20. April 2012
46. Art Cologne, Köln. Vom 18. bis 22. April 2012
„Können wir jetzt auch mal Kunst anschauen?“ Philipp Kaiser schielt unruhig auf die kleinen, knotig gekneteten Skulpturen von Louise Bourgeois am Stand von Karsten Greve und will gerade zu einer dieser angenehm unprätentiösen, aber fachlich messerscharfen Bemerkungen ansetzen, mit denen er die Kunst auf der Art Cologne kommentiert. Seit einer Stunde läuft er zusammen mit Daniel Hug im Eiltempo durch die Gänge – wobei es der Messechef mit seinem cowboyhaft-knorrigen Enthusiasmus perfekt versteht, dem neuen Direktor des Museum Ludwig die Galeristen auf dem Silbertablett zu servieren, darunter Peter Nagy von Nature Morte aus Neu Delhi, Roslyn Oxley aus Sydney oder das Kölner Urgestein Thomas Zander. Fast schon alte Bekannte sind dagegen Brian Butler von 1301PE aus Los Angeles, die Crew Hauser & Wirth aus Zürich und David Zwirner aus New York. Unterdessen lässt das Tempo der beiden fast vergessen, dass man es hier mit zwei kalifornienerprobten Schweizern zu tun hat.
Während Hug also für alle die Werbetrommel rührt, erwidert Kaiser munter und redselig den vielen Respekt, der ihm entgegenschlägt. Seine nonchalante Neugier schüttelt er aber nur da ganz aus dem Ärmel, wo ihn die Kunst dran packt: Bei Thomas Zander stürzt er sich auf eine Vitrine von Lothar Baumgarten, der hier mit Schiffen bedruckte Blättchen von Zigarettenschachteln aufgereiht hat. Schon vertiefen sich beide in ein Gespräch über Land Art – es fällt der Name Anthony McCall, den Kaiser kürzlich in seine Ausstellung zum Thema eingeladen hat. Kurz darauf weckt am Stand von Thomas Solomon eine weitere Vitrine seine Aufmerksamkeit: Ein leerer Gaffel-Kölsch-Kühlschrank. Der Galerist zuckt mit den Schultern, gestern sei da noch Bier drin gewesen, aber nach dem Eröffnungsrummel ist er natürlich leer. Philipp Kaiser gluckst: „Ich dachte, das sei Kunst!“. Spätestens, als Hug und er an der Rolltreppe auf die Rubells stoßen, merkt man, dass dieser Museumsdirektor nicht nur ein jungenhaftes Selbstbewusstsein besitzt, sondern beim Smalltalk so wirkt, als interessiere er sich tatsächlich für sein Gegenüber – und das, ohne dabei wie ein Streber auszusehen.
Als Kaiser also gerade die Bourgeois bei Karsten Greve näher unter die Lupe nehmen will, zeigt Daniel Hug auf einen Mann mit Rauschebart: Der Galerist höchstpersönlich, per Telefon herangerufen. Augenblicklich stehen die beiden stramm. Schließlich gehört es sich, dass man einem Galeristen mit über 40 Jahren Berufserfahrung aufmerksam zuhört – zumal Greve genau weiß, wie wichtig kluge Museumspolitik und die Sammlergunst aus den Benelux-Staaten sind. „Ich hoffe, dass es Ihnen gelingt, die politische Führung in Köln zu motivieren“, spricht er druckreif zu Philipp Kaiser und meint damit, dass man dort die Abwanderung der lokalen Galerien nach Berlin noch immer nicht richtig mitbekommen habe. „Ich selbst bin Optimist. Es ist interessant, wie sich eine Landschaft verändern kann.“ Hug und Kaiser nicken, als Greve plötzlich die Gleichzeitigkeit der Art Cologne und Art Brussels moniert. „Die Belgier nehmen das persönlich. Das war damals schon so, als die Kölner Messe mit der FIAC kollidierte. Solche Konflikte muss man unbedingt vermeiden und eine gemeinsame Lösung finden. Sonst verlieren wir hier in Köln nicht nur die Belgier, sondern auch die Niederländer und Nordfranzosen. Das wäre fatal, denn wir haben teilweise mehr Kunden in Brüssel als im Rheinland.“ Hug und Kaiser schauen ernst. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag eine Lektion in europäischem Kunstmarkt erteilt. Auch wenn ein alter Hase nicht mehr repräsentativ für alle anderen und außerdem der Überzeugung ist, in Basel gäbe es keine Schwarzgeldkunden: Als Greve meint, man müsse jetzt dringend ein Signal gen Westen senden, merkt man den beiden Jüngeren eine extra Portion Ehrfurcht an. Zwar beherrschen sie ihr Handwerk bestens. Aber ein großes Schiff zu steuern, egal ob Messe oder Museum, kann man nur auf hoher See lernen. Eins ist klar: Wenn Philipp Kaiser am 1. November am Rhein antritt, wird er seine eigene Route fahren. Dass er dabei Wellen schlägt, kann man sich gut vorstellen.