Monica Bonvicini im Museum Abteiberg, Mönchengladbach

Faster, Pussycat! Draw! Draw!

Magdalena Kröner
24. April 2012

Monica Bonvicini: „Desire Desiese Devise – Zeichnungen 1986 - 2012“ – Museum Abteiberg, Mönchengladbach. Vom 4. März bis 20. Mai 2012

Man glaubt, sie zu kennen, diese Monica Bonvicini: Geboren 1965 in Venedig, in Berlin lebend, mit deutlicher Neigung zu Hardcore und Fetischismus; die Frau der großen, harten Gesten, die Ausstellungsräume in Darkrooms verwandelt und Werkzeuge in schwarzes Leder einnäht. Die Kritik nennt das „Ironischen Feminismus“; der Kunstbetrieb goutiert ihr Werk mit den höchsten Auszeichnungen wie dem Goldenen Löwen für den besten Pavillon auf der Biennale von Venedig oder dem Preis der Nationalgalerie. Und jeder meint, genau zu wissen, was von ihr zu erwarten sei. Doch das gelingt nicht immer: Bei „Desire Desiese Devise“, so heißt Bonvicinis erste große Zeichnungsausstellung im Museum Abteiberg, ist einiges anders als gedacht. Direktorin Susanne Titz zeigt die Zeichnungen, Collagen und Textarbeiten der viel zu häufig auf inhaltliche Angriffslustigkeit und formale Paukenschläge festgelegten Künstlerin in einer opulenten Ausstellung, die es erlaubt, den Blick auf ein scheinbar hinlänglich bekanntes Œuvre nachhaltig zu erweitern.

Und als wäre es nicht genug, in einer fast manischen Inventarisierungsleistung aus mehr als tausend Blättern eine Essenz von dreihundert Werken herauszufiltern, stammt auch die Ausstellungsarchitektur aus der Hand Bonvicinis: Aus offenporigem Sperrholz hat sie zierliche Kabinette ins Haus eingebaut. Diese zunächst so improvisiert wirkenden, abstrakten Körper nehmen das Tempo heraus aus dieser Flughafenhalle der Postmoderne, die es schon manchem Künstler schwer gemacht hat, und schaffen eine eindringliche Intimität.

Wie subtil Bonvicinis skulpturale Veränderungen sind, zeigt sich vor allem im großen Wechselausstellungsraum: Hier hat sie eine Art Paravent eingefügt, der den Raum deutlich einrückt und ihm die rechten Winkel nimmt. Eingriffe wie dieser verstärken das Gefühl des Umzingeltseins. Sie erzeugen eine direkte, körperliche Konfrontation, wie man sie auch von der Begegnung mit ihren Skulpturen und raumgreifenden Installationen kennt. Es gibt hier kein Entkommen vor den überlebensgroßen Phrasen und kopulierenden Paaren, den maskierten Männern und schablonenhaften Frauen. Das Werk rückt seinem Betrachter auf die Pelle. Doch gerade diese Nähe ermöglicht auch noch etwas anderes: einen genauen Blick auf Details und Nuancen; auf feine und leise Töne.

Bonvicinis Zeichnungen lassen sich als Exegese des ihr eigenen, unverwechselbaren Eklektizismus lesen. Sie springt durch Genres und Stile, sie stickt und druckt und klebt; benutzt Bleistift, Tempera, Büroklammern, Kugelschreiber, Asche, Sprühfarbe, Tusche. Sie zeichnet Comics und Konstruktionszeichnungen; entwirft akribische Schnittmuster für ihre ledernen Netze, und malt in fetten Temperastrichen Harnische so plastisch, als könne man sie gleich anziehen. Sie zerlegt die Refrains von Popsongs, bis nur noch flirrende Buchstaben übrig bleiben und delektiert sich an minimalistischen Text-Bild-Aphorismen. Sie klebt mögliches Material für erdachte Bühnenbilder direkt aufs Papier und bastelt an einer Collage über Architektur einfach so lange weiter, bis sie die Begrenzungen des Blattes sprengt.

