Mikroökonomie des Kunstmarkts

Preis auf Anfrage –Teil II

Jürgen Kaube
26. September 2005
Seit den 1970er Jahren ist eine Reihe von Studien über die Durchschnittsrenditen angestellt worden, die auf dem Markt für verschiedene Kunstobjekte langfristig zu erzielen waren. Die Resultate sind für die Freunde des Kunstkaufs zu Vermögensbildungszwecken enttäuschend. Zwischen 1652 und 1961 etwa lässt sich aufgrund von Auktionsergebnissen nachweisen, dass Bilder eine reale Verzinsung von 0,55 Prozent boten, was selbst von britischen Staatsschuldpapieren deutlich übertroffen wurde. Auch in der Nachkriegszeit war zwischen 1950 und 1987 der Zugewinn von 1,6 Prozent nicht wirklich großartig. Wer zwischen 1803 und 1987 meinte, durch Ankauf einer Stradivari sein Vermögen mehren zu können, dem gelang es im Durchschnitt mit 2,2 Prozent. Wer Hoffnungen in den Markt für alte Feuerwaffen setzte, legte in den letzten Jahrzehnten sogar drauf.

Dass sich angesichts solcher Umstände die Vermutung halten kann, Kunst sei ein gutes Investitionsobjekt, beruht darauf, dass viele Beobachter sich angesichts der exzeptionellen Erfahrung, die Kunst bietet, auch ökonomisch nicht an Durchschnitts-, sondern an Spitzenwerten orientieren. Christie's hat 1997 die Kollektion von Victor und Sally Ganz versteigert. Damals wurden 207 Millionen Dollar erzielt, ein Rekordbetrag für eine einzige Sammlung. Ein Picasso, der 1941 noch 7000,- US-Dollar kostete, ging für 48,4 Millionen weg; ein Jasper Johns, der 1964 für 15.000,- US-Dollar gekauft wurde, erbrachte 7,9 Millionen. Aus keinem Staatsschuldpapier der Welt, mag man denken, ist so viel herauszuholen. Das Staunen über solche Wertzuwächse beruht aber nicht auf Kalkulation, sondern auf dem Wunsch, dass hier der Glaube an bedeutende Kunst, also Treue und Kennerschaft, honoriert wird. Es dürfte sich durch den Hinweis mäßigen, dass auch 7.000,- US-Dollar, die 1941 in eine amerikanische Aktie gesteckt worden sind, sich 1997 im Durchschnitt zu 47,8 Millionen Dollar verzinst haben. Zieht man vom Picasso fällige Auktionskommissionen und -gebühren ab, dann stehen Aktien noch besser da.

Aus Befunden wie diesen schließen Ökonomen, dass der Kunstmarkt durch eine Vielzahl von Verhaltensabweichungen der an ihm Beteiligten gekennzeichnet ist. So würde wohl niemand, anstatt ein Bild für eine Million Euro zu erwerben, es alternativ im Jahr für 50.000,- oder im Monat 4.000,- Euro mieten – obwohl das bei einem Zinssatz von fünf Prozent im Jahr ökonomisch auf dieselbe Ausgabe hinausliefe. Berechnendes Verhalten liegt auch dann nicht vor, wenn private Museen Bilder nicht verkaufen, obwohl sie sie niemals zeigen. Reine Sammler bestimmen gegenüber reinen Vermögensanlegern große Bereiche des Kunsthandels und kaufen ohne Rücksicht darauf, ob sie auch wieder profitabel verkaufen können. Sie verlassen den Markt nicht gleich bei jedem Stimmungsumschwung, sondern üben sich in ästhetischem Gleichmut gegenüber seinen Risiken.

Warum tun sie das? Wir haben es bei Kunstwerken mit ökonomisch nicht ganz alltäglichen Objekten zu tun. Denn bei normalen Waren lassen ihre funktional-technischen Eigenschaften hinreichende Schlüsse auf den Wert des Konsum- oder Investitionsobjektes zu. Hier nicht. Aber vielleicht macht man soziologisch und ökonomisch ja schon den ersten Fehler, wenn man annimmt, dass es auf einem Markt überhaupt um Dinge geht? Immerhin könnte es ja sein, dass das, wofür Preise verlangt und bezahlt werden, bloß bestimmte Eigenschaften der jeweiligen Dinge sind? Eigenschaften, die sie mit ganz anderen, kunstfernen Dingen teilen. Bilder und Skulpturen lassen sich ja nicht nur anschauend genießen: Man kann mit ihnen angeben, zeigen, was einem die Vergangenheit bedeutet oder andeuten, dass man ziemlich modern lebt. Muss also, wer die Preise auf dem Kunstmarkt verstehen will, nicht vielmehr die Preise auf dem Markt für Luxuslimousinen, Zweitboote und Polopferde im Blick haben?

Es kommt jedoch bei Kunstwerken noch etwas hinzu. Normale Waren sind zumeist keine Einzelstücke, Kunstwerke schon. Sie erlauben darum eine ausgezeichnete, besonders intensive Weise von Besitz. Wer die Blicke von Frauen gesehen hat, die abends einer anderen begegnen, die dasselbe Kleid trägt, weiß, was damit gemeint ist. Mit Kunst passiert das nicht so leicht – und umgekehrt gelten Abendkleider, mit denen man sicher ist, so eine Erfahrung nicht machen zu müssen, als Kunstwerke. Genau darum dürfen sich auch die Kunstkäufer selber als Einzelstücke fühlen – sie kaufen als Individuen und ziehen Kunst als Besitz gegenüber weniger persönlichen Vermögensanlagen vor. Und tatsächlich: Wer möchte seinen Nachfahren schon als Besitzer von englischen Kommunalobligationen im Gedächtnis bleiben? Die großen amerikanischen Kunstkäufer um 1920, die Fricks, Morgans, Rockefellers oder Mellons, hatten genug davon – und kauften darum bei Duveen. Um sich in Gegenständen zu vergewissern, wer man ist, eignen sich Polopferde oder Zweitboote schon besser – zur Mitteilung von Individualität aber auch selbst dann nicht, wenn man sie „Picasso“ tauft. Kunstwerke hingegen erlauben alle Arten von Demonstrativkonsum. Und genau dafür muss – im Durchschnitt – mit kleinen Einbußen bei ihrem Vermögenswert bezahlt werden.

 

Jürgen Kaube ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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