Mike Bouchet in der BAWAG Contemporary, Wien

Zapfanlage Kunstgeschichte

Hans-Jürgen Hafner
26. Mai 2010

Mike Bouchet: „Retreat“ – BAWAG Contemporary, Wien. Vom 7. Mai bis 30. Juni 2010

Es gibt Kunst, die wir deswegen schätzen, weil sie willentlich und wissentlich „schlecht“ ist. Natürlich ist gute schlechte Kunst ein Paradox. Und geradezu widersinnig an solchen „bad“-Taktiken ist, dass gewollt schlechte Kunst extrem gekonnt sein muss. Nur so gelingt ihr der heikle Spagat, unsere jeweiligen ästhetischen Konventionen in einer Weise zu unterminieren, dass unser Bild von der Kunst zwar ins Schleudern gerät, sie als Ganzes aber, als System intakt bleibt. Gut eingesetzte „bad“-Taktiken spitzen vielmehr das Profil der Kunst und ihres Betriebs zu und erweitern – in ihren Mitteln mehr oder weniger subtil und im Effekt mehr oder weniger nachhaltig – deren Möglichkeitsräume. Die sich dadurch nämlich oft genug als verblüffend eng gesteckt erweisen. Der bekannte, und im Grunde ebenso paradoxe, Vorwurf an die Kunst, dass in ihr viel zu viel möglich wäre, erweist sich schnell als Illusion. Der Zugang zu Kunst ist, zwischen Kunstausbildung, Markt und Institutionen, rigide reglementiert. Und ihre öffentliche Perspektive verkürzt sich zudem auf ein kleines, beinahe ausschließlich über (kommerzielle) Absatzmöglichkeiten definiertes Fenster.

Insofern freut es uns natürlich, wenn wir vom Engagement für eine „Kunst fernab des Mainstreams“ lesen. Eine Kunst sogar, die der allfällig „wachsenden Tendenz zum Kulturevent und zum Spektakel“ widerstehen soll. Wir loben selbstverständlich das Ethos einer institutionellen Agenda, die sich der Förderung solcher künstlerischen Positionen verschreibt, die dezidiert „Qualität, Zeitgemäßes und die ernsthafte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen zum Inhalt haben“. Und beinahe euphorisch werden wir, wenn das mit einigem Elan in neuen, eigens dazu konzipierten Räumen geschieht – wie jetzt, in schicker Innenstadtlage am Wiener Franz Josefs Kai. Dort nämlich hat die BAWAG Contemporary eine neue, ziemlich spektakuläre Residenz bezogen, nach einem kurzen und leider recht glücklosen Intermezzo an der Wiedener Hauptstraße im vierten Gemeindebezirk, im gemeinschaftlich mit der Generali Foundation genutzten Foundations Quartier.

Dass aber ausgerechnet Mike Bouchet die Eröffnungsausstellung bestreitet, gibt uns dann doch eher zu denken. Der gebürtige Kalifornier ist bekanntlich alles andere als zimperlich, wenn es um große, plakative, ja dumm-dreiste Gesten, ums Eventhafte und Spektakuläre geht. Und das hat weniger mit den Inhalten und Themen seiner Arbeiten zu tun – etwa seiner wiederholten Auseinandersetzung mit den Topics und Oberflächen der (US-amerikanischen) Unterhaltungskultur wie Celebritiy- und Starkult, Lifestyle- und Modeindustrie – als vielmehr mit der Wahl seiner künstlerischen Mittel. Bouchets Kunst basiert im Wesentlichen auf der Persiflage, der karikierenden Imitation, der ironisch-affirmativen Nachahmung. Dafür bezieht er sich auf die formalen Inventare der Kunstgeschichte ebenso wie auf die Strukturen des Corporate Business. Doch weil seine Werke formalästhetisch wie inhaltlich allzu nahe an dem zu persiflierenden Phänomen bleiben, sind Bouchets Arbeiten weit eher Symptom des solcherart persiflierten Phänomens als stichhaltige Kritik daran.

