Monografie über Yoshitomo Nara

Jenseits von Manga

Lena de Boer
12. Januar 2011

Es war an der Zeit. Denn wer Yoshitomo Naras Arbeiten näherkommen wollte, musste sich bislang mit Ausstellungskatalogen und Überblickswerken der zeitgenössischen japanischen Kunst zufrieden geben. Und sich aus lauter Fragmenten ein Gesamtbild zusammenbasteln. Dabei gehört Nara neben Takashi Murakami unlängst zu den erfolgreichsten japanischen Pop-Künstlern. Melissa Chiu und Miwako Tezuka haben sich anlässlich der aktuellen Nara-Ausstellung im Asia Society Museum in New York als Erste an die Arbeit gemacht und eine Monografie über den Künstler veröffentlicht. Und die lohnt sich nicht nur, weil sie auf dem Markt gefehlt hat.

Vielleicht hat es so lange gedauert, weil Naras Kunst zunächst zurückhaltend scheint. Sie drängt sich nicht auf mit Knallfarben und plakativer Erotik wie bei seinem Kollegen Murakami – beide Künstler sind übrigens im Japan der frühen 1960er-Jahre geboren und behandeln in ihren Werken eine Ästhetik, die Murakami in seinem Manifest als „Superflat“ bezeichnet. Dabei arbeitet Nara mit Buntstift und Aquarell konsequent an seiner eigenen Ikonografie: Die Augen, die einen beim Blättern anblicken, sind groß. Riesig beinahe. Sie starren traurig, trotzig oder wütend drein. Verletzlich, ängstlich und einsam. Es sind Kinder, vorlieblich kleine Mädchen, die er in „ästhetische Reinheit“ – wie es Midori Matsui in ihrem brillianten Essay in der Monografie schreibt - zeichnet, malt und aus Kunststoff baut. Im Gegensatz zu Murakami, der vor allem den Vormarsch eines postmodernen Japans in die ganze Welt hinausschreien mag, wird Naras Werk „als symbolische Darstellung der in der japanischen Jugend zwischen den späten 1990er- und den frühen 2000er-Jahren vorherrschenden Gefühle betrachtet.“

Naras Bilder scheinen sich auf den ersten Blick zu erschließen. Manga, denkt man. In der Monografie wird dieses, sich auch in der Kunstgeschichte hartnäckig festgesetzte Vorurteil jedoch in die Schranken gewiesen: Nara selbst sagt in einem in der Publikation enthaltenen Interview, er liebe Kinderbücher und ihre Illustrationen. Er sei fasziniert von der Rebellion pubertierender Jugendlicher und ihren Ängsten. Vor allem aber liebe er Musik und sein Heimatland Japan. Dass seine Seherfahrungen auch vom Manga beeinflusst sind, streitet er nicht ab. Der Manga gehört zu Japan wie die kleinen Mädchen zu Naras Werk. Aber mehr möchte der Künstler mit dem asiatischen Comicphänomen nicht zu tun haben.

Vielmehr ist es die Isolation, die Nara interessiert. Schließlich wuchs er als Kind des postindustriellen Zeitalters auf. Die Wirtschaft boomte, alle wollten und fanden Arbeit und die Kinder wurden alleine gelassen. Oft spricht Nara von dem Phänomen der „latchkey“-Kinder; Kinder, die schon früh einen eigenen Schlüssel für das Elternhaus bekommen, da sie nach der Schule in ein leeres Heim zurückkehren müssen. In dieser bedrohlichen Welt, die sich zusehends aus Fantasie und Angst zusammensetzte, versuchten sich die kleinen Geschöpfe vehement gegen das Erwachsenwerden zu wehren und sich als Individuen zu behaupten.

Auch die Musik beeinflusst Nara. Die kleinen, isolierten Wesen des Japaners haben die rotzige Attitüde des Punks verinnerlicht. Sie stellen sich auf Stühle und Tische, um an den Saiten einer E-Gitarre zu zupfen, sie liebäugeln mit Plattencovern, während ihnen der Speichel aus den dünnen Strichmündern läuft, sie wollen nur eines: Die geballte Faust in die Luft reißen und ordentlich rocken.

Daher ist es auch die Rebellion, die Nara fasziniert. Seine Protagonistinnen wollen nicht erwachsen sein. Sie bleiben in der Transition zwischen Kindlichkeit und Erwachsenwerden stecken und wehren sich gegen eine Welt, die sie nicht versteht. Mit gezückten Messern und gefletschten Vampirzähnen schaffen sie sich ihre eigene, emotionale Totalität.

In dem Buch werden diese Aspekte ausführlich besprochen und bebildert. Dass eine kritische Hinterfragung zum Thema Manga ausbleibt, ist hingegen schade. Denn was, wenn nicht der Manga, beeinflusst die Bildsprache des japanischen Pops bis heute nachhaltig und bildet auch den größten Unterschied zur westlichen Pop-Art? Flächigkeit in der Bildsprache, illustrative Elemente – das alles gibt es seit dem 17. Jahrhundert, der sogenannten Edo-Zeit in Japan, und findet sich sowohl im traditionellen Manga als auch in zeitgenössischen Werken wie dem Naras wieder.

Ambivalenz. Ein weiteres Thema, das Naras Werk ausmacht, und das in der Monografie leider nicht besprochen wird. Die Frage nach der Vereinbarkeit einer „ästhetischen Reinheit“ im Gegensatz zur dreckigen Attitüde des Punks bildet interessante Reibungspunkte. Ähnlich ist es mit Naras Medialität: In einem Interview betont er, dass es die Öffentlichkeit und nicht die Kunstgeschichte war, die ihn berühmt gemacht hat. Weshalb er seiner vermeintlich zurückhaltenden Arbeit auch nicht immer Stand halten kann: Regelmäßig veröffentlicht der Japaner kleine Taschenbücher und Merchandise-Artikel, die gut und günstig zu haben sind und seine Anhänger mit greifbarem Material füttern.

Und so produziert Nara T-Shirts, Tassen und kleine Püppchen. Und macht damit Pop. Pop, um - wie es Matsui in ihrem Aufsatz schreibt - „die kollektiven Gefühle von Menschen zu verkörpern, die dieselbe Zeit und denselben Raum wie der Künstler bewohnen“. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum diese mit knapp 300 Seiten bestückte, prächtig bebilderte und aufwendig gestaltete Monografie zu einem doch annehmbaren Preis zu haben ist.

Melissa Chiu/Miwako Tezuka (Hg.): „Yoshitomo Nara. Nobody's Fool“; Dumont, Köln 2010. 272 Seiten, Deutsch, 271 Abb., davon 268 farbig, ISBN 978-3-8321-9346-1, EUR 39,95


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