Miriam Cahn bei Meyer Riegger, Berlin

Stille Stellvertreter

Gesine Borcherdt
10. April 2012

Miriam Cahn: FAMILIENRAUM + andere Werke – Meyer Riegger, Berlin. Vom 2. März bis 21. April 2012

Viele Wege führen zum Feminismus. In der Kunst sieht einer davon so aus: 1976 reist Miriam Cahn, 27-jährig, als Delegierte zum Warschauer Friedenskongress, um dort für Schweizer Frauenrechte zu streiten. Ein Jahr zuvor war sie gegen Atomkraft ins Feld gezogen und mit der Ofra in Kontakt gekommen, der Organisation für die Sache der Frauen – weshalb sie alles verwarf, was sie im Grafikstudium an der Baseler Gewerbeschule gelernt hatte. 1980 wird sie wegen Kohlegraffiti an der neuen Baseler Tangente verhaftet, zwei Jahre später folgt ein documenta-Auftritt, bei dem sie beinahe ihre Installation abzieht, weil Kurator Rudi Fuchs kurz vor der Preview Teile daraus entfernt, um einen anderen Künstler daneben zu quetschen. Bis heute tritt sie mit Performances und Lesungen auf. Feministische Kunst eben.

Wer aktuell in die Galerie Meyer Riegger kommt, sieht etwas anderes. Etwas, wofür Miriam Cahn heute vor allem bekannt ist: Malerei. Aquarellige Bilder von auratischer Leuchtkraft, wie Aufnahmen mit einer Wärmebildkamera. Einfachste Motive in strahlenden Farben, wolkig konturiert, oft mit einem hellen Nimbus versehen, geisterhaft von innen glimmend. Berge, Häuser, Pflanzen, Tiere. Und immer wieder Menschen, oder zumindest eine Ahnung davon. Vereinfacht dargestellt, beinahe lebensgroß, blicken sie hohläugig und frontal auf Augenhöhe in den Raum hinein, wie entkleidete Engel, herabgestiegen von mittelalterlichen Fresken. Keine Spur von Wut, Kampf, Unterdrückung. Frauenrechte und Menstruation, Muttermisere und Haarnadeln – von Künstlerinnen, die mit ihrem Werk einen Vorwurf in den Raum stellen, ist Miriam Cahn weit entfernt.

Auf den ersten Blick sogar so weit, dass man gar nicht merkt, was hinter der Arbeit FAMILIENRAUM steckt, die den gesamten ersten Raum ausfüllt: Auf zwölf Ölbildern und vier Zeichnungen von 1969 bis 2009 – womit hier auch eine Retrospektive zu sehen ist – hat sie Vater, Mutter und Schwester porträtiert. Dabei sind die Figuren so typologisiert, dass die persönliche Erinnerung zur allgemeinen wird. So stellt sie den Vater nicht als klassisches Porträt, sondern als kindlich-buntes, affenähnliches wachtierchen dar, dem sie außerdem ein feuerrot bis moosgrün leuchtendes, kahlköpfig-karges Großprofil sowie das Gemälde einer kubistisch verschlungenen Gartenskulptur zuordnet. Sich selbst sieht sie als schwerfällig im Bildraum schwebende Frauenfigur mit Hängebrüsten. Und die Schwester erscheint nicht nur als kranker Körper, sondern auch als schwarz-weiße Architekturzeichnung: Nur, wer weiß, dass sie sich vom Baseler Münster stürzte, was Cahn auch in Gesprächen mit Mutter und Bruder festgehalten hat, erkennt die Tragik und Intimität, die dem sonst so weich wirkenden Werk der 62-Jährigen zugrunde liegt. Fast schmerzt es, dass darin keine persönlichen Züge auftauchen, sondern nur abstrahierte Stellvertreter, zusammengesetzt aus empfindlichsten Erinnerungen.

Tatsächlich pocht in Miriam Cahns Bildern eine unterschwellige Aggressivität. Wenn ein gespenstisch- androgynes Paar über einen dunkelgrünen Grund gleitet, ein Haus sich in bunter Transparenz auflöst oder zwei zarte Strichfiguren unter einem geometrisch zerlegten Himmel hinweg flüchten, dann sieht das aus wie Szenen aus einem Märchenbuch, das jemand aus dem Wasser gezogen hat. Cahns wabernde Bildräume sind stille, innere Dramen, die ihr Werk in gewissem Sinne in einen surrealistischen Kontext rücken. Trotzdem geht es hier nicht um gemalte Psychoanalyse. Das Unterbewusstsein ist bei ihr zwar ein Strom, der ohne Konstruktionsplan ungefiltert auf die Leinwand fließt – aber dort ergießt er sich nicht in Abstraktionen, wie bei den expressiv pinselschwingenden Nachkriegsmalern, sondern drückt sich mit der sanften Unmittelbarkeit eines Kindes aus. So gesehen kann man Miriam Cahn als Erbin der Romantiker lesen, die im Kind und im Unbewussten den Menschen in seiner Ursprünglichkeit sahen, bevor er sich seinen selbst verordneten Regeln beugt. Doch Miriam Cahn hat sich weder einer politischen noch ästhetischen Ideologie verschrieben. Was ihre Bilder auszeichnet, ist ein stiller Existenzialismus, ein Blick in den Abgrund der conditio humana, der mit geradezu unheimlicher Intensität zum Tragen kommt.

Ihre Schriften und Lesungen, die diese Stimmung aufgreifen, verhalten sich dazu wie Gedankenfetzen – und legen ihrem Werk auch eine konzeptionelle Komponente zugrunde. Die macht es allerdings fast unmöglich, Miriam Cahn eine klare Rolle in den Kunstsparten zuzuordnen. Feministische Kunst? Nun ja, Louise Bourgeois, Marlene Dumas und Maria Lassnig sind sicherlich Schwestern im Geiste – aber ästhetisch gehen sie andere Wege. Miriam Cahn ist dagegen die Feministin mit den weichen Zügen.


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