10. Februar 2010
Mike Kelley – Schinkel Pavillon, Berlin. Vom 6. Februar bis 27. März 2010Es kann schon ein arges Kreuz sein mit Ausstellungseröffnungen. Da amüsieren wir uns prächtig und im allerbesten Gefühl, an der sozialen Front des Kunstbetriebs mal wieder richtig gute Arbeit geleistet zu haben. Währenddessen aber, von künstlerischer wie vermittelnder Seite gewollt oder gelitten, verflüchtigt sich die ausgestellte Kunst zu einer bloßen Kulisse. Wird sie buchstäblich Tapete, im metaphorischen Sinne zum Hintergrund. Ein solches Opfer nehmen wir natürlich gern in Kauf, solange wir engagiert am sozialen Gewebe mitweben. Jenem fragilen Stoff, der eine so tragende Rolle im Dienste professionell-reibungsloser Abläufe im Kunstbetrieb spielt. An anderen Tagen hingegen möchte uns ein schier heiliger Furor packen angesichts eines von Eitelkeiten induzierten Laufsteggebarens, jenes Szenegeschnatters und Vernissagegegackers, angeheizt vom Weißwein, das so völlig inadäquat und respektlos seinem Anlass gegenüber wirken kann. Besonders bei einer von Machern wie Publikum sehnsüchtig erwarteten Ausstellung. Da würden wir doch glatt, wie weiland Jesus die Händler und Wucherer aus dem Tempel, die Ignoranten und Selbstdarsteller am allerliebsten aus den Hallen der Kunst hinauspeitschen, um einen ersten, ungestörten Blick auf das sozusagen noch ofenwarme Angebot zu riskieren.
Ein Kreuz ist es mit den Vernissagen, und viel zu selten passiert es, dass wir still bei uns denken: Hey, das ist ja mal eine super Eröffnung! Weil sie der Ausstellung guttut und – umgekehrt – die Vernissage als Ereignis längst nicht so toll wäre, fände sie nicht anlässlich dieser speziellen Schau statt. Mit der Ausstellung von Mike Kelley, in Kooperation mit der seit Jahresbeginn wieder exklusiv in Köln beheimateten Galerie Jablonka entstanden, ist genau dieses Kunststück geglückt. Die Schau ist gut. Und gerade die Eröffnung hat maßgeblich dazu beigetragen, die spezifischen Qualitäten des Werks herauszustreichen. Nicht, dass irgendetwas sonderlich spektakulär (gewesen) wäre. Kelley dockt mit seinen vier, ebenso lapidar wie effektiv im Schinkel Pavillon platzierten, nun, Medienskulpturen ein weiteres Mal am „Superman“-Plot an. Davon konnten wir uns bei seinem letzten Berliner Gastspiel 2007 im Rahmen der opulenten „Kandors“-Doppelausstellungssause bei Jablonka und einer temporären Ausstellungsräumlichkeit des Hamburger Sammlers Harald Falckenberg ein mehr als hinreichendes Bild machen.
Damals mochte man sich ein wenig überwältigt fühlen von einem ausgerechnet als Skulpturenpark materialisierten Comic-Utopia. Kelley war buchstäblich zu einer Art Leistungsschau angetreten, bei der Produktionsetat und -techniken plötzlich mindestens ebenso sichtbar wurden wie die relativ simple Idee einer plastischen Übersetzung der verschiedenen Varianten Kandors – die von bösen Mächten miniaturisierte Heimatstadt dieses prototypischsten aller Superhelden: Superman. Die Ausstellung kam in Form eines Luxusbastelsatzes im installativen Format mit schick alchemistisch-psychedelischem Grundton daher.
In diesem Sinne sei Entwarnung gegeben. Im Schinkel Pavillon geht es ungleich gemäßigter zur Sache. Hier sind vier relativ mächtige, verdächtig nach B-Movie-Kulisse aussehende Felsbrocken im Raum arrangiert. Sie erforden durch ihre schiere Präsenz als Ding und in ihrer Funktion als Sockel – mit darauf platzierten, altertümlichen Monitoren – gerade genug von unserer Aufmerksamkeit, dass wir noch frei durch den Raum flanieren können und uns dennoch körperlich dazu verhalten. Der leise pulsierende Sound zu den gezeigten Filmsequenzen ist kontinuierlich präsent. Zugleich synthetisch-artifiziell und angestaubt-psychedelisch überzieht er uns mit einer Art Retro-Science-Fiction-Atmosphäre, noch bevor wir uns überhaupt auf die vier Filme einlassen – die Monitore sind übrigens wie zufällig auf unterschiedliche Blickrichtungen eingestellt. Das schummrig heruntergedimmte Licht im Raum rührt einerseits von den Monitorprojektionen her und kommt, andererseits, von Spots, die jeweils die Fels-Fernseher-Einheiten dramatisch anstrahlen. Was in den einzelnen animierten Filmsequenzen passiert, geht gut mit den anderen, sagen wir, Requisiten dieses Raumarrangements zusammen: Da laufen in kleinen Labor-Gläsern merkwürdige kristalline Transformationen ab, chemische Reaktionen vielleicht, unerklärlich verführerische Experimente. Darauf verweisen auch die suggestiv-ausführlichen Titel der Arbeiten, wie etwa The Icy Crystalline Depths of Merwaif Grotto, Below the Polar Crust oder The Crawling Saffron Slimes of the Unicorn Consort of Satyr Mountain (alle Arbeiten 2009).
Was aber diese Ausstellung ganz speziell macht, ist die Tatsache, dass sie förmlich wie nebenbei passiert. Dass sie ist oder wird, was sie zeigt, nämlich Kulisse, Zeitlichkeit, Atmosphäre. Dass sie zugleich mit aller Unzulänglichkeit des Kulissenhaften da ist, um uns anderswohin zu verführen. Und gerade deshalb eignet sie sich so hervorragend als Schauplatz einer oder, besser gesagt, ihrer Eröffnung. Dass Kelley dies bewusst kalkuliert haben mag, dass er über die Rezeption seines Werkes nachgedacht hat und die Ausstellung sich im Ereignishaften konstituieren lässt, ist anzunehmen. Denn zu den Präsentationsbedingungen gehört, dass die Schau erst bei Zwielicht, im Dämmer gezeigt werden soll – wie vor einem Jahr, als diese sonderbaren Versteinerungen und Verflüssigungen in einer Gruppenschau bei Jablonka bereits einen weniger glücklichen Platz gefunden hatten. Aber auch dort schon hatte man den Eindruck, die Monitore schauten auf ihre Umgebung zurück. Gut, dass nun eine Möglichkeit gefunden wurde, dieses Werk unter nahezu idealen Bedingungen zu zeigen: Es macht Spaß, im Gespräch oder nicht, in der mehr oder weniger gezielten Betrachtung dessen zu sein, was hier gleichzeitig abläuft. Und so flüchtig dieses Vergnügen auch sein mag, so wenig Aussicht auf Dauerhaftigkeit oder Verwertbarkeit in dieser Schau auch stecken mag – manchmal ist gerade gut, dass sich so eine Situation überhaupt ergibt. Recht viel konkreter kann Utopia nämlich nicht werden.