Michel Majerus im Kunstmuseum Stuttgart

Majerus Reloaded

Jutta von Zitzewitz
6. Dezember 2011

Michel Majerus – Kunstmuseum Stuttgart. Vom 26. November 2011 bis 9. April 2012

Eine sinnfällige Ortswahl für die Michel Majerus-Werkschau ist Stuttgart allemal. Hier verbrachte der Künstler zwischen 1986 und 1992 seine Lehrjahre an der Akademie, zunächst als Schüler des Informel-Malers K. R. H. Sonderborg, und danach bei Joseph Kosuth, bevor es ihn Anfang der Neunzigerjahre nach Berlin zog.

Als Majerus im Jahr 2002 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, hinterließ er trotz seiner nur 35 Jahre ein umfangreiches Werk. Es zeigte, wie begierig er sich Bilder aller Art einverleibte. Mit dem Rüstzeug der Appropriation Art stellte er sich der Bilderflut der Gegenwart und dem Erbe der Pop-Art. Auf virtuose Weise sampelte er Motive aus Comics, Computerspielen, Werbung, Jugendkultur und Kunstgeschichte. Im Copy-Paste-Modus treffen Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat auf Super Mario und Manga-Trash, Frank Stella auf Nike-Turnschuhe, Cowboy Woody aus dem Animationsfilm „Toy Story“ auf Techno-Logos. High und Low, Schrift und Bild, Figuration und Abstraktion stehen gleichwertig nebeneinander, werden frei kombiniert und geloopt. Auch Stile und Techniken unterwirft Majerus seiner Samplingmethode. Minimalismus, Informel, Pop-Art und Farbfeldmalerei – das Spektrum ist breit und reicht von gestischen Pinselhieben und Farbschlieren auf der Leinwand bis zur digitalen Reproduktion von Werbebildern. „Alles ist schon da, man muss nur seinen Kopf hineinstecken“, sagte Majerus einmal und entledigte sich damit auch des Bildeinfalls. Der Künstler ist nicht mehr Ursprung, sondern Medium, eine Durchgangsstation. Screenshots von visuellen Eindrücken und Erinnerungen präsentiert Michel Majerus deshalb wie Déjà-vus. Originalität? Eine obsolete Kategorie.

Den bis zum Überdruss ausgerufenen Tod der Malerei hat Majerus aber nie akzeptiert. Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation wollte er deren Möglichkeiten erweitern – etwa ins Installative, wie bei der bedruckten Halfpipe für Skater, die er 2000 im Kölnischen Kunstverein einrichtete, oder konzeptuell in die Sprache und die Möglichkeiten der Kombinatorik hinein. Parallel zum Aufstieg des Internets arbeitete Majerus früh und vorausschauend an einer Malerei 2.0, in der historische und stilistische Abstände in einer schon digital gedachten Gleichzeitigkeit eingeschmolzen werden.

Die Stuttgarter Retrospektive betont nun in über hundert Werken den installativen Charakter seines Schaffens und die Vielfältigkeit seiner Malerei. Im Erd- und Untergeschoss des Kunstmuseums – das sonst der Sammlung vorbehalten ist – präsentiert sich all das so leuchtend und frisch, dass sich die Frage nach der Aktualität dieses Künstlers fast von selbst erübrigt. Hier wird der Nachweis erbracht, dass Majerus ein Frühvollendeter war, dessen Werk die retrospektive Verkitschung seines viel zu kurzen Lebens nicht nötig hat.

Direkt zu Beginn des Parcours vermittelt Controlling the moonlight maze (2002), das Majerus kurz vor seinem Tod vollendete, wie wichtig ihm das Dreidimensionale seiner Malerei war. Der Betrachter kann durch eine Öffnung in das Werk eintreten und sieht sich inmitten eines kubischen Stahlgerüsts von vier Riesenleinwänden umgeben, die alle in unterschiedlicher Technik ausgeführt sind – ein überwältigendes Raumerlebnis. Direkt daneben kann man sich die über 100 Meter lange Wandarbeit mit den Riesenlettern One by which you go in, one by which you go out erlaufen, die offene Architektur des Museums lässt das problemlos zu und kommt Majerus’ XXL-Kunst mit ihren langen Fluchten, hohen Wänden und sich kreuzenden Blickachsen sogar entgegen, verstärkt seine „In your Face“-Ästhetik. Yet sometimes what is read successfully, Stops us with its meaning, no II ist so ein Beispiel. Ein riesiger Nike-Turnschuh schwebt vor einem psychedelischen Streifenmuster und scheint den Betrachter zertreten zu wollen. Majerus installierte das Werk anlässlich der Manifesta 2 (1998) in Luxemburg im Foyer eines Kinos, wo es den Betrachter unvorbereitet treffen musste. Majerus liebte solche Effekte. Ähnlich räumlich erlebt man den bildgewordenen Techno der Standbilder aus der Animation michel majerus (2000). Die stroboskopartige Ästhetik dieser Videoarbeit, die den Namenszug des Künstlers im Staccato zerlegt, wird auf mehreren Leinwänden kongenial in Malerei übersetzt – in Stuttgart wirkt das wie eine Installation in Dolby Surround.

An anderer Stelle kommt Majerus’ Affinität zur Clubkultur in geriffelten Metallplatten zum Tragen, die an die Dancefloors der 1990er-Jahre erinnern (Sinnmaschine, 1997). Die Vorliebe des Künstlers für industrielle Werkstoffe und Alltagsmaterialien machte vor nichts halt – Aluminium, PVC, Spanplatten, Spiegelfolien und Styropor kommen neben der klassischen Leinwand zum Einsatz. Mit dem Low-Tech-Finish mancher Arbeiten betreibt Majerus auch eine Form von Medienarchäologie, etwa in seiner Hommage an das frühe Computerspiel Space Invaders (2002). In What looks good today, may not look good tomorrow (1999) ist das Bewusstsein von den Verfallsdaten der Gegenwart Bildmotto geworden. Den aktualisierten Brillo-Boxen A 1-7, T 1-7, H 1-7, M 1-7 (1996) liegt dieselbe Erkenntnis zugrunde. „Super Mario“, die Figuren aus „Toy Story“ und die Logos von Techno-DJs, die den Boxenstapel schmücken, werden durch das Warhol-Zitat prämusealisiert und in die Mottenkiste vergangener Aktualitäten gesperrt.

Von der ätzenden Ironie eines Martin Kippenberger oder Sigmar Polke ist Majerus bei aller Leichtigkeit aber weit entfernt. Distanz war ihm schon deshalb fremd, weil er nur malte, was ihn auch begeisterte. Er war selbst Skater, Gamer und Clubgänger, war Teil der Welt, die er abbildete. Wenn Quentin Tarantino Fan-Kino macht, so produziert er Fan-Kunst. Alle Künstler, die er zitierte, verehrte er auch – das gilt für die Frank-Stella-Zitate, denen in Stuttgart ein ganzer Raum gewidmet ist, ebenso wie für Andy Warhol, von dem er lernte, sich der neuesten Techniken zu bedienen, um seine Produktionsgeschwindigkeit zu erhöhen. Ob er sich wie Warhol auch wünschte, eine Maschine zu sein, kann man indes nur vermuten.


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