Die Ausstellung legt neue Zugänge zum gelegentlich hermetisch wirkenden skulpturalen und installativen Werk Monica Bonvicinis. Sie macht nachvollziehbar, woraus sich über Jahre hinweg ihre markanten Formen und Gesten entwickelt haben; wie etwa das Vokabular der Fetischkultur oder die Chiffren schwuler Bauarbeiterverehrung transformiert werden. Neil Young, Giotto, Punk, Marxismus: In Mönchengladbach sieht man plötzlich, wo das alles herkommt, wie es zusammenhängt und sich ins Werk hinein entwickelt; wie es aus dem Kopf aufs Papier schwappt und von dort hinein in den Raum. Denn genauso sieht die Ausstellung aus: Der blitzblanke Hollein‘sche Marmorparcours wird überflutet von Bonvicinis scheinbar ruhelosem, gezeichneten Stream of Consciousness. Darin wird vieles erstmals oder wieder sichtbar, das von der Perfektion und der provozierenden Glätte der Installationen und Skulpturen verdeckt wird.

Im Prozess einer ununterbrochenen bildnerischen und semantischen Recherche entwickelt Bonvicini ihre Kritik an der Gleichförmigkeit von Produktion und Begehren, das Kunst, Architektur und Sprache dominiert. Niemand hat das vor ihr so formuliert und niemand hat es in so klare Formen gegossen wie sie. So sind die hier gezeigten Blätter bei allem locker Zueinandergefügten und Assoziativen vor allem Konzeptpapiere, die konzentriert in die Arbeit weisen und diese vorbereiten. Bonvicinis Blätter sind keine spontanen Notate tagesaktueller Befindlichkeiten oder ironischer Geistesblitze, wie sie etwa Martin Kippenberger auf Hotelpapier hinterließ. Sie bilden keine Registratur persönlicher Krisen und Emotionen wie die öffentlich zelebrierten Intimitäten Tracey Emins. Zwar ist hier viel vom Begehren die Rede, doch geht es dabei eher um die Hülsen der Sprache als um das Begehren selbst: „Most people I want to fuck I don't want to hear“, schreibt Bonvicini in ihrer Serie „Smart Quotations.“

Überhaupt: die Verweise, die Zitate, die Sprache, die Monica Bonvicini so lustvoll seziert – allein damit hätte man eine eigene Schau füllen können. Ob Architekturtheorie oder Popsongs, Werbeslogans oder der funktionale Sprech bestimmter Berufsgruppen wie den von ihr so gerne eingesetzten Bauarbeitern: alles strömt hinein und kondensiert auf dem Papier. So bildet die Sprache auch den eigentlichen Kern dieser Ausstellung: Bonvicini hat ab den 90er-Jahren als eine der ersten Künstlerinnen, ausgehend von Strukturalismus und Gendertheorie, die sexuellen Gehalte von Architektur thematisiert. Bei ihr heißt das: „So male, looking good and erected Forever”. Bonvicini hat sich angeschaut, was für ein Blick auf die Welt eigentlich drinsteckt in der ganzen Rechtwinkligkeitsbesessenheit der Moderne. Natürlich taucht in Mönchengladbach auch jener Ausspruch Mies van der Rohes auf, von dem aus die Künstlerin ihre preisgekrönte Venedig-Installation aus dem Jahr 1999 entwickelte: „I Believe in the Skin of Things as in that of Women“ sagte der berühmte Modernist im Jahr 1977. Adolf Loos schrieb 1908 in „Ornament und Verbrechen”: „A horizontal line: the reeling woman. A vertical line: the man who penetrates her.“ Die Künstlerin zeichnet dazu urkomische Comicmännchen, die diese Aussagen in die Tat umsetzen.

Irgendwo im Raum ist der Spruch zu lesen: „These Days Only a Few Men Know What Work Really Means.” Eine wie Monica Bonvicini weiß das auch. Diese gelungene Ausstellung macht nachvollziehbar, mit welcher Zähigkeit und geradezu spürbaren Kraftanstrengung sie ihr Werk unablässig formt; wie sie es in Sprache und Bild allmählich einkreist, bis es jene Klarheit und Härte bekommt, die es braucht, um die eigene Radikalität da draußen, vor Publikum, durchzuhalten.


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