Ruscha selbst tritt in dieser Publikation als überraschend schillernde Persönlichkeit hinter seinen lakonischen Werken hervor – Schwartz beschreibt ihn in frühen Jahren gar als „movie-star-style artist-playboy“, der auch nicht davor zurückschreckte, Künstlerbücher mit selbsterklärenden Titeln wie Five 1965 Girlfriends zu produzieren. Dieses Buch ist schon aufgrund seines kleinen Formats und der Beschränkung auf die Schwarz-Weiß-Abbildung nicht zum genüsslichen Bildbetrachten geeignet. Doch es taugt aufgrund seiner thematischen Breite und des angenehm unakademischen Tonfalls nicht nur für erklärte Fans des Künstlers. Wer etwas über das kulturelle Klima im Los Angeles der 1960er-Jahre erfahren möchte, ist hier ebenso gut aufgehoben wie jeder, der das Werk von Ruscha unter etwas „populäreren“ Aspekten betrachten möchte.

Es kommt selten vor, dass die Kritik, die man an einem Buch zu äußern hätte, schon auf dessen ersten Seiten steht. Bei der Publikation zu Jason Rhoades, die letztes Jahr von der Friedrich Christian Flick Collection herausgegeben wurde, ist das so. Im Prolog gesteht die Autorin Eva Meyer-Hermann – die sowohl für die private Sammlung Hauser und Wirth (die Galerie des Künstlers) sowie die Friedrich Christian Flick Collection in Zürich tätig war – dass sie sich ein etwas unkonventionelleres Format für diesen Werkkatalog gewünscht hätte. Doch das Format ist fest zementiert, schließlich ist dieser Band im Rahmen der Künstlermonografie-Reihe „Collector’s Choice“ entstanden, dem Fachorgan der Friedrich Christian Flick Collection. Es handelt sich hier um eine der umfangreichsten deutschsprachigen Publikationen zu dem im Jahr 2006 früh verstorbenen Rhoades, die sich vielleicht aus diesem Grund auch recht nüchtern-sachlich gibt – posthume Verklärung möchte dieses Buch wohl um jeden Preis vermeiden. So bleibt es ein wenig zu nah an den Werken selbst, denen es chronologisch folgt, um dann im zweiten Teil die Trophäen der Flick-Collection im Einzelnen vorzustellen. Rhoades gehört zu den jungen Künstlern, die in den 1990er-Jahren mit dazu beigetragen haben, Los Angeles wieder auf der Weltkarte der Kunst zu verzeichnen. Auch ihm könnte man ein Buch über die Metropole widmen, in der er wirkte. Anders als Alexandra Schwartz bleibt Meyer-Hermann aber überwiegend bei Rhoades im Atelier oder der Ausstellung. Dafür beschreibt sie detailliert den Aufbau, die Inspiration und Genese dieser überbordenden, raumgreifenden, anspielungsreichen, materialüberquellenden Installationen, die den Betrachter auf einen ersten Blick schier überfordern. Leider fehlt der Autorin die Konsequenz, weniger glückliche Arbeiten (etwa jene, die als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September entstanden) auch so zu benennen. Wer einen Wegweiser durch dieses so undurchdringlich wirkende Œuvre sucht und keine Berührungsängste mit der Dominanz einer Sammlung und ihrer Galerie kennt, kommt hier auf seine Kosten. Alle anderen warten weiter auf eine entfesseltere Publikation zu Rhoades.

Auch der umfangreich bebilderte Katalog „Compass in Hand“ basiert auf einer Privatsammlung. Er zeigt eine Auswahl aus den über 2.500 Zeichnungen der Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection, die dem New Yorker Museum of Modern Art 2005 geschenkt wurde und im Sommer letzten Jahres in einer Ausstellung präsentiert wurde. In diesem Band ist Schluss mit störenden und platzwegnehmenden Werkbeschreibungen, hier regiert die Bilderstrecke. Zuvor muss man sich nur durch die Einführung von MoMA-Kurator Christian Rattemeyer lesen, der die Geschichte der Sammlung und schlaglichtartig einzelne Positionen vorstellt. Die Sammlung, die in nur zwei Jahren Gestalt annahm, spiegelt eine erschreckend konventionelle Ankaufspolitik wider – entlang der Kunstzentren der westlichen Welt. Nach einem Interview, in dem der Trustee der Stiftung zu Wort kommt, der gleichzeitig Mitglied des MoMA-Boards ist, ist Schluss mit Reverenz und Höflichkeit. Dann sprechen die Bilder. Oder auch nicht. Denn der Leser wird mit den seitenfüllenden Abbildungen allein gelassen. Die Reihenfolge der gezeigten Werke richtet sich nach oberflächlichen formalen oder schlagworthaften Bezügen, wobei offen bleibt, ob der Katalog damit der Präsentation im Museum folgt. So viel Sprachlosigkeit ist verzichtbar. Mit einem Buch wie diesem kann man wirklich nur den berühmten Kaffeetisch dekorieren.

Alexandra Schwartz: Ed Ruscha’s Los Angeles, The MIT Press, Cambridge, MA, 326 Seiten, Englisch, ISBN 978-0-262-01364-2, EUR 29,80

Eva Meyer-Hermann: Jason Rhoades, DuMont Buchverlag, Köln 2009, 223 Seiten, Deutsch/Englisch ISBN 978-3-8321-9150-4, EUR 39,95

Christian Rattemeyer: Compass in Hand. Selections from The Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection, Museum of Modern Art, New York 2009, 320 Seiten, 408 Farbabbildungen, Englisch, ISBN: 978-0-87070-745-2,
EUR 46,00


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