15. Juli 2010
Mirosław Bałka: „Wir sehen Dich“ – Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Vom 16. April bis 22. August 2010
Die ständigen Sammlungen der Museen haben ein Problem: Sie sind ständig. Alles Ständige und Beständige aber ist, einmal abgesehen von Heavy-Metal-Bands, Ahoi-Brause und Helmut Schmidt, dem auf permanente Evolution getrimmten Publikum schwer vermittelbar. Man stelle sich nur vor, die Tagesschau sendete jeden Abend die gleichen Nachrichten – undenkbar. Allein deshalb muss es weiterhin Invasionen, Ölkatastrophen, DSDS und Krakenorakel geben. Die Museen begegnen dem allgemeinen Innovationsdruck auf vielfältige Weise. In der Staatsgalerie Stuttgart zückte man den kuratorischen Knobelbecher und würfelte die Bestände munter durcheinander, auf dass Max Beckmann im Mittelalter wieder sexy wirke. Im Warschauer Muzeum Narodowe sichtete man die ständige Sammlung im Hinblick auf homoerotische Motive neu und zeigte mit der wegweisenden Ausstellung „Ars Homo Erotica“, wie viel Unentdecktes oder Verdrängtes im Unbewussten des Museums schlummert. In Essen hieß man – Überraschung! – David Chipperfield neue Räume schaffen für die alten Bestände und boostete so den Aura-Faktor.
Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe wiederum hat den polnischen Künstler Mirosław Bałka gebeten, ihre Sammlung altdeutscher Meister mit dem Virus der zeitgenössischen Kunst zu infizieren, um das Immunsystem der angegrauten Herren zu stärken. Bałka kam, sah und sagte: Mir ist, als ob ich tausend Stäbe bräuchte! Und zwar aus Stahl! Also reichte man ihm für seine Installation „Wir sehen dich“ Stäbe und Stahl, und Bałka bastelte daraus einen käfigartigen, tunnelförmigen Korridor, der nun durch die Sammlungsräume führt. Auch wenn der Vergleich fast zu naheliegend ist: Man fühlt sich ein bisschen wie im Zoo. Hinter der Absperrung knurrt gleichsam Hans Baldung, streicht Matthias Grünewald umher und schlummert Albrecht Dürer nach der Fütterung. Oder sind wir die Eingesperrten und die Kunst betrachtet uns, frei nach dem Motto „Was wir sehen, blickt uns an“ (Gottfried Boehm)?
Keine Frage: Bałka ist eine eindrückliche „Intervention“ gelungen, wie es im Kunstsprech heißt. Allein diese ist so stark, so präsent und so unmittelbar physisch wirksam, dass zumindest der Rezensent beim Begehen des Meistergeheges versucht war, Bałkas Gittergänge unablässig unter eine enorme Bedeutungsspannung zu setzen. Die symbolische Dimension drängt sich nachgerade auf: Ob der Tunnel den Tunnelblick des Museumsgängers versinnbildlicht, dem seine Gefangenschaft in Erwartungshaltungen und seine unausweichliche Distanz zu den Werken nicht ausreichend bewusst ist? Geht es also um die Unmöglichkeit, „zu den Sachen selbst“ (Edmund Husserl) oder dem „eigentlichen Gehalt“ (Erwin Panofsky) der Werke vorzudringen? Warum aber wäre Bałka dann den Kompromiss eingegangen, Öffnungen im Korridor zu belassen, die doch wieder einen konventionellen Blick auf die Exponate ermöglichen? Greift Bałka gar zu den stumpfen Waffen der Institutionskritik und „hinterfragt“ den ideologischen, normativen Charakter des Museums? Das wäre plump. Oder ist dem Künstler und seinem Kurator Julian Heynen schlicht daran gelegen, durch einen möglichst starken Kontrast die idiosynkratische Komponente der altdeutschen Malerei zur Geltung zu bringen?
In dieser Hinsicht würde die Karlsruher Version von „Pimp my Collection“ einen durchaus begrüßenswerten Gegenentwurf zur neuen posthistorischen Stuttgarter Schule darstelle, welche bekanntlich die Kontinuitäten, Genealogien und Parallelen innerhalb ihrer ständigen Sammlung unterstreicht. In Karlsruhe tritt, lässt man sich auf diese Interpretation ein, das inkommensurable Verhältnis zwischen Heute und Gestern und damit unser eigenes „historisches a priori“ (Michel Foucault) zutage. Es ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und dahinter keine Welt. Zumindest keine, in die wir „eintauchen“ könnten. Statt mit der Siegesgewissheit des humanistischen Ikonologen die Artefakte zu decodieren, stehen wir wieder vor Bildern, die sich uns entziehen und gerade durch ihre Unverfügbarkeit faszinieren. Wären da nicht diese kleinen Auswege, die Bałka offen lässt. Sein Kommentar zur Karlsruher Sammlung wäre ohne Hintertürchen überzeugender ausgefallen.
Dass es Bałka gelungen ist, mit einer minimalistischen Idee eine solche potenzielle Bedeutungsfülle zu schaffen, ist beachtlich. Doch zugleich ächzt seine dialogische Inszenierung unter der raunenden Fülle ihrer Anspielungen, Verweise und ihrer – vielleicht ungewollten – symbolischen Schwere. „Kunst hinter Gittern!“ oder „Betrachter in erzwungener Distanz!“ sind thematische Schwergewichte, die sich in der Presse wunderbar kommunizieren lassen, aber letztlich Steilvorlagen zu generalisierenden Interpretationen bieten. Was das schlussendlich mit Bałkas Videoinstallation im Erdgeschoss zu tun hat, bleibt unklar. Unweit des Eingangs befindet sich ein abgedunkelter Raum, in welchem Bałka auf zwei waagrecht auf dem Boden positionierte Leinwände je eine Gasflamme projiziert, während auf einer großen Projektion an der Wand Luftblasen in einem Wasserbecken zu sehen sind, die unter einer bröckelnden Sandschicht nach oben perlen. Belebt Bałka vielleicht die antike Vier-Elemente-Lehre wieder, wenn er Wasser, Erde, Feuer und Luft im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit präsentiert? Ist‘s nur ein Schmankerl, das uns die Auftraggeber nicht vorenthalten wollten? Oder steht die Arbeit tatsächlich in direktem Zusammenhang mit „Wir sehen Dich“? Ich jedenfalls sehe ihn nicht.