Miklos Onucsan bei Plan B, Berlin

Unorte des Sehens

Heike Fuhlbrügge
12. Dezember 2011

Miklos Onucsan: Unfinished MeasurementsGaleria Plan B, Berlin. Vom 4. November bis 17. Dezember 2011

Damit keine Missverständnisse entstehen: Unter dem Titel der Ausstellung „Unfinished Measurements“ (Unvollendete Messungen) schützt die Kuratorin Madalina Brasoveanu den rumänischen Konzeptkunst-Pionier Miklos Onucsan gegen jede irgendwie regionale oder osteuropäisch geprägte Vereinnahmung. Das Konzept, mit dem der Künstler in der Berliner Galeria Plan B präsentiert wird, ist bewusst theoretisch gehalten und sträubt sich gegen jede kulturelle Geografie der Betroffenheit.

Onucsan war bereits in den frühen 1980er-Jahren aktiv, wenn auch einem internationalen Publikum unbekannt. Wie auch, schließlich hatte die Generation an Künstlern der Siebziger- und Achtzigerjahre im totalitären kommunistischen Regime Nicolae Ceauşescus nicht die Möglichkeit, außerhalb Rumäniens auszustellen. Onucsan gehört neben Künstlern wie Ion Grigorescu (Jg. 1945) – der letztes Jahr auf der berlin biennale erstmals einem größeren Publikum bekannt wurde oder Geta Bratescu (Jg. 1926), die auf der diesjährigen Istanbul Biennale ausstellte – zur osteuropäischen Avantgarde. Zusammen mit jüngeren Protagonisten wie Dan Perjovschi (Jg. 1961), Stefan Constantinescu (Jg. 1968) und der legendären alternativen Künstlergruppe Studio 35 in Oradea zählt er zu den Vorbildern für die jüngste Generation: Für die jungen international tätigen und politisch motivierten rumänischen Shooting Stars wie Xandra Popescu (Jg. 1980) und die Künstler aus dem kreativen Epizentrum in Cluj um Mircea Cantor (Jg. 1977), Adrian Ghenie (Jg. 1977), Ciprian Muresan (Jg. 1977), Simon Kantemir Hausi (Jg. 1976) und Victor Man (Jg. 1974) bilden sie die ideelle Folie.

Onucsan gehört auch zu den strengen Theoretikern der Szene, der gerne proklamiert, dass seine Arbeiten „nicht aus Ideen einer vorformulierten Philosophie geboren werden oder diese versucht zu illustrieren.“ Denn, das ist dem Künstler wichtig, „sie sind nicht gespeist aus einer Art Wissen, sondern aus Unwissenheit. Somit stehen sie eher für Befragungen, denn für vorgefertigte Antworten.“

Onucsans Hauptarbeit in der Galerie war bereits in diesem Jahr in der Gruppenausstellung „Image to be protected until it vanishes“ im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen zu sehen. Außerdem hatte sie der Künstler als Bewerbung für den diesjährigen rumänischen Pavillon der Biennale von Venedig eingereicht, konnte sich jedoch nicht gegen Stefan Constantinescus und Ciprian Muresans Gewaltthemen und den Garten von Andrea Faciu (Jg. 1977) durchsetzen. Der Titel I Re-place the Horizontal of the Water (2011) nimmt Bezug auf die natürliche, waagerechte Ausbreitung des Wassers – von dem allerdings nichts zu sehen ist, ganz so, als wäre es verdunstet: Sichtbar sind nur Trockenheitsrisse in einer riesigen, fast den gesamten Hauptraum der Galerie einnehmenden Erdschicht. Darauf liegen kleine gelb-rote Wasserwagen, deren Luftblasen die Horizontale anzeigen. Sie verweisen auf das Wasser und werden somit zu Messinstrumenten einer Topografie des Abwesenden.

Auch in anderen Arbeiten der Ausstellung geht es um das Verhältnis von Präsentem und Unsichtbarem. In Unconditioned Air (2011) spürt man das Kunstwerk als Luftzug, bevor man es sieht. Aus einem Fensterglas ist in großen Lettern das Wort AIR herausgeschnitten und öffnet wie eine Pore den Galerieraum nach außen. In der Fotoarbeit The Penultimate Surface (2011) ist ein Stück rohe Wandoberfläche abgebildet, die im Kontrast zur weißen Wand steht. Auch diese Arbeit gibt eine Leerstelle vor, diesmal als ob ein Stück der Galeriewand ungestrichen geblieben ist und ältere Schichten dort offen liegen. Der Betrachter ist bei Onucsan also stets gefordert, sich Fehlendes selbst zu denken.

Erinnerndes Sehen durch imaginative Ergänzungen untersuchte bereits der Hamburger Kunsthistoriker Wolfgang Kemp anhand von Jean-Léon Gérômes Gemälde Der Tod des Marschall Ney (1868). Vor einer Mauer liegt ein Erschossener. Ein Soldat bleibt hinter seiner Truppe zurück und blickt sich um, womit er den Betrachter auffordert, den Raum zwischen Geschehen und Geschehenem imaginativ zu erschließen. Auf solche mentalen Unorte oder besser – ein Dazwischen –, die durch die Abwesenheit von erzählerischen Momenten oder Material erzeugt werden, bezieht sich auch Michel Foucault in seinem Heterotopie-Modell. Wie Foucault geht Onucsan von real existierenden Orten aus, die jedoch unwirklich sind, wie Räume in einem Spiegelbild.

Doch womit will man diese entstandenen Leerstellen nun füllen? Politische Assoziationen als Erinnerungsarbeit an die Diktatur Ceauşescus sollen sich ja gerade nicht einstellen. Dennoch schärfen sie die Wahrnehmung, weil sie tatsächliche ebenso wie bloß imaginative Momente verschieben und damit relativieren. Ohne Zweifel, die Arbeiten Onucsans eröffnen Fragen und stellen sich gegen jede Kodierung und aufgeladene Symbolwelten des Sehens.


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