Dabei kokettiert Bouchet mit „bad“-Taktiken in Hülle und Fülle. Ob trashige Schnitzkunst oder motivische Anleihen bei der Pop Art, ob strukturelle Rückgriffe auf Fluxusspektakel oder strategische Einverleibung von Techniken der Appropriation, ob Derviat-Malerei im sterilen Plakatstil nach Spülmittelverpackungen und Pornomagazinmotiven oder situativ eingerichteter Mitmachparcours – dem Künstler scheint nahezu jedes Mittel recht und billig zu sein, seine an der Oberfläche (konsum- und gesellschafts-)kritischen Americana-Themenparks möglichst offensiv an den Mann zu bringen. Er ist der getreue Schüler seiner Lehrer Paul McCarthy und Richard Jackson, die eine Art kalifornisches Neo-Pop-Art-Idiom global etablierten. Da mögen sich dann schon mal ein amerikanisches Fertighäuslein zur Biennalezeit in die Lagunenlandschaft Venedigs verirren (Watershed, 2009) oder vom Künstler designte und vor Ort in Auftrag gegebene Jeans vom kolumbianischen Himmel regnen (Carpe Denim, 2004). Aber abgesehen vom Spektakulären solch ambivalent gemeinter Gesten – zeugen sie nicht vor allem von einem unerschütterlichen Glauben an die Allgültigkeit und Universalität amerikanischer Kulturleistungen? Ist die Haltung hinter solchen Gesten dadurch nicht geradezu arrogant?

Für seine Schau „Retreat“ hat Bouchet in der dekonstruktiv rau inszenierten Architektur der BAWAG Contemporary einen, entsprechend unbedachten, Themen-Parcours um Koordinaten wie Wellness und Sauberkeit, Selbstverwirklichung und Selbstvermarktung eingerichtet. Da laden uns Golfutensilien dazu ein, dem frisch verputzten White Cube handfest-sportlich zu Leibe zu rücken, während andererseits aus Pappe gebastelte Jacuzzi-Skulpturen (z. B. Lionel Ritchie Jacuzzi, 2007), eine Art wiederkehrende Trademark-Linie in Bouchets reichhaltiger Produktpalette, mit der Idee des prominenten Gebrauchs kokettieren, wenn sie jeweils mit der Assoziation an eine bekannte Persönlichkeit versehen werden. Und ein monumentaler Konservenblock Canburger (2007) mit eingedosten Hamburgern gemahnt uns an Techniken der Serialität und des Readymades, wie wir sie von Andy Warhol kennen, oder auch an Piero Manzonis geheimnisvolle Merda d’artista (1961). Da machen in betont banal-fotorealistischer Manier gemalte Bilder etwa eines Badreiniger-Logos nochmals darauf aufmerksam, dass es eine lange Tradition der künstlerischen Bezugnahme auf die Warenwelt gibt; aber auch, dass mit solch einer neuerlichen Bezugnahme allein kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist.

Am Ende werden wir das Gefühl nicht los, dass all die „bad“-Techniken, wie sie Bouchet genauso wahl- wie risikolos für seine Kunst-Konsum-Kritik-Persiflagen einsetzt, dem Wortsinn gefährlich nahekommen. Diese Kunst, sie ist letzen Endes wirklich nur schlecht zu nennen. Auch und gerade, weil sie die Logik des durch sie Persiflierten samt ihrer Effekte so bedenkenlos reproduziert. Weil sie ohne ästhetisch-doppelten Boden, ohne taktisches oder politisches Feingespür auskommt. Weil sie an einst vielleicht sogar witzige, ironische, ja gar subversive Strategien andockt, die heute jedoch keinerlei kritisches oder provokatives Potenzial mehr besitzen, ohne diese – ästhetische, konzeptuelle – Inflation auch nur ansatzweise mitzudenken. Weil sie es sich in jeder Hinsicht einfach macht, sie sich konform zu den Konventionen, traditionell zu den Standards verhält. Sie bieder, banal, betulich ist – im Machen naiv, im Anspruch aber unangemessen wirkt. Bouchet freilich kann nur, was er kann. Der BAWAG Contemporary hätten wir für ihre Premiere in den neuen Räumen mehr Mut und größere Sensibilität im Sinne ihrer institutionellen Selbsterklärung gewünscht.